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07. August 2015, 17:39 Uhr

Bürgermeisterin der Kurden-Stadt Cizre

Gestern Osterholz-Scharmbeck, heute Krieg

Aus Cizre berichtet

Die Kurdin Leyla Imret wuchs in Deutschland auf. Vor Kurzem kehrte die 27-Jährige in ihre Heimat zurück. Sie ist Bürgermeisterin in Cizre, wo sich Kurden und türkische Staatsmacht bekämpfen. Was will sie erreichen?

Es gibt furchtbare Bilder aus ihrer Kindheit, die wird Leyla Imret nicht mehr los. Leichen in den Straßen, Verletzte, Panzer, Soldaten, Kämpfer. Es sind Bilder aus Cizre, ihrer Geburtsstadt. Imret, 27, ist heute Bürgermeisterin von Cizre. Hier wurde sie geboren, hier verbrachte sie ihre ersten vier Lebensjahre, bevor sie nach Deutschland ging.

Cizre, 110.000 Einwohner, wenige Kilometer von den Grenzen zu Syrien und zum Irak entfernt, im Südosten der Türkei gelegen, ist ein Symbol des kurdischen Widerstands. Hier wehrten sich in vergangenen Jahrhunderten kurdische Befehlshaber gegen osmanische Herrscher. Hier lieferten sich die kurdische Arbeiterpartei PKK und der türkische Staat ab 1984 blutige Schlachten.

Hier starb 1991 auch der PKK-Kommandeur Hasim Zana, bei einem Gefecht zwischen Soldaten und Rebellen. Eine Straße in Cizre ist nach ihm benannt, die meisten Menschen kennen seinen Namen. Zana war Imrets Vater. "Als er starb, war ich vier Jahre alt", sagt sie. Ein Jahr später, beim Neujahrsfest Newroz, demonstrierten Tausende Kurden in der Stadt für Freiheit und Unabhängigkeit. Es kam zu Ausschreitungen mit den Sicherheitskräften, am Ende waren mehr als hundert Menschen tot.

"Die Gewalt nimmt in diesen Tagen wieder zu", sagt Imret. "Ich habe den Eindruck, dass die türkische Regierung es darauf abgesehen hat, für Chaos zu sorgen, damit sie sich als starke Macht präsentieren kann." Seit zwei Wochen geht Ankaras Luftwaffe nicht nur gegen den "Islamischen Staat" (IS) in Syrien vor, sondern auch gegen kurdische Kämpfer in Syrien, im Irak und im eigenen Land. In Cizre liefern sich seither kurdische Kämpfer von der YDG-H, einer Jugendorganisation der PKK, blutige Schlachten mit der Polizei (Lesen Sie hier eine Reportage über die jüngsten Gewaltausbrüche in Cizre).

Die Polizei werde von den Menschen nicht als Freund und Beschützer wahrgenommen, sondern als Feind, sagt Imret. Mehrere Jugendliche seien in den vergangenen Wochen von Polizisten getötet worden, "nur weil sie Kurden sind. Mich erinnert das leider sehr an meine Kindheit. Damals genügte es auch, Kurde zu sein, um als Mensch zweiter Klasse zu gelten. Da hat sich bei manchen in den Köpfen nicht viel verändert."

Dabei hatten die Türkei und die PKK einen Friedensprozess begonnen, im Frühjahr 2013 führte er zu einem brüchigen Waffenstillstand. "Der ist dahin", sagt Imret. "Leider." Sie wisse die Bemühungen der vergangenen Jahre zu schätzen, aber sie sehe auch, wie die Türkei die kurdischen Gebiete stets benachteiligt habe. "Vom wirtschaftlichen Aufstieg der Türkei haben wir kaum profitiert", sagt sie. In der Türkei liege die Arbeitslosenquote bei etwa zehn Prozent - in Cizre bei 70 Prozent.

"Ich habe die Türkei gehasst"

Imrets Mutter wollte damals, Anfang der Neunziger, nach dem Tod ihres Mannes, der Gewalt und den Erinnerungen entkommen. Sie verließ Cizre und zog mit ihren drei kleinen Kindern ans Mittelmeer, ins 700 Kilometer entfernte Mersin. Als sich die Gelegenheit ergab, schickte sie Leyla zu einer Tante und einem Onkel nach Deutschland. "Ich bin also in Osterholz-Scharmbeck groß geworden. Eine wirklich hübsche Stadt."

Sie absolvierte die Realschule, da verlangte die Ausländerbehörde von ihr, dass sie eine Berufsausbildung nachweisen solle. Dabei wäre sie gern weiter zur Schule gegangen, hätte gern Politik studiert. Da die Behörde ihr aber mit Abschiebung drohte, beugte sie sich dem Druck und begann eine Ausbildung zur Friseurin. Nachdem sie diese abgeschlossen hatte, ließ sie sich noch zur Kinderpflegerin ausbilden.

"Ich hätte mir nie vorstellen können, zurück in die Türkei zu ziehen", sagt Imret. "Ich habe das Land nicht gemocht, weil es mir ja meinen Vater genommen hat." Gelegentlich reiste sie nach Mersin, um ihre Mutter und ihre Familie zu besuchen - aber nie nach Cizre. "Da war ich erst im August 2013 wieder."

Sie besuchte das Grab ihres Vaters, der hier als Held gefeiert wird. "Die Leute bewunderten mich, weil ich so gut Kurdisch spreche. Und ich merkte, wie sehr die Türkei sich verändert hatte, dass es nun kein Verbrechen mehr war, Kurdisch zu sprechen. Früher kam man dafür ja ins Gefängnis." Imret spricht fließend Kurdisch, ebenso Deutsch. "Nur mein Türkisch ist nicht so gut."

"Jeder Tote ist ein Toter zu viel"

Sie entschloss sich zu bleiben. "Ich fühle mich verpflichtet, meinem Land, meiner Nation etwas zu geben. Mein Traum ist es, dass wir in Freiheit und Frieden, in einer Demokratie leben." Es gehe den Kurden längst nicht mehr um einen eigenen Staat. "Wir wollen Autonomie, also selbstbestimmt leben. So, wie es in einer Demokratie möglich sein muss."

Wie schon in Osterholz-Scharmbeck engagierte sie sich in einem Kulturverein. "Zufällig standen im Frühjahr 2014 die Kommunalwahlen an, und die HDP fragte mich, ob ich für das Bürgermeisteramt kandidieren wollte." Imret sagte zu - und wurde mit mehr als 80 Prozent gewählt. Sie ist Ko-Bürgermeisterin, ihre Partei, die HDP, besetzt Ämter und Führungspositionen immer mit einer Frau und einem Mann.

Die HDP, ein Bündnis aus mehreren prokurdischen, linken und liberalen Gruppierungen, erzielte bei der Parlamentswahl am 7. Juni landesweit 13 Prozent, im Osten des Landes wurde sie mit Abstand stärkste Kraft. "Das nervt die Regierung, das nervt Erdogan", sagt Imret über Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan. Daher die Provokationen, daher die Gewalt. "Dass die PKK mit Anschlägen reagiert, halte ich aber für absolut falsch. Jeder Tote ist ein Toter zu viel."

Als Beispiel für die Provokation sieht sie die 13 toten Kämpfer, die vor zwei Wochen von der Terrormiliz "Islamischer Staat" auf syrischem Boden getötet worden sind. Die Opfer sind überwiegend Kurden, auch ein Deutscher ist darunter. "Die türkische Regierung ließ die Leichen nicht ins Land", sagt Imret. "Die Angehörigen konnten ihre Toten nicht beerdigen." Schließlich habe man die Särge nach elf Tagen doch noch die Grenze passieren lassen. Das zeige, dass die Regierung in Wahrheit nur eines wolle: die Menschen schikanieren.

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