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Türkei im Syrien-Konflikt: Gefangen im Dilemma

Foto: Tolga Bozoglu/ dpa

Türkei im Syrien-Konflikt Ankara hadert mit seiner Retterrolle

Syriens Diktator Assad führt Krieg gegen sein Volk - doch der Westen zögert, die Aufständischen aktiv zu unterstützen. Stattdessen soll die Türkei sich stärker einmischen. Regierungschef Erdogan bringt das Drängen des Westens in eine heikle Lage.
Von Jürgen Gottschlich

Ankara/Damaskus - Jeden Tag neue Horrormeldungen aus Syrien. Mit kaum noch vorstellbarer Brutalität lässt Syriens Despot Baschar al-Assad den Aufstand in seinem Land bekämpfen. Allein in Homs, der Hochburg des Widerstands, sind in den vergangenen Tagen mehr als tausend Menschen von den Soldaten und Milizen des Diktators getötet worden. In den Stadtviertel der Regimegegner und in den Flüchtlingslagern wird die Situation immer unerträglicher.

Doch die internationale Gemeinschaft kann sich noch immer nicht einigen, aktiv einzugreifen. Russland und China blockieren zudem hartnäckig eine Uno-Resolution. Stattdessen wird nun immer stärker die Türkei gedrängt, eine stärke Rolle in dem Konflikt zu übernehmen - damit gerät Ankara in ein Dilemma.

"Syrien, die Türkei und eine militärische Intervention" ist die Schlagzeile eines Kommentars in der Donnerstags-Ausgabe der Zeitung "Hürriyet Daily News" in Istanbul. Obwohl Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan und Außenminister Ahmet Davutoglu "immer lauter den Tod syrischer (sunnitischer) Muslime beklagen und immer öfter darauf hinweisen, dass das Assad-Regime angeblich mit der PKK kooperiere", schreibt der Autor Nihat Ali Özcan, "ist die türkische Bevölkerung noch nicht bereit für die Idee einer militärischen Intervention".

Angst vor der Verantwortung

Damit steht Erdogans Regierung vor der größten außenpolitischen Herausforderung in ihrer mittlerweile zehnjährigen Amtszeit. Denn einerseits könnte nichts die Ambitionen der Türkei im Nahen Osten stärker fördern als ein erfolgreiches Eingreifen in Syrien. Andererseits wäre für das Land nichts gefährlicher, als in einen jahrelangen Abnutzungskrieg mit dem Assad-Regime und seinen Unterstützern in Iran und im Irak abzurutschen.

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Schlacht um Homs: Eine Stadt kämpft um ihr Überleben

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In Ankara, schreibt Murat Yetkin, einer der am besten vernetzten Journalisten in der Hauptstadt, gehe deshalb die Angst um, dass in der Syrien-Krise "der Türkei mehr Verantwortung aufgeladen wird, als sie tragen kann". Kaum wurde während der Münchner Sicherheitskonferenz bekannt, dass der Westen im Sicherheitsrat gescheitert war, trat Deutschlands Außenminister Guido Westerwelle (FDP) vor die Presse und sagte, die Türkei müsse nun eine zentrale Rolle in einer neu zu bildenden "Kontaktgruppe Syrien" übernehmen. Sein italienischer Kollege schloss sich ihm an, und auch aus den USA waren ähnliche Stimmen zu hören.

"In Ankara fürchtet man, dass die Großmächte USA und die EU versuchen, den Konflikt zu regionalisieren, während die türkische Regierung ihn internationalisieren will", schreibt Yetkin. Als ersten Schritt hat Erdogan deshalb angekündigt, in Istanbul eine Konferenz aller Länder abzuhalten, die bereit sind, die syrische Opposition zu unterstützen. Außenminister Davutoglu machte sich auf nach Washington, um dort die nächsten Schritte im Krisenmanagement zu beraten.

300 syrische Rebellenkämpfer in der Türkei

Schon am Rande der Sicherheitskonferenz hatte US-Senator Joseph Lieberman gefordert, man müsse nun die Freie Syrische Armee (FSA), in der sich Soldaten und Offiziere gegen das Assad-Regime zusammen geschlossen haben, offensiv mit Waffen unterstützen. John McCain, der gescheiterte Präsidentschaftsbewerber der Republikaner, schloss sich ihm am Mittwoch an. Noch stellt sich die US-Regierung öffentlich gegen solche Vorschläge, und auch die Türkei beteuert immer wieder, sie würde die syrische Opposition nicht mit Waffen unterstützen. Doch das könnte sich bald ändern. Denn da kein Land selbst in Syrien militärisch einschreiten will, wäre eine Unterstützung der Kämpfer der Freien Syrischen Armee eine Alternative.

Rund 300 Angehörige der FSA sind nach Angaben des Repräsentanten des Syrischen Nationalrates, Khaled Khoja, im türkisch-syrischen Grenzgebiet auf der türkischen Seite versammelt. Neben dem Sprecher und Führer der FSA, Oberst Riad al-Assad, sind es auch der bislang höchstrangige Überläufer, General Mustafa al-Scheik, und weitere hohe Offiziere. Angehörige der türkischen Armee würden sie beschützen und betreuen, heißt es inoffiziell.

Für die Unterstützung der FSA ist die Türkei nicht nur politisch, sondern auch durch ihre 900 Kilometer lange Grenze zu Syrien prädestiniert. Könnte die FSA die Grenzregion Idlib unter ihre Kontrolle bringen, wären die Aufständischen einen großen Schritt weiter auf dem Weg zur Befreiung ihres Landes.

Doch es gibt auch viele warnende Stimmen in der Türkei. Sowohl die Linke als auch viele Islamisten fürchten, dass Ankara für die geopolitischen Interessen anderer Länder benutzt werde. Ergun Babahan von der islamischen Tageszeitung "Zaman" wirft dem Westen vor, in der Uno-Entschließung zu Syrien nicht auch die Belagerungspolitik des Gaza-Streifens durch Israel mit zum Thema gemacht zu haben. Denn dann, so seine Meinung, wäre es Russland sehr viel schwerer gefallen, die Resolution abzulehnen. Dass der Westen darauf verzichtet habe, zeige, dass es ihm um weitergehende politische Interessen als nur um die Unterstützung der syrischen Opposition gehe.

Noch deutlicher wird Yusuf Kanli in der "Daily News": Er erinnert an den Aufstand der Muslimbrüder 1982 in der syrischen Stadt Hama. Damals habe die Türkei die Aufständischen auf Wunsch der USA und Saudi-Arabiens mit Waffen unterstützt. Den USA sei es seinerzeit darum gegangen, den wichtigsten Alliierten der Sowjetunion im Nahen Osten zu treffen. Das Ergebnis seien aber nicht nur 30.000 Toten in Hama gewesen, sondern auch 20 Jahre währende Feindschaft Syriens gegenüber der Türkei.

Jetzt, schreibt Kanli, drohe ein neuer Stellvertreterkrieg. Diesmal sei das eigentliche Ziel nicht mehr Russland, sondern der neue wichtigste Verbündete des Assad-Regimes: Iran. "1982 war es ein Stellvertreterkrieg im Kalten Krieg. Kommt jetzt ein Stellvertreterkrieg, um einen Angriff auf Iran vorzubereiten?"

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