Türkei nach Putschversuch "Istanbul war cool, jetzt haben wir ständig Angst"

Wie lebt es sich in der Türkei nach dem Putschversuch? Sechs Menschen erzählen. Einige fühlen sich gefangen, andere fürchten die nächste Katastrophe. Protokolliert von Hasnain Kazim
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Türkei nach Putschversuch: Patriotismus und Misstrauen

Foto: Chris McGrath/ Getty Images

Als eine westliche Zeitung kürzlich über eine regierungskritische Lehrerin in der Türkei berichtete und zu ihrer Sicherheit ihren Namen änderte, wurden kurz darauf alle Lehrerinnen mit diesem Namen vorgeladen und vernommen. Wie hatte die Frau es wagen können, die Regierung in Ankara zu kritisieren? Es dauerte, bis die Ermittler verstanden, dass der Name in dem Artikel geändert worden war und dass sie ihr nicht auf die Spur kommen würden.

In der Türkei findet eine Hexenjagd auf Regierungskritiker statt. Mehr als 51.000 Staatsbedienstete - Richter, Staatsanwälte, Lehrer, Universitätsmitarbeiter - wurden seit dem gescheiterten Putschversuch Mitte Juli entlassen. Journalisten, Künstler, aber auch alle, die einfach nur auf Facebook oder Twitter ein kritisches Wort über Präsident Recep Tayyip Erdogan oder über die türkische Regierung wagen, werden mehr denn je verfolgt.

Kaum jemand traut sich, offen über sein Leben und seine Lage in diesen Zeiten reden. Wer mit Journalisten spricht, möchte auf keinen Fall identifiziert werden. Um diese Menschen zu schützen, werden ihre Namen und Fotos nicht veröffentlicht. Lesen Sie hier ihre Berichte.


Foto: Petros Karadjias/ AP

Ein türkischer Akademiker und Mitarbeiter einer politischen Stiftung, Istanbul:

Das, was wir derzeit erleben, ist eine Jagd auf Regierungskritiker. Es haben ja nicht nur zigtausende Staatsbedienstete ihre Jobs verloren. Tausende Menschen werden einfach so, ohne richterlichen Beschluss, festgenommen. Diese Menschen verschwinden, sie werden einfach in Gefängnisse geworfen. Bekommen sie einen rechtsstaatlichen Prozess? Ich bezweifle das. Amnesty International berichtet ja schon von Folter.

Ich glaube, jeder, der irgendwie in Verbindung mit der Gülen-Bewegung steht, kann damit rechnen, verfolgt zu werden. Die Regierung behauptet ja, das wäre eine Terrororganisation. Aber ist sie das? Welche Beweise gibt es?

Ich bin kein Freund dieser Bewegung, die haben auch nur den Islam im Kopf und in der Vergangenheit viel Unheil angerichtet, als sie noch Freunde von Erdogan waren. Aber trotzdem muss man sich genau anschauen, ob und welcher Vergehen sie sich schuldig gemacht haben, anstatt pauschal jeden als Terroristen zu bezeichnen. Ich darf übrigens derzeit die Türkei nicht verlassen beziehungsweise muss mir eine Ausreise genehmigen lassen. Warum? Was soll das?

Mit welchem Recht sperrt die Regierung mich in meinem eigenen Land ein?


Foto: Marius Becker/ dpa

Eine deutsche Hausfrau und Mutter, 40, Istanbul:

Wir leben seit mehreren Jahren in der Türkei. Der Beruf meines Mannes hat uns hierher gebracht. Eigentlich wollten wir noch länger bleiben, aber jetzt denken wir über einen vorzeitigen Umzug nach. Istanbul war mal ein Traumstandort. Die Stadt war cool, die Künstlerszene boomte, es passierte so viel, man spürte den Aufbruch.

Seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 geht es bergab. Immer mehr Polizei auf den Straßen, Tränengas, ständig die Sorge, dass man da mit den Kindern hineingerät.

Seit Sommer 2015 gibt es wieder Terror, nicht nur durch die PKK und sonstige kurdische Extremisten, sondern auch durch Terroristen des "Islamischen Staates". Was ist das für ein Leben mit der ständigen Angst vor einem Anschlag? Schon seit Langem meiden wir die - eigentlich sehr gute - U-Bahn.

Der Putschversuch hat uns dann wirklich Angst gemacht. Wir wohnen nicht weit von der ersten Bosporusbrücke entfernt. Wir haben die Schüsse gehört, die ganze Nacht. Kampfjets flogen so tief über unserem Haus, dass zwei Fenster zerborsten sind. Was glauben Sie, wie unsere Kinder sich jetzt fühlen? Selbst zu Hause ist ihnen unwohl.

Inzwischen haben wir zwar wieder einen relativ normalen Alltag, aber wer weiß, wann die nächste Katastrophe passiert? Das kann in der Türkei schneller passieren, als man denkt.


Foto: OZAN KOSE/ AFP

Eine kurdische Lehrerin, 34, Istanbul:

Jeden Tag rechne ich damit, entlassen zu werden. Wir haben Ferien im Moment, daher habe ich keinen Kontakt zu meiner Schulleitung. Aber wer weiß, vielleicht bekomme ich einen Anruf oder einen Brief mit der Mitteilung, dass ich entlassen bin.

Es sollen ja mehrere Tausend Lehrerinnen und Lehrer entlassen worden sein, weil sie angeblich der Gülen-Bewegung nahestehen. In Wahrheit will die Regierung doch alle loswerden, die selbst denken, eine Meinung haben und die auch äußern.

Ich bin Kurdin, das ist sicherlich ein Nachteil. Allerdings muss ich ehrlicherweise sagen, dass das in letzter Zeit keine Rolle spielte. Kurden, die sich von der Gewalt der PKK distanzieren und sich nicht kritisch über Erdogan äußern, haben kein Problem. In dem Moment, in dem man durch Kritik negativ auffällt, wird das Kurdensein zum Problem.

Am liebsten würde ich ins Ausland ziehen, aber wo kann ich hin, wo kann ich arbeiten und mir ein neues Leben aufbauen? Es sind doch eh schon so viele Menschen auf der Flucht, da will uns Kurden niemand haben.


Ein türkischer Ingenieur, 39, Vater von drei Kindern, Istanbul:

Es sind turbulente Zeiten, ja. Aber ich glaube, es wirkt von außen betrachtet schlimmer als vor Ort. Die Türkei unter Erdogan mag vielleicht nie wirklich frei gewesen sein, aber es ging den meisten Menschen in unserem Land auch nicht schlecht. Man hört von den Kämpfen im Südosten, aber dann ist da auch der Terror, mit dem die PKK das Land überzieht. Wer hat angefangen? Und muss der Staat sich nicht wehren? Ist die Reaktion unserer Sicherheitskräfte wirklich unverhältnismäßig?

Die ausländische Presse behauptet das, die regierungsnahen türkischen Medien melden das Gegenteil. Was soll ich glauben? Ich denke, die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Der Putschversuch war falsch, und ich bin überzeugt, dass die große Mehrheit der Menschen in diesem Land es genauso sieht. Manche meiner Freunde sind seither verängstigt. Ich denke, es werden bald auch wieder ruhigere Zeiten kommen. Und wie gesagt: So unruhig, wie es in der Außenwahrnehmung erscheint, ist es ja auch jetzt schon nicht. Wer ständig nur die Bilder von den Schreckensnachrichten im Fernsehen sieht, bekommt einen falschen Eindruck.

Ich gehe wie immer zur Arbeit, und die Kinder genießen im Moment ihre Ferien und werden bald wieder zur Schule gehen. So anders als früher ist es jetzt auch nicht.


Foto: GURCAN OZTURK/ AFP

Eine türkische Journalistin einer regierungskritischen Zeitung, Istanbul:

Am Sonntag haben wieder Tausende Menschen auf dem Taksim-Platz in Istanbul protestiert. Diesmal hat die größte Oppositionspartei, die CHP, dazu aufgerufen. Das Motto lautete: Wir verteidigen die Republik und die Demokratie! Es ging darum, ein Zeichen gegen den undemokratischen Putschversuch zu setzen, aber auch für den Laizismus, die Trennung von Staat und Religion, was Erdogan und seine AKP mit einer schleichenden Islamisierung zunichte machen wollen. Es waren sogar AKP-Leute auf dem Platz. Das sollte Einigkeit demonstrieren.

Aber das war nur eine Show. Die Demo wurde genehmigt, damit auch die Opposition - und etwa die Hälfte der türkischen Bevölkerung wählt Erdogan nicht, das darf man ja nicht vergessen - auch mal was sagen darf. Ich wette, das wars für die Opposition.

Ab jetzt muss sie wieder ihren Mund halten. Leider ist sie sehr schwach, hat keine guten Leute und kann dem nichts entgegensetzen. Und Erdogan und seine Anhänger werden immer wieder auf diese eine Demo verweisen, als Beispiel dafür, wie demokratisch und tolerant sie doch sind. Eine tolle Demokratie haben wir!


Foto: Neyran Elden/ AP

Ein deutscher Angestellter eines Unternehmens in Istanbul:

Ich mache derzeit mit meiner Familie Urlaub in Deutschland. Eigentlich hätten wir kommende Woche zurückreisen wollen, aber das werden wir verschieben. Meine Firma, ein deutsches Unternehmen, befürwortet das. Sicherheit geht vor. Wir mögen die Türkei, und deshalb zögern wir noch mit der Entscheidung, dass meine Familie in Deutschland bleibt und gar nicht mehr zurückkehrt. Istanbul ist uns zur Heimat geworden.

Es wäre schade, sie jetzt unter solchen Umständen zu verlassen. Aber vielleicht fliege ich erst einmal allein zurück. Ich habe die politische Lage in der Türkei natürlich immer mit Interesse verfolgt, aber als Vertreter eines Unternehmens habe ich mich nie politisch geäußert und immer versucht, Distanz zu halten.

Ich hätte trotz aller negativen Entwicklungen der vergangenen Jahre nicht für möglich gehalten, dass die türkische Politik mal so gravierend in unser Leben eingreift.

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