Türkei Mysteriöser Mord an Gegner des politischen Islams

Wenige Tage vor Beginn eines Spionage-Prozesses gegen vier deutsche Parteistiftungen in der Türkei wurde in Ankara der Universitätsdozent Necip Hablemitoglu ermordet. Der erklärte Gegner des politischen Islams hatte das Verfahren ins Rollen gebracht.


Sengul Hablemitoglu (rechts) vor der Leiche ihres ermordeten Ehemanns Necip: "Politisches Verbrechen"
AP

Sengul Hablemitoglu (rechts) vor der Leiche ihres ermordeten Ehemanns Necip: "Politisches Verbrechen"

Ankara - Der 48 Jahre alte Wissenschaftler, der mit seinem Buch "Die deutschen Stiftungen und die Akte Bergama" das Verfahren gegen die Adenauer- (CDU), Ebert- (SPD), Böll- (Grüne) und Naumann- (FDP) Stiftungen angestoßen hatte, wurde am Mittwochabend von Unbekannten mit einem Kopfschuss vor seinem Haus in Ankara getötet.

Hablemitoglu gilt auch als erklärter Gegner des politischen Islams. Er hatte zu Beginn des Jahres als Sachverständiger in einem Prozess gegen eine islamische Bruderschaft ausgesagt, der die Anklage Versuche zur Einrichtung eines muslimischen Staatssystems vorwirft.

"Es ist eindeutig eine terroristische Tat, ein politisches Verbrechen", sagte Staatspräsident Ahmed Necdet Sezer am Donnerstag. "Ich hoffe, dies ist nicht der Anfang von schlimmen Zeiten." Vor allem in den siebziger Jahren erschütterten politische Morde die Türkei, aber auch in den vergangenen zwei Jahrzehnten wurden wiederholt Politiker, Akademiker und Journalisten Ziel von Anschlägen.

Die deutsche Botschaft in Ankara geht nicht davon aus, dass der Anschlag großen Einfluss auf den Verlauf des Prozesses haben wird, der am 26. Dezember vor einem Staatssicherheitsgericht in Ankara beginnt. Den Stiftungsvertretern und türkischen Mitangeklagten drohen wegen "geheimer Absprachen gegen die Sicherheit des türkischen Staates" Haftstrafen zwischen acht und 15 Jahren.

Sie sollen den Kampf von Umweltschützern gegen die umstrittene Goldgewinnung mit giftigem Zyanid nahe der westtürkischen Kleinstadt Bergama unterstützt haben. Das Verfahren gegen die Stiftungen hatte zu Spannungen zwischen Ankara und Berlin geführt, das die Anschuldigungen als haltlos zurückgewiesen hatte.

Hablemitoglu galt als enger Freund des türkischen Staatsanwalts Nuh Mete Yüksel, der das Verfahren gegen die deutschen Stiftungen eingeleitet hatte. Als Staatsanwalt am Staatssicherheitsgericht war Yüksel erst vor wenigen Wochen wegen eines mysteriösen Sexskandals abberufen worden.



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