Fatwa in der Türkei Flirten verboten

Verlobte sollten in der Öffentlichkeit nicht Händchenhalten, flirten oder "anderes Benehmen" an den Tag legen, das "nicht im Islam gebilligt" werde. Das untersagte jetzt die oberste Religionsbehörde der Türkei. Und noch mehr sollten Verliebte besser nicht tun.

Eine Fatwa, ein islamisches Rechtsgutachten, sorgt in der Türkei für Diskussionsstoff: Das Amt für religiöse Angelegenheiten, bekannt unter dem Namen Diyanet, will Verlobten vorschreiben, wie sie sich zu verhalten haben. Zum Beispiel sollten sie nicht in der Öffentlichkeit Händchen halten oder als Paar allein sein.

"In dieser Phase ist es nicht ungewöhnlich, dass Paare sich treffen und miteinander reden, um sich kennenzulernen", heißt es in dem Gutachten. "Gleichwohl könnte es unerwünschte Ereignisse geben, ob mit oder ohne Wissen der Familien." Dazu zählten "flirten, das Zusammenleben, ohne verheiratet zu sein, oder als Paar unbeobachtet zu sein". Dies fördere Tratsch und Gerüchte. Auch das Händchenhalten in der Öffentlichkeit gehöre zu den Dingen, die sich demnach nicht mit dem Islam vereinbaren ließen.

Die Religionswächter der höchsten islamischen Autorität der Türkei verlangen von Verlobten, diese Phase ihres Lebens "in Übereinstimmung mit islamischen Normen" zu verwirklichen. Dass es unverheiratete, nicht verlobte Paare geben könnte, die intime Grenzen überschreiten, scheint für sie dermaßen unvorstellbar, dass sie diese Möglichkeit gar nicht erst erwähnen.

Tatsächlich klaffen die Ansichten über das Liebesleben in der Türkei auseinander. In weiten Teilen des Landes teilen die Menschen die rigiden Ansichten der Religionsbehörde. Andererseits leben viele Türken, insbesondere in den Großstädten, ein freies, selbstbestimmtes Leben, frei von religiösen Vorschriften - auch als unverheiratete, nicht verlobte Paare und sogar in unterschiedlicher Geschlechterkombination.

Um zu verhindern, dass Paare nur vor einem Geistlichen und damit rechtlich nicht anerkannt heirateten, fordert Diyanet die Imame auf, Eheschließungen nur noch vorzunehmen, wenn die Paare einen staatlichen Trauschein vorweisen können. Andernfalls, heißt es, käme es zu "bedauerlichen Vorkommnissen", was die Religionswächter aber nicht näher konkretisieren.

Laut der regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" warnt ein weiteres Rechtsgutachten Muslime davor, Aleviten zu heiraten, wenn diese sich nicht als Muslime, sondern als Anhänger einer eigenständigen Religion verstünden. Auf Twitter wird das einhellig als Diskriminierung von religiösen Minderheiten verurteilt.

Gesetzeskraft hat eine Fatwa in der Türkei nicht, sie gilt nur als Handlungsanleitung. Die Behörde, ein riesiger Apparat mit mehr als 100.000 Mitarbeitern und einem Jahresetat von umgerechnet mehr als einer Milliarde Euro, äußert sich gerne zu allen möglichen Dingen. So klärte sie die Menschen im Frühjahr 2015 auf, dass bei einer "Waschung" im islamischen Sinne zwar vorwiegend Wasser verwendet werden solle, dass aber die Benutzung von Toilettenpapier grundsätzlich aus religiöser Sicht in Ordnung sei. Davor hatte Diyanet bekannt gegeben, dass die Benutzung von Reinigungsmitteln, die Alkohol enthielten, erlaubt sei. Verboten sei jedoch das Trinken von Alkohol.

Die Behörde kontrolliert das Personal in den Moscheen in der Türkei und schreibt die Predigten, die die Imame vor Ort beim Freitagsgebet verlesen oder sich zumindest daran orientieren. Auch im Ausland unterhält Diyanet Niederlassungen, darunter in Deutschland den Dachverband Ditib. Der koordiniert die religiösen und kulturellen Tätigkeiten der nach eigenen Angaben rund 900 türkischen Moscheegemeinden in Deutschland.

Mehr lesen über
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.