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15. Juli 2017, 17:26 Uhr

Gülens Rolle beim Türkei-Putsch

Imam der Armee

Von , Ankara

Die Gülen-Gemeinde präsentiert sich im Westen als moderat-religiöse Bildungsbewegung. Etliche Indizien sprechen jedoch dafür, dass ihre Kader die treibende Kraft hinter dem Putschversuch gegen Erdogan waren.

Der Luftwaffenstützpunkt Akinci liegt 25 Kilometer von Ankara entfernt auf einem Hügel. Er galt lange Zeit als einer der am besten gesicherten Flughäfen der Türkei. Das Militär hatte hier drei Staffeln F16-Jets stationiert. Bis in die Neunzigerjahre lagerten die US-Amerikaner in Akinci Nuklearwaffen. Zivilisten ist der Zugang zur Militäranlage verboten.

Trotzdem nahmen am frühen Morgen des 16. Juli 2016 türkische Polizisten den Theologen Adil Öksüz in Akinci fest. Er soll in den Stunden zuvor von dem Stützpunkt aus den Putsch gegen Präsident Recep Tayyip Erdogan koordiniert haben.

Soldaten hielten die Bosporusbrücke und den Atatürk-Flughafen in Istanbul besetzt. Sie bombardierten das Parlament und den Präsidentenpalast in Ankara. Erst nach schweren Gefechten gelang es der Regierung, die Kontrolle über das Land zurückzugewinnen. Fast 300 Menschen starben bei dem Aufstand, mehrere Tausend wurden verletzt.

Im Video:

Der Türkei-Korrespondent Maximilian Popp über die Folgen des Putsches für die Türkei.

Am Samstag jährt sich der gescheiterte Putschversuch zum ersten Mal. Die Regierung hat dem Land eine mehrtägige Gedenkfeier verordnet. Doch nach wie vor ist umstritten, was genau am 15. Juli 2016 in der Türkei geschehen ist.

Präsident Erdogan beschuldigt den Islamistenprediger Fethullah Gülen, den Aufstand angeführt zu haben. Gülen hingegen behauptet, der Umsturzversuch sei eine Inszenierung von Erdogan, der so seine Herrschaft ausdehnen wolle.

Die Regierung hat bislang keinen Beweis für eine Beteiligung Gülens am Putsch erbracht. Doch zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass Gefolgsleute des Predigers tatsächlich die treibende Kraft hinter dem Aufstand waren. Die türkische Staatsanwaltschaft hält den Theologen Adil Öksüz dabei für eine Schlüsselfigur.

Die Soldaten gehorchten dem Imam - nicht den Generälen

Öksüz, 50 Jahre alt, ein gedrungener Mann mit Schnauzer und Halbglatze, hat in seiner Laufbahn als Akademiker an einer Provinzuniversität in Westanatolien außer seiner Doktorarbeit nichts publiziert. Sein Einfluss ist trotzdem groß. Öksüz gilt als Vertrauter Gülens. Videos zeigen die beiden beim gemeinsamen Gebet und auf Gülens Anwesen in Pennsylvania, USA.

Gülen hat ein Reich aus Schulen, Universitäten und Medienhäusern in mehr als hundert Ländern geschaffen. Seine Anhänger besetzten Schlüsselstellen im türkischen Staat. Gülen hat für jede Institution einen Führer bestimmt, einen sogenannten Imam. Adil Öksüz, das sagen Gülen-Kader, war der "Imam der Armee" und dafür verantwortlich, den Einfluss der Gülen-Bewegung auf die Streitkräfte zu wahren. Etliche Soldaten gehorchten ihm angeblich mehr als dem Generalstab.

Lange Zeit kontrollierten Erdogan und Gülen die Türkei gemeinsam. Spätestens 2013 zerstritten sie sich endgültig über Machtfragen. Erdogan verfolgt die Anhänger des Predigers seither als Terroristen, die Gülen-Gemeinde will den Staatschef loswerden.

Am 9. Juli 2016, sechs Tage vor dem Putsch, versammelte Öksüz in einer Villa im Nordwesten Ankaras eine Gruppe Männer: Zwei Generäle der türkischen Armee, einen Admiral, Zivilisten.

Die Gruppe ging, so sagten Zeugen später gegenüber der türkischen Staatsanwaltschaft aus, die letzten Details eines Plans durch, den Öksüz ausgearbeitet hatte: Ein Team aus Elitesoldaten sollte den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan festnehmen und auf ein Schiff im Mittelmeer bringen. Armeechef Hulusi Akar sollte überredet werden, den Aufstand anzuführen.

Der Putschversuch scheiterte unter anderem am fehlenden Rückhalt durch das Volk. Auch die Militärführung beteiligte sich nicht an der Revolte. Öksüz wurde nach seiner Festnahme von einem Untersuchungsrichter freigelassen - aus Gründen, die nach wie vor rätselhaft sind. Er befindet sich seither auf der Flucht.

Die Gülen-Gemeinde stellt sich im Westen als moderat-islamische Bildungsbewegung dar. In Wahrheit ist sie eine Art Mafia, die bei der Verfolgung ihrer Ziele kriminelle Methoden nie gescheut hat. Gülen-Kader haben durch Schmutzkampagnen und Schauprozesse über Jahre hinweg Kritiker aus dem Weg geräumt, Menschen ins Gefängnis gebracht oder in den Selbstmord getrieben.

Erdogan hat die Kader der Gemeinde gefördert und instrumentalisiert. In den sogenannten Ergenekon- und Balyoz-Verfahren, die von Gülen-Richtern gesteuert wurden und zu grundlosen Verhaftung Hunderter säkularer Offiziere, Journalisten, Akademiker führten, ernannte er sich zum "obersten Strafverfolger".

Die Prozesse haben jenes Vakuum im Militär geschaffen, das Gülen-Kader später füllten. Nach den Säuberungen sei die Gülen-Gemeinde als einzige Fraktion im Militär stark genug gewesen, es mit Erdogan aufzunehmen, sagt James Jeffrey, der ehemalige US-Botschafter in Ankara, im Magazin "New Yorker". Jeffrey hat keinen Zweifel daran, dass die Gülen-Gemeinde den Putsch angeführt hat. Andere Gruppen, Kemalisten, Ultranationalisten, hätten sich womöglich angeschlossen.

Mehrere Beschuldigte haben inzwischen bekannt, am 15. Juli im Auftrag Gülens gehandelt zu haben. Militärchef Hulusi Akar sagt, die Aufständischen haben ihm angeboten, ihn mit ihrem Anführer Fethullah Gülen in Kontakt zu bringen.

Präsident Erdogan hat die Ermittlungen gegen mutmaßliche Putschisten durch seine Hexenjagd gegen Oppositionelle diskreditiert. Er denunziert inzwischen so gut wie jeden, der ihm widerspricht, als Gülen-Anhänger. Fast 140.000 Staatsbeamte haben ihren Job verloren, etwa 50.000 Menschen wurden verhaftet. Das Verbrechen vom 15. Juli selbst ist dabei mehr und mehr in den Hintergrund getreten.

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