Junge Soldaten des IS Kindheit, Jugend, Selbstmordattentat

Ein Junge soll den Anschlag auf eine Hochzeit im türkischen Gaziantep verübt haben. Es wäre nicht das erste Mal, dass die IS-Terroristen Kinder als Attentäter einsetzen - sie prahlen seit Langem damit.

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Sie robben mit Maschinenpistolen durch den Schlamm, sie trainieren Kampfsporttechniken, sie zünden Bomben, sie erschießen und enthaupten Gefangene. "Die Löwenjungen des Kalifats" stellen die jüngste Gruppe unter den Milizionären der Terrororganisation "Islamischer Staat" (IS).

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Heft 34/2016
Volle Kassen, geschröpfte Bürger

In den vergangenen eineinhalb Jahren hat der IS zahlreiche Propagandavideos unter dem Titel "Die Löwenjungen des Kalifats" veröffentlicht, in denen Kinder zu Kämpfern ausgebildet und schließlich zu Mördern werden. Der Jüngste auf den Aufnahmen war vielleicht vier Jahre alt, der Älteste im Teenageralter.

Diese Videos sind nicht nur Propaganda: Am Samstag sprengte sich ein Selbstmordattentäter bei einer Hochzeitsfeier in der türkischen Stadt Gaziantep in die Luft. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan sagte, der Täter sei zwischen 12 und 14 Jahren alt gewesen. Er machte den IS für das Attentat verantwortlich. Bislang hat sich die Terrororganisation nicht zu dem Anschlag bekannt - so wie sie bislang noch nie die Verantwortung für einen Terrorangriff in der Türkei übernommen hat. Am Montagabend schränkte die türkische Regierung ein: Es sei doch noch nicht klar, ob es sich bei dem Täter um ein Kind oder einen Erwachsenen handelt.

Kinder erscheinen unverdächtig

Das Muster des Angriffs würde jedoch passen: Der IS hat in den vergangenen Jahren im Irak und in Syrien Dutzende Kinder als Selbstmordattentäter missbraucht. Über ihre Propagandakanäle verbreiten die Dschihadisten Bilder der Täter. Den meisten Jungen, die dort zu sehen sind, wuchsen gerade die ersten Barthaare, als der IS sie zu Mördern machte.

In vielen Fällen setzte die Miliz die Jugendlichen in Fahrzeuge, die mit Sprengstoff beladen waren. Sie rasten mit den rollenden Bomben zu Stützpunkten der irakischen Armee oder verfeindeter Milizen und rissen dort ihre Opfer mit in den Tod. Die Jungen wurden offenbar eingesetzt, weil sich kein erwachsener Selbstmordattentäter fand oder weil sich die Jugendlichen an anderen Kriegsschauplätzen - etwa im Straßenkampf - als untauglich erwiesen hatten.

Allerdings hat der IS in mehreren Fällen Kinder auch gezielt eingesetzt, weil sie den Sicherheitskräften unverdächtig erscheinen. Im März sprengte sich ein Junge in Iskandarija südlich von Bagdad während eines Fußballturniers für Kinder in die Luft. Die Gewinnermannschaft sollte gerade den Pokal entgegennehmen, als auf der Tribüne ein Jugendlicher die Bombe zündete. Mindestens 29 Menschen wurden getötet, rund 60 verletzt. Die meisten Opfer waren Kinder und Jugendliche. Der IS bekannte sich zu dem Anschlag und veröffentlichte ein Foto des angeblichen Attentäters. Es zeigt einen Teenager.

Der IS benutzt immer mehr Kinder

Kinder, die im Namen des IS Kinder töten - so war es offenbar auch in Gaziantep. 29 von 44 identifizierten Toten seien unter 18 Jahre alt, berichten türkische Medien. Die Zeitung "Hürriyet" berichtete am Montag, auf Überwachungskameras sei zu sehen, dass das Kind von zwei Personen begleitet worden sei. Sie hätten sich entfernt, bevor die Bombe detonierte. Die Identität des Kindes, das den Sprengstoffgürtel trug, habe bisher nicht festgestellt werden können.

Video: Blutiger Anschlag auf Hochzeitsfeier in der Türkei

Laut einer Studie des Combating Terrorism Center der US-Militärakademie West Point sind allein zwischen 1. Januar 2015 und 31. Januar 2016 89 Minderjährige als Kämpfer oder Selbstmordattentäter in den Reihen des IS ums Leben gekommen. Die Zahl der Jungen ist dabei kontinuierlich angestiegen. Im Januar 2015 hatte der IS drei minderjährige Selbstmordattentäter eingesetzt, im Oktober waren es schon sechs, und im Januar 2016 zählten die Autoren der Studie zehn Selbstmordattentate von Minderjährigen.

Experten schätzen, dass rund 1500 Jungen dem IS im Irak und in Syrien dienen. Darunter sind Kinder ausländischer Dschihadisten, Kinder einheimischer Kämpfer und Waisen, die sich dem IS anschließen, weil er ihnen ein sicheres Auskommen verspricht. Darunter sind aber auch zahlreiche jesidische Kinder, die vom IS entführt und anschließend indoktriniert wurden.

Zwei von ihnen, die entkommen konnten, haben dem SPIEGEL geschildert, wie sie beim IS eine Ausbildung zum Kindersoldaten durchliefen. Sie lernten, eine Kalaschnikow auseinanderzubauen, Sprengfallen zu legen und die Zündung eines Sprengstoffgürtels zu bedienen. Die beiden hatten Glück und kamen mit dem Leben davon: Bevor die Terrorgruppe die Jungen einsetzen konnte, gelang ihnen die Flucht.

Am Sonntag stoppten Sicherheitskräfte in der nordirakischen Stadt Kirkuk einen Jungen mit einem Sprengstoffgürtel. "In der Vernehmung sagte er, maskierte Männer hätten ihn verschleppt, ihm den Sprengstoff umgeschnallt und dann in die Stadt geschickt", sagte ein Mitarbeiter des kurdischen Geheimdienstes.


Zusammengefasst: Jugendliche werden immer öfter vom IS für Selbstmordanschläge eingesetzt - weil sie für die Sicherheitskräfte unverdächtig wirken oder weil sie für andere Kriegsschauplätze als nicht tauglich erscheinen. Auch bei der blutigen Attacke auf eine Hochzeit in der Türkei soll der Täter minderjährig gewesen sein. Der IS hat sich zu diesem konkreten Fall zwar nicht bekannt, er passt aber ins Muster.

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