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27. Juli 2015, 15:36 Uhr

Überblick zur Syrien-Krise

Türkei gegen IS und PKK - wer will was?

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Die Kurden bekriegen den IS - und die Türkei bombardiert nun beide Parteien. Was passiert in der Grenzregion? Welche Ziele verfolgen die Akteure? Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick.

Warum eskaliert der Konflikt?

Auslöser war der Bombenanschlag in der türkischen Stadt Suruc am vergangenen Montag. Dabei kamen 32 Menschen ums Leben; die Tat wird dem "Islamischen Staat" (IS) zugeschrieben. Zwei Tage später wurden zwei türkische Polizisten nahe der syrischen Grenze getötet. Zu dem Attentat bekannte sich die kurdische Arbeiterpartei PKK. Ihre Begründung: Die Sicherheitskräfte hätten nicht genug getan, um das Blutbad von Suruc zu verhindern.

Vor allem der Anschlag von Suruc setzt Ankara unter Druck, das bis dahin ein Erstarken des IS größtenteils geduldet hatte. Seit Freitag fliegt die türkische Armee Luftangriffe gegen den IS - aber auch gegen kurdische Kämpfer im Nordirak. In der Nacht zum Samstag gab es eine weitere Angriffswelle, es soll auch Angriffe vom Boden aus gegeben haben.

Wie hat der Westen auf die Angriffe gegen IS und PKK reagiert?

Uneins. Sowohl die deutsche Regierung als auch die EU kritisieren, dass bei dem türkischen Doppelschlag auch PKK-Lager angegriffen wurden. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) sorgt sich vor allem um den Friedensprozess zwischen der Türkei und den Kurden. Deren militärischer Flügel hatte nach den ersten Angriffen am Freitag verkündet, der 2013 ausgehandelte Waffenstillstand habe keine Bedeutung mehr. Merkel mahnte den türkischen Ministerpräsidenten Ahmet Davutoglu am Wochenende, am Friedensprozess festzuhalten. Außerdem erinnerte sie ihn an das "Gebot der Verhältnismäßigkeit".

Aus den USA hieß es hingegen, die Türkei habe das Recht, sich gegen Attacken der kurdischen Rebellen zur Wehr zu setzen.

Was haben die USA und die Türkei miteinander vereinbart?

Bereits am vergangenen Mittwoch gab es ein Telefonat zwischen dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan und US-Präsident Barack Obama. Darin vereinbarten beide, im Kampf gegen den IS stärker zusammenzuarbeiten. In einem ersten Schritt erlaubte die Türkei der US-amerikanischen Armee, den strategisch wichtigen Luftwaffenstützpunkt Incirlik für Schläge gegen den IS zu nutzen.

Zudem wollen beide Länder eine Sicherheitszone entlang der türkisch-syrischen Grenze errichten, wie die "Washington Post" berichtet. Der Korridor soll etwa 110 mal 65 Kilometer umfassen. Dieses Gebiet wird derzeit noch vom IS kontrolliert. Es ist der letzte Streifen entlang der türkischen Grenze, über den die Dschihadisten ausländische Kämpfer aus der Türkei einschleusen können.

Welches Ziel verfolgt Washington?

Für die Vereinigten Staaten steht der Kampf gegen den IS an erster Stelle. Die "Washington Post" zitiert eine anonyme Quelle aus dem Militär: "Ziel ist es, eine IS-freie Zone zu errichten und die Sicherheit und Stabilität entlang der türkischen Grenze zu erhöhen." Der Plan werde die US-Armee und ihren Verbündeten näher als je zuvor an die Gebiete bringen, die sonst von syrischen Kampfflugzeugen bombardiert werden. Der US-Einfluss in Syrien würde also wachsen. Einen Einsatz von US-Einheiten am Boden lehnt Washington aber weiter ab.

Was will die türkische Regierung?

"Zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen" - so beschreibt die türkische Tageszeitung "Hürriyet" das Ziel der Regierung in Ankara. Zwar wollten sie den IS von der türkischen Grenze zurückdrängen. Eine Sicherheitszone soll aber gleichzeitig die kurdischen Volksverteidigungseinheiten (YPG) davon abhalten, volle Kontrolle über die türkisch-syrische Grenze zu übernehmen. Ankaras Sorge ist demnach, dass die Kurden die Region westlich von Kobane einnehmen und damit ihre Gebiete entlang der türkisch-syrischen Grenze verbinden.

Aufforderungen, die Kurden in Nordsyrien in ihrem Kampf gegen den IS zu unterstützen, hatte die türkische AKP-Regierung in der Vergangenheit stets zurückgewiesen. Mit einem Erstarken des IS konnte sich Ankara also bis zur vergangenen Woche arrangieren, mit einem kurdischen Staat nicht. Nun steigt sie zwar in den Anti-IS-Kampf ein - beschießt aber eben auch die Kurden.

Was will die PKK?

Die kurdische Arbeiterpartei kämpft für mehr Selbstverwaltung im Südosten der Türkei. Zuletzt hatte man sich mit der Türkei in einem mühsamen und zeitintensiven Prozess angenähert. Nach den Luftschlägen der Türken ist es damit vorbei. Die PKK wird von der türkischen Regierung, der EU und den USA jedoch als Terrororganisation eingestuft.

Wie verhält sich die Nato?

Die Nato wird am Dienstag ein Notfall-Treffen abhalten, um die Situation zu besprechen. Die Türkei hatte als Nato-Mitglied um den Termin gebeten. Ankara beruft sich dafür auf den Artikel 4 des Nato-Vertrags: "Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist."

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