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Eroberte syrische Stadt: In Afrin rollen die Bulldozer

Foto: Hasan Kirmizitas/ dpa

Türkischer Einmarsch in Afrin Erdogans vergifteter Triumph

Recep Tayyip Erdogan feiert den Einmarsch türkischer Truppen im syrischen Afrin als großen Erfolg. Dabei fangen die Probleme erst an. Dem Präsidenten bleiben nur zwei Optionen - keine dürfte ihm gefallen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan  behauptet, sein Militär befreie das türkisch-syrische Grenzgebiet von Terroristen. Doch auf die Menschen in der Stadt Afrin, im Nordwesten Syriens, muss der Einmarsch der Türkei am Sonntag wie der Auftritt einer Besatzungsmacht gewirkt haben.

Türkische Soldaten hissten die Flagge ihres Landes über Gebäuden der Verwaltung. Ihre Verbündeten von der Freien Syrischen Armee (FSA) plünderten Lebensmittel, Elektrogeräte, Motorräder, Ziegen, setzen Läden in Brand, die Alkohol verkauften. Kämpfer fuhren mit Planierraupen vor und rissen die Statue des Schmieds Kawa, einer kurdischen Sagenfigur, vom Sockel.

Zerstörte Statue in Afrin

Zerstörte Statue in Afrin

Foto: BULENT KILIC/ AFP

Für Erdogan bedeutet die Eroberung von Afrin einen militärischen Erfolg. Seine Armee war am 20. Januar in die Provinz Afrin einmarschiert, um die kurdische Miliz YPG zu bekämpfen. Stück für Stück waren die Soldaten von der Grenze ins Zentrum der Provinz vorgerückt. Seit Beginn vergangener Woche belagerten sie die Stadt Afrin. Beobachter hatten wochen-, möglicherweise monatelange Gefechte vorhergesagt. Letztlich jedoch zog sich die YPG zurück - beinahe ohne Widerstand.

"Die Terroristen sind mit eingekniffenem Schwanz davongerannt", spottete Erdogan. Die Türkei habe in Afrin auch die Weltmächte USA und Russland besiegt, ergänzte einer seiner Berater. Regierungsnahe türkische Zeitungen schrieben am Montag von einem "Tag des Sieges" und "Tag des Stolzes". "Wir haben in Afrin Geschichte geschrieben." Und selbst Oppositionsführer Kemal Kilicdaroglu sprach von einer "heroischen Schlacht".

"Menschenleben zählen nichts"

Für die Mehrheit der Menschen in Afrin ist der Fall ihrer Heimatstadt dagegen eine Katastrophe. Afrin galt als eine der wenigen Regionen in Syrien, die vom Horror des Bürgerkriegs bislang weitgehend verschont geblieben war. Kurden, Araber, Turkmenen, Jesiden fanden hier Zuflucht und lebten weitgehend friedlich nebeneinander. Nun sind Zehntausende auf der Flucht. Die Menschen müssen mitansehen, wie ihre Häuser geplündert werden und wissen nicht, wann und unter welchen Umständen sie zurückkehren können. "Hier in Syrien führt jeder seinen eigenen Krieg", sagte ein Bewohner von Afrin dem SPIEGEL. "Menschenleben zählen nichts."

Erdogan dürfte sich durch den Sieg über die YPG in Afrin in seiner Kriegspolitik bestätigt fühlen. Er betrachtet die YPG als Ableger der kurdischen Terrororganisation PKK und hat bereits angekündigt, die Miliz bis an die Grenze zum Irak verfolgen zu wollen. Seine Regierung verhandelt gegenwärtig mit den USA über einen Abzug kurdischer Kämpfer aus Manbidsch, einer Stadt östlich von Afrin. Türkische Soldaten in Afrin antworten auf die Frage eines Journalisten nach ihren Zielen: "Manbidsch, Aleppo, Kandil" (Hauptquartier der PKK).

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Eroberte syrische Stadt: In Afrin rollen die Bulldozer

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Mittelfristig könnte sich der Militäreinsatz aber für die Türkei rächen. Erdogan gibt sich derzeit zwar selbstbewusst: "Im Zentrum von Afrin wehen jetzt die Symbole von Vertrauen und Stabilität - und nicht mehr die der Lumpen und Terroristen", sagte er. Doch seine Rhetorik kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass seine Regierung über keinen Plan für eine Nachkriegsordnung verfügt.

Es ist leichter in ein Land einzumarschieren, als wieder herauszukommen

Erdogan nennt als Blaupause für Afrin die Stadt Dschrabulus, jenen Ort, den die türkischen Soldaten vor eineinhalb Jahren gemeinsam mit FSA-Kämpfern vom "Islamischen Staat" befreit haben, und der von der Türkei seither verwaltet wird. Doch beide Städte lassen sich kaum miteinander vergleichen. In Dschrabulus wohnen überwiegend Araber, die die türkischen Soldaten und die FSA als Schutzmacht begrüßten. Die Kurden in Afrin betrachten die Türkei dagegen eher als Eindringling. Zwar unterstützen längst nicht alle Bewohner der Stadt die YPG, trotzdem dürften sie eine türkische Besatzung nicht widerstandslos hinnehmen.

Othman Sheikh Issa, der Vize-Chef der kurdischen Verwaltung in Afrin, droht mit einem Guerillakrieg: "Unsere Truppen sind in der gesamten Umgebung von Afrin noch präsent. Diese Truppen werden den türkischen Feind und seine Söldner bekämpfen, wo immer es geht."

Im Video: Panzer rollen in das Zentrum von Afrin

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Erdogan hat in Afrin nun zwei Optionen: Er kann seine Herrschaft über die Stadt mit Gewalt festigen. Dazu müsste er in Afrin dauerhaft eine Vielzahl an türkischen Soldaten und Polizisten stationieren, die der ständigen Gefahr von Anschlägen und Aufständen ausgesetzt wären. Oder die Türkei überlässt die Stadt dem Regime von Syriens Diktator Baschar al-Assad. Für Erdogan wäre das eine Blamage. Er hat Assad als Terrorist verurteilt und seinen Sturz betrieben. Die Bürger in der Türkei würden kaum verstehen, warum türkische Soldaten für Assad sterben mussten.

Der türkische Präsident könnte in Syrien schon bald eine ähnliche Erfahrung machen wie sein ehemaliger amerikanischer Amtskollege George W. Bush im Irak: Es ist leichter in ein Land einzumarschieren, als wieder herauszukommen.

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