Türkei Erdogan geht auf ausländische Medien los

Für ausländische Journalisten wird das Arbeiten in der Türkei brenzlig. Reporter werden beschimpft, geschlagen, aus dem Land gejagt. Die Regierung Erdogan heizt die Stimmung mit gezielten Kampagnen an.

Hamburg/Istanbul - So also stellen sich konservative Filmemacher den Aufstand gegen die türkische Regierung vor: Ein Mob überfällt arglose Polizisten, eine Frau mit Kopftuch wird Opfer von Vandalismus - ausländische Provokateure triumphieren. Der türkische Fernsehsender Samanyolu hat die Revolte in der Türkei in eine Seifenoper verwandelt.

Das Drehbuch zu der Serie, die Ende Juni ausgestrahlt wurde, liest sich indes wie die Regierungserklärung des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan. Der Premier denunziert die friedlichen Proteste gegen seine muslimisch-konservative Regierung seit Wochen als internationalen Plot. Ausländische Medien würden im Auftrag der "Zinslobby" und anderer finsterer Kräfte eine Propaganda gegen die Türkei betreiben. "CNN und Reuters, bleibt mit euren Lügen allein", hetzte Erdogan auf einer Kundgebung in Istanbul.

Türkische Berichterstatter leiden seit Jahren unter Repressionen. In keinem anderen Land der Welt sitzen mehr Journalisten in Haft als in der Türkei. Doch nun richtet sich die Aggression der Regierung Erdogan erstmals auch gegen Reporter aus dem Ausland.

Regierungsnahe Medien wie Samanyolu verbreiten beinahe täglich neue Verschwörungstheorien. Mal heißt es, die internationalen Journalisten seien Spione, dann werden sie als Terrorverbündete dargestellt. Sicherheitskräfte bedrohen oder schlagen Reporter. Zwei Kameramänner vom arabischen Sender al-Dschasira wurden verletzt, ein italienischer Fotograf des Landes verwiesen. Amberin Zaman, die Türkei-Korrespondentin des britischen Magazins "Economist", klagt, sie habe in ihrer Laufbahn noch nie eine vergleichbare Gewalt gegen Journalisten erlebt.

Frei erfundenes Interview mit CNN-Journalistin Amanpour

Die türkische Regierung nutzt für ihre Hasskampagne gegen Kritiker vor allem soziale Netzwerke, und das, obwohl Premier Erdogan den Nachrichtendienst Twitter erst vor kurzem als "schlimmste Bedrohung der Gesellschaft" bezeichnet hat. Der Bürgermeister Ankaras, Ibrahim Melih Gökcek, ein Parteifreund Erdogans, beschimpfte die Korrespondentin des britischen Fernsehsenders BBC, Selin Girit, in einem Tweet unlängst als "englische Agentin" und entfachte eine Twitter-Kampagne gegen sie. "Angeführt von England versuchen sie mit Hilfe von nationalen und internationalen Agenten unsere Wirtschaft zu zerstören", schrieb Gökcek. Gleichzeitig rief er seine Anhänger auf, den Hashtag #INGILTEREADINAAJANLIKYAPMASELINGIRIT (Sei keine Spionin im Namen Englands Selin Girit) zu verbreiten. "Auf geht's, Türkei. Unser Hashtag liegt auf Platz zwei. Er muss es auf Platz eins schaffen. Das wird unsere Antwort an die BBC sein." Die BBC verurteilte das Vorgehen als Versuch, den Fernsehsender zu diskreditieren und seine Reporter einzuschüchtern. "Es ist inakzeptabel, dass unsere Journalisten auf diese Weise attackiert werden."

Auch die CNN-Journalistin Christiane Amanpour war nach einem kritischen Interview mit einem Berater Erdogans Anfeindungen ausgesetzt. Die regierungsnahe Tageszeitung "Takvim" veröffentliche unter dem Titel "Schmutzige Geständnisse" ein frei erfundenes Interview mit Amanpour. Darin bekannte die CNN-Anchorfrau angeblich, ihre Berichterstattung zu den Protesten in der Türkei sei von der Alkohol- und Öllobby gesteuert. "Schande über euch", kommentierte Amanpour die Fälschung auf Twitter.

Erdogan will von den Protesten ablenken

Der SPIEGEL hatte aufgrund der Proteste in der Türkei diese Woche erstmals in seiner Geschichte eine Titelstrecke in deutscher und türkischer Sprache gedruckt. Die größte türkische Tageszeitung "Zaman" zitierte in ihrer englischsprachigen Ausgabe daraufhin einen Wissenschaftler, der das Gerücht streute, der SPIEGEL werde vom "tiefen Staat", einem kriminellen politischen Netzwerk, in Deutschland kontrolliert. Andere Medien behaupten, der SPIEGEL wolle die Türkei ins Chaos stürzen, um die Lufthansa im Wettbewerb gegen Turkish Airlines zu unterstützen.

Erdogan versucht durch die Angriffe auf ausländische Journalisten ganz offensichtlich, von der eigenen Krise abzulenken. Die Zivilgesellschaft hat sich in der Türkei gegen ihre autoritäre Regierung erhoben, dabei sind die verschiedensten Gruppen im Protest vereint: Grüne, Feministen, Nationalisten, Gläubige, Kurden, Linke. Erdogan will dies jedoch nicht wahrhaben, stattdessen hetzt er seine Anhänger gegen die angeblichen fremden Putschisten auf.

Die Sorge vor einer internationalen Verschwörung gegen die Türkei hat lange Tradition. Immerhin sollte das Land nach dem ersten Weltkrieg unter den Siegermächten aufgeteilt werden. Ausländische Journalisten in der Türkei fürchten nun, dass es nicht nur bei Rhetorik bleibt. Der deutsche Fotograf Sedat Mehder, der auch für den SPIEGEL arbeitet, erzählt, es sei ihm inzwischen fast unmöglich, in der Türkei seiner Arbeit nachzugehen. Die Aggression gegen Reporter werde mit jedem Tag größer. Mehder, der in Istanbul lebt, erwägt, nach Berlin zurückzukehren. Dann aber, sagt er, hätte Erdogan genau das erreicht, was er will.

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Foto: Foto: KYODO/ SIPA USA/ DDP Images
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