Anschlagspläne Türkische Polizei sucht deutsche IS-Frau

Eine Woche vor der Parlamentswahl in der Türkei ist das Land in Alarmbereitschaft. Die Sicherheitsbehörden fürchten Anschläge. Gesucht werden vor allem vier IS-Mitglieder, darunter eine Frau mit deutschem Pass.

Polizisten nach dem Anschlag in Ankara am 11. Oktober: Angst vor neuen Attacken
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Polizisten nach dem Anschlag in Ankara am 11. Oktober: Angst vor neuen Attacken

Von , Istanbul


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Die Türkei ist im Wahlkampfendspurt. Am kommenden Sonntag stimmen die Bürger über ein neues Parlament und damit eine neue Regierung ab. Die Polizei im ganzen Land ist in Alarmbereitschaft. Denn sie befürchtet Anschläge. "Denkbar ist ein Angriff auf das öffentliche Verkehrssystem in Istanbul, zum Beispiel auf die U-Bahn oder auf eine Fähre", sagte ein hochrangiger Polizist SPIEGEL ONLINE unter der Bedingung, dass sein Name nicht genannt wird. Man habe aber auch eine mögliche Flugzeugentführung oder einen Anschlag auf eine größere Menschenansammlung, zum Beispiel während einer Wahlkundgebung, im Blick.

Grund für die Sorge ist die Erkenntnis der Sicherheitsbehörden, dass vier mutmaßliche Mitglieder der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS) in den vergangenen Tagen aus Syrien in die Türkei gekommen sein sollen - mit dem Auftrag, einen "Anschlag zu verüben, der Aufsehen erregt", wie der Polizist weiter sagte. Gesucht werden drei Männer und eine Frau. Bei dieser soll es sich um Walentina S. handeln, 1995 in Kasachstan geboren und in Mönchengladbach aufgewachsen. Die vier seien bereit, ihr Leben zu opfern, um möglichst großen Schaden anzurichten, warnen die Sicherheitsbehörden. Walentina S. ist nach Angaben der türkischen Polizei deutsche Staatsbürgerin.

Einem Bericht der "Süddeutschen Zeitung", des WDR und des NDR zufolge hatten Walentina S. und ihre Freundin Merve D. Deutschland 2013 Richtung Syrien verlassen, um sich dort dem IS anzuschließen. Im August hatten türkische Sicherheitsbehörden einen internen, als "geheim" eingestuften Fahndungsaufruf an alle Polizeipräsidien des Landes verschickt, wonach insgesamt 21 Personen gesucht wurden. Diese werden verdächtigt, Selbstmordattentate in der Türkei zu planen. Unter den Gesuchten sind auch die vier, die jetzt aus Syrien eingereist sein sollen.

Auch deutsche Ermittler hatten Walentina S. bereits im Visier

Walentina S. und Merve D. waren bereits 2014 von der türkischen Polizei aufgegriffen worden. Walentina S. wurde damals nach Deutschland abgeschoben. Merve D. - ebenfalls im Rheinland aufgewachsen, aber türkische Staatsbürgerin - wurde freigelassen. Jedoch tauchten beide Frauen später wieder unter. Die Staatsanwaltschaft Düsseldorf leitete ein Ermittlungsverfahren gegen sie ein, wegen des Verdachts, eine "schwere staatsgefährdende Straftat" vorzubereiten. Über ihren Verbleib wusste man in deutschen Ermittlerkreisen aber nichts.

Vermutlich reisten die beiden Frauen wieder nach Syrien und schlossen sich dort einer Gruppe türkischer IS-Mitglieder an, die überwiegend aus der Provinz Adiyaman im Südosten der Türkei stammen. Die Gruppe nennt sich "Dokumacilar" - nach ihrem Anführer Mustafa Dokumaci. Aus Adiyaman kamen auch die Attentäter von zwei schweren Anschlägen, mit denen der IS die Türkei in den vergangenen Wochen erschüttert hat.

Abdurrahman A. sprengte sich am 20. Juli in der Stadt Suruc, nahe der Grenze zu Syrien, in die Luft und tötete 32 Menschen. Die Opfer waren überwiegend junge kurdische Aktivisten, die beim Wiederaufbau der im Kampf gegen den IS zerstörten nordsyrischen Stadt Kobane helfen wollten. Ein Bruder des Suruc-Attentäters wird für einen zweiten Anschlag mitverantwortlich gemacht: Yunus Emre A. war demnach einer der zwei Selbstmordattentäter, die sich am 10. Oktober in der Hauptstadt Ankara kurz vor Beginn einer Demonstration für Frieden zwischen Türken und Kurden in die Luft sprengten. Dabei rissen sie mehr als hundert Menschen in den Tod. Ein weiterer Anschlag Anfang Juni auf eine Kundgebung der prokurdischen Partei HDP in Diyarbakir, bei dem drei Menschen starben, wird ebenfalls dem IS zugeschrieben.

Die Polizei will die alten Fehler nicht wiederholen

Wegen der "unmittelbaren Gefahr" wende man sich nun an die Öffentlichkeit und warne mit Fotos, vollem Namen und Passnummer vor den vier mutmaßlichen IS-Mitgliedern, heißt es bei der Polizei.

Hinzu kommt, dass die vier Verdächtigen unter neuen Namen unterwegs sein sollen. Walentina S. nennt sich demnach inzwischen Yildiz B.. Sie soll mit dem weiteren Verdächtigen Ömer Deniz D. verheiratet sein. Dieser wiederum stand zeitweise unter Verdacht, einer der Selbstmordattentäter von Ankara zu sein. Ömer Deniz D. hat sich laut Polizei den Tarnnamen Emre K. zugelegt. Die beiden weiteren Gesuchten sind der 32-jährige Savas Y., der sich den Behörden zufolge inzwischen Hamza T. nennt, sowie der 20-jährige Muhammet Z.. Er ist laut Polizei unter dem Namen Murat Ö. unterwegs.

Man hoffe, sagte der türkische Polizist, dass sich jemand bei den Sicherheitsbehörden melde, falls die Gesuchten gesehen werden. Die öffentliche Suche scheint auch der Versuch zu sein, frühere Fehler nicht zu wiederholen. In der Vergangenheit waren Ermittlungen gegen IS-Verdächtige verfrüht eingestellt worden - später stellte sich heraus, dass die Betroffenen an Anschlägen beteiligt waren.

Zusammengefasst: Die Sicherheitsbehörden in der Türkei haben nach eigenen Angaben Hinweise auf geplante Anschläge vor der Parlamentswahl. Im Fokus stehen vier mutmaßliche IS-Mitglieder, darunter eine Frau aus Deutschland. Nach ihnen wird öffentlich gesucht. Die Polizei will damit auch Tatkraft beweisen.

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säkularist 25.10.2015
1.
Da braucht Erdogan keine Sorgen zu haben. Wenn es einen Anschlag gibt, dann richtet der sich erfahrungsgemäß nicht gegen seine AKP sondern gegen Linke und Kurden, also gegen Terroristen und Terroristen-Unterstützer.
lutzpediga 25.10.2015
2. Islam
Der Islam gehört zu Deutschland. Fakt. Unser Demokratieverständnis geht sogar so weit, dass wir auf die Straße gehen, wenn unkultivierte " Deutsche " gegen den radikalen Islam ( Salafisten ) " demonstrieren. Wer sich so für den Islam in Deutschland einsetzt, sollte dies auch in voller Konsequenz ertragen. Vielen dank für ihre Aufmerksamkeit.
p.donhauser, 25.10.2015
3.
man langt sich wirklich an den kopf über unsere "JUSTIZ".
Dr.Fuzzi 25.10.2015
4. Och Joh!
Ich empfinde das geschilderte, als rein innertürkisch geschaffenes Problem. Wer Terroristen vertraut und massiv fördert, darf sich hinterher nicht wundern und dämlich krakelen, wenn diese auch im eigenen Land aktiv werden. Ein Grund mehr, der Türkei den Beitritt zur EU absolut zu verweigern. Warum mit denen diesbezüglich überhaupt noch gesprochen wird, verschließt sich mir völlig - das ist garantiert kein mehrheitlicher Wählerauftrag an die Politsesselpuper. Der Islam gehört eben nicht zu Europa!
serene 25.10.2015
5.
Vielleicht verstehe ich das falsch, aber man wusste doch sowohl in der Türkei, als auch in Deutschland spätestens 2013, dass die beiden Frauen aus D. zum IS gereist sind. Wieso wurde dann die eine 2014 bei der Einreise in die Türkei wieder frei gelassen, und die andere nach ihrer Abschiebung nach D.offenbar auch? Haben die Behörden in einem solchen Falle nicht wenigstens die Befugnis zur Beobachtung? Natürlich ist es seit Monaten relativ leicht, sich irgendeiner Flüchtlingsgruppe anzuschliessen, und unkontrolliert verschiedene Länder zu passieren...
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