Putschversuch in der Türkei gescheitert "Der Präsident ist an der Macht"

Die türkische Armee hat den Putsch für gescheitert erklärt, mehr als 1500 Militärangehörige wurden festgenommen. Staatspräsident Erdogan erklärt, die Aufständischen "werden einen hohen Preis bezahlen".

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Der schnelle Überblick
    Das ist passiert:
  • • Teile des türkischen Militärs haben versucht, gegen Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan zu putschen. Am Freitagabend erklärte das Militär, die Macht im Land übernommen zu haben. Inzwischen meldet die Regierung, der Putschversuch sei beendet.

  • • Laut Ministerpräsident Binali Yildirim kamen 265 Menschen ums Leben, darunter 104 Putschisten. 1440 Menschen wurden verletzt, mehr als 3000 Militärangehörige sollen festgenommen worden sein. Die Situation in Istanbul und Ankara ist noch immer unübersichtlich.

• Die türkische Regierung sieht in den Anhängern des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen die Schuldigen. Gülen bestreitet, verantwortlich zu sein. Er gilt als Erzfeind Erdogans.

Es sei ein "idiotischer Versuch gewesen", sagt der türkische Ministerpräsident Binali Yildirim in der Nacht zu Samstag. Und: Dieser Versuch sei "zum Scheitern verurteilt" gewesen. Inzwischen - Stunden nachdem das Militär im Land seinen Putsch gegen die Regierung begonnen hatte - sei die Lage "weitgehend unter Kontrolle".

Yildirim klingt bei seinem Interview mit dem Nachrichtensender NTV optimistisch. Und auch ein Sprecher des türkischen Geheimdiensts MIT sagte dem Sender CNN Türk, der Putschversuch sei "abgewendet".

Doch ganz so schnell wird sich die Lage im Land wohl nicht beruhigen. Noch immer gibt es Meldungen über teils blutige Auseinandersetzungen im Land. Laut dem kommissarischen Militärchef Ümit Dündar kamen 194 Menschen ums Leben, darunter 104 Putschisten. 1154 Menschen wurden verletzt, mehr als 1500 Militärangehörige sollen festgenommen worden sein.

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Türkei: Kampf um die Macht

Was war passiert?

Am Freitagabend verkündete das Militär, die Macht im Land übernommen zu haben. Es rief das Kriegsrecht aus und verhängte eine Ausgangssperre. Die Armee bezog an strategisch wichtigen Punkten in Istanbul und Ankara Stellung.

Erdogan selbst meldete sich noch in der Nacht vor Journalisten zu Wort. Es handle sich um einen "Aufstand einer kleinen Gruppe in der Armee" sagte er. Der Putschversuch sei ein Grund, das Militär zu "säubern". Erdogan sagte, er habe sich zuvor in einem Hotel in Marmaris an der türkischen Mittelmeerküste aufgehalten. Kurz nach seiner Abreise sei das Hotel bombardiert worden.

Erdogan rief die Bevölkerung auf, sich der versuchten Machtübernahme auf der Straße entgegenzustellen. Zahlreiche Menschen folgten diesem Ruf Erdogans - und so standen sich unter anderem auf dem Istanbuler Taksim-Platz einmal mehr Gegner und Anhänger der türkischen Regierung gegenüber.

Später trat Erdogan am Atatürk-Flughafen noch einmal vor seine Anhänger. "Der Präsident, den 52 Prozent der Menschen ins Amt gewählt haben, hat die Macht", sagte er. Und über die Putschisten: "Sie werden keinen Erfolg haben, solange wir ihnen entgegenstehen, indem wir alles riskieren."

No-comment- Video: Szenen aus Ankara und Istanbul

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Augenzeugen berichteten von Explosionen in Istanbul, Kampfjets flogen im Tiefflug über die größte Stadt des Landes. Auf den Straßen kam es zu teils gewalttätigen Auseinandersetzungen. Im Studio des Senders CNN Türk übernahmen kurzzeitig Soldaten die Kontrolle. Während einer Live-Sendung waren Schüsse zu hören - wohlgemerkt, nachdem Yildirim die Lage als "weitgehend unter Kontrolle" beschrieben hatte.

In der Nähe des Präsidentenpalasts in Ankara schlug einem Medienbericht zufolge eine Bombe ein. Das Geschoss sei von einem Kampfflugzeug abgeworfen worden, berichtete der Fernsehsender NTV. Zuvor hatte es bereits Berichte über mehrere Explosionen vor dem Parlamentsgebäude gegeben. Türkischen Medienberichten zufolge wurde ein Hubschrauber der Putschisten von Kampfflugzeugen abgeschossen.

Video aus CNN-Türk-Studio: Soldaten stürmen, Sender streamt auf Facebook

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Erdogan versus Gülen

Schon vor seiner Ankunft in Istanbul hatte Erdogan angekündigt, die Verantwortlichen würden vor Gericht einen hohen Preis zahlen. Er ließ keinen Zweifel daran aufkommen, wen er meinte: Erdogan sieht die Schuld an dem jüngsten Putschversuch bei den Anhängern des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen (mehr zu Erdogans Erzfeind lesen Sie hier).

Dieser Aussage schloss sich wenig später der türkische Justizminister an. Und auch Ministerpräsident Yildirim sprach von einem Akt der Rebellion seitens der Gülen-Bewegung.

Die widersprach bereits: "Wir verurteilen jede militärische Intervention in die Innenpolitik der Türkei", schrieb die Gülen-Bewegung in der Nacht zu Samstag in einer Erklärung an die Nachrichtenagentur AFP. Seit 40 Jahren hätten sich Gülen und die Anhänger seiner Hizmet-Bewegung für Frieden und Demokratie eingesetzt.

Gülen und seine Anhänger in der Türkei zählten lange zu den Unterstützern von Erdogan und dessen islamisch-konservativer Regierungspartei AKP. Nach einem Zerwürfnis im Jahr 2013 ließ Erdogan dann mit Festnahmen, Massenversetzungen und Entlassungen im Justiz- und Polizeiapparat Tausende Gülen-Anhänger aus staatlichen Institutionen entfernen.

Politik versus Militär

Das Militär hat bei seinem Putsch auch das türkische Parlament - und zahlreiche ausländische Regierungen - gegen sich. Alle vier Parteien im türkischen Parlament sprachen sich gegen den Putschversuch aus, auch die drei Oppositionsparteien. Das teilten sie in Stellungnahmen im Fernsehen und bei Twitter mit.

Weltweit warnten Politiker vor weiterem Blutvergießen und stellten sich hinter die demokratisch gewählte Regierung des Landes, darunter unter anderem US-Präsident Barack Obama, der russische Außenminister Sergej Lawrow und die deutsche Bundesregierung. "Die demokratische Ordnung in der Türkei muss respektiert werden", heißt es in einer Erklärung, die Sprecher Steffen Seibert über Twitter verbreitete.

Die EU - nicht zuletzt wegen des Flüchtlingsdeals eng mit der Türkei verbunden - erklärte in einer Mitteilung: "Wir rufen zu einer schnellen Rückkehr zur verfassungsmäßigen Ordnung auf." Das kurze Schreiben wurde unter anderem im Namen von EU-Ratspräsident Donald Tusk und EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker veröffentlicht. "Die Türkei ist ein wichtiger Partner der Europäischen Union."

Hier lesen Sie diese und weitere Reaktionen in Zitaten:

aar/dpa/Reuters/AFP

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