Türkische Akademikerin im Hungerstreik "Sie stirbt vor unser aller Augen"

Sie hungert, lebt seit Monaten fast nur von Zuckerwasser: Die Wissenschaftlerin Nuriye Gülmen protestiert gegen den türkischen Präsidenten Erdogan und seine Schikanen. Nun verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch.

Gülmen am 10.5.2017 in Ankara
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Gülmen am 10.5.2017 in Ankara

Von , Istanbul


Nuriye Gülmen sieht aus wie ein Gespenst. Sie ist abgemagert, jede Farbe aus ihrem Gesicht gewichen. Seit zwei Monaten befindet sich die 35-jährige Literaturwissenschaftlerin aus Konya in Zentralanatolien im Hungerstreik. Sie protestiert gegen ihre Entlassung von der Universität im Zuge der "Säuberungsaktion" durch die türkische Regierung.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hat seit dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 fast 140.000 Staatsbeamte vom Dienst suspendiert, 50.000 Menschen wurden als vermeintliche Putschisten verhaftet. Gülmen ist eine von ihnen.

Bildungsbereich ist besonders betroffen

Doch sie will sich dem Dekret der Regierung nicht beugen. Seit vergangenem November demonstriert sie gemeinsam mit anderen entlassenen Akademikern und Lehrern vor dem Menschenrechtsdenkmal im Zentrum der türkischen Hauptstadt Ankara. "Unsere Forderung ist eindeutig: Wir wollen unsere Jobs zurück", schreibt Gülmen in einer Erklärung.

Sämtliche Institutionen in der Türkei sind von Erdogans Aktion betroffen: Gerichte, Polizei, Medien. Doch kaum irgendwo sonst sind die Folgen der Entlassungswelle so sehr spürbar wie in der Bildung: Etwa 8000 Wissenschaftler und 30.000 Lehrer haben seit vergangenem Sommer ihre Jobs verloren, viele davon hatten eine Akademiker-Petition für Frieden im Südosten der Türkei unterschrieben. 2000 Universitäten, Studentenwohnheime, Schulen wurden bereits geschlossen.

Die Betroffenen können sich kaum juristisch gegen die Kündigungen wehren. Ihre Namen werden im staatlichen Amtsblatt, der "Resmi Gazete", veröffentlicht, sodass potenzielle Arbeitgeber davor zurückschrecken, sie einzustellen. Etliche Akademiker sind vor den Repressalien ins Ausland geflohen. In Adana, im Südosten der Türkei, nahm sich der Doktorand Mehmet Fatih Tras im Februar das Leben, nachdem er von der Universität verbannt wurde.

"Wir werden eurer Ungerechtigkeit niemals gehorchen"

Nuriye Gülmen bezeichnet sich selbst als Demokratin und engagiert sich in einer linken Gewerkschaft. Die Behörden werfen ihr trotzdem vor, Islamistenprediger Fethullah Gülen unterstützt zu haben, den die Regierung hinter dem Putschversuchs vom 15. Juli vermutet. Gülmen hat mit Flugblättern auf das Schicksal der türkischen Akademiker und Lehrer aufmerksam gemacht. Sie ging in Ankara von Haus zu Haus, um Unterschriften gegen die Massenentlassungen zu sammeln. Mehrmals nahm sie die Polizei vorübergehend fest.

Im März hat Gülmen ihren Protest weiter verschärft. Sie campiert gemeinsam mit Semih Özakca, einem gefeuerten Lehrer, vor dem Menschenrechtsdenkmal in Ankara. Die beiden weigern sich zu essen, ernähren sich fast ausschließlich von gezuckertem Wasser. "Wir haben keine Angst davor, hungrig zu sein", schreiben sie in der Erklärung. "Wir werden eurer Ungerechtigkeit niemals gehorchen." In Köln wollen am Sonntag Mitglieder der Organisation "AkademikerInnen für den Frieden" aus Solidarität mit Gülmen und Özakca auf die Straße gehen.

Die türkische Regierung ignoriert die Forderung der Wissenschaftler bisher komplett. Und Gülmens Gesundheitszustand verschlechtert sich rapide. Sie leidet unter niedrigem Blutdruck, das Sprechen fällt ihr schwer. "Es muss schnell etwas geschehen", sagt eine Unterstützerin der Akademiker. "Sonst stirbt Nuriye vor unser aller Augen."

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