Kurdische Menschenrechtlerin Baysal "Schaut auf dieses Land!"

Seit Jahrzehnten führt der türkische Staat Krieg gegen kurdische Separatisten. Menschenrechtlerin und Autorin Nurcan Baysal dokumentiert präzise die Zerstörung ihrer Heimat - und glaubt weiter an Frieden.

Menschenrechtlerin Baysal
Berge Arabian

Menschenrechtlerin Baysal

Von , Istanbul


Im Januar 2016 saß die kurdische Menschenrechtlerin Nurcan Baysal in Brüssel auf einem Podium - es ging um Europa, die Türkei und die Kurden - da erhielt sie einen Anruf von einem Freund. Es war der Kurden-Politiker Mehmet Tunc. Er hatte sich in der Stadt Cizre, im Südosten der Türkei, die zu dieser Zeit vom türkischen Militär belagert wurde, in einem Keller verschanzt - gemeinsam mit mehreren Dutzend anderen Menschen.

Baysal stellte das Telefon laut. Die Konferenzteilnehmer sollten hören, was Tunc mitzuteilen hatte: "Die Situation ist nicht wie in den Medien beschrieben. Es findet ein Massaker in Cizre statt", sagte er. "Es gibt kein Wasser mehr. Wir gehen raus, um Wasser zu holen, und werden von Scharfschützen beschossen. Ich bin im Gebäude. Die Situation ist kritisch." Einige Tage später war Tunc tot.

Bis heute ist umstritten, was genau in den Wintertagen 2016 in Cizre geschehen ist. Fest steht, dass türkische Sicherheitskräfte unter anderem jenen Keller, in dem sich Tunc aufhielt, attackierten und dabei etliche Menschen starben.

Wie viele genau, ist unklar. Die Regierung spricht von einigen wenigen Kämpfern der Terrororganisation PKK. Kurden-Vertreter hingegen sagen, in den Kellern hätten sich fast 150 Menschen aufgehalten, darunter viele Zivilisten. Sie seien bei lebendigem Leib verbrannt. Auch die Vereinten Nationen prangern schwere Menschenrechtsverletzungen in Cizre an.

Zerstörte Häuser in der kurdischen Stadt Cizre
AFP

Zerstörte Häuser in der kurdischen Stadt Cizre

Nurcan Baysal läuft an einem Herbstnachmittag, fast zwei Jahre später, über das Messegelände in Frankfurt am Main. Sie kommt gerade von einem Mittagessen mit Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt. Später wird sie an einem Türkei-Panel teilnehmen, das das Autoren-Netzwerk "60 pages" organisiert hat.

Die Ereignisse von Cizre lassen Baysal nicht los. "Warum ist damals niemand eingeschritten?", fragt sie. "Warum haben die Europäer das Morden nicht verhindert?"

Erdogans Rückkehr zur Kriegspolitik

Baysal, geboren 1975, ist eine Vorkämpferin für Demokratie und Menschenrechte in der Türkei. Sie hat das "Soziale und Politische Forschungsinstitut Diyarbakir" gegründet, für verschiedene Stiftungen und NGOs wie die "Stiftung Mesopotamien" oder den "Global Women Fund" gearbeitet und Bücher geschrieben.

Auf ihrem Blog dokumentiert sie so präzise wie keine andere Autorin den Krieg gegen die Kurden. Sie zeichnet nach, wie Städte wie Cizre oder Sirnak vom türkischen Militär ausgelöscht wurden, wie Zivilisten zwischen die Fronten gerieten, wie Hunderttausende Menschen aus ihren Häusern fliehen mussten. Trotzdem glaubt sie weiter an Frieden: "Die Menschen sind müde von der Gewalt. Sie wollen Frieden. Ich appelliere an beide Seiten, den Dialog, den sie einst begonnen haben, wieder aufzunehmen."

Lange Zeit hatte es so ausgesehen, als würde sich der türkisch-kurdische Konflikt, der inzwischen länger währt als Erster und Zweiter Weltkrieg zusammen, unter Präsident Recep Tayyip Erdogan entspannen. Erdogan hatte sich als erster türkischer Spitzenpolitiker um eine politische Lösung der Auseinandersetzung mit der PKK bemüht. Er ließ kurdischsprachige Radio- und Fernsehsender zu. Seine Regierung führte Friedensverhandlungen mit der PKK und investierte Milliarden in die Wirtschaft im Südosten des Landes. Den erstmaligen Einzug der prokurdischen Partei HDP ins türkische Parlament im Juni 2015 betrachteten viele Kurden als Aufbruch in eine neue Zeit.

Erdogan aber sah durch den Erfolg der Kurden seine Macht bedroht. Er kehrte nach der Parlamentswahl zur Kriegspolitik der Achtziger- und Neunzigerjahre zurück. Die Regierung nahm ein Attentat kurdischer Extremisten auf türkische Polizisten im Juli 2015 zum Anlass, die Gespräche mit der PKK abzubrechen. Türkische Kampfjets bombardieren seither beinahe wöchentlich Stellungen der Organisation in den Bergen Nordiraks, Militär und PKK haben den Krieg mittlerweile auch in die kurdischen Städte getragen.

  • REUTERS
    Erdogan ist in der Türkei überall: in den Medien, auf Plakaten. Ständig hält er irgendwo eine Rede, die im Fernsehen live übertragen wird, eröffnet ein Gebäude, hetzt gegen Widersacher.

    Doch es gibt auch eine andere, liberale Türkei. SPIEGEL ONLINE stellt in dieser Reihe Menschen vor, die sich, trotz aller Repressionen, der Regierung widersetzen, die die Hoffnung auf Demokratie in der Türkei längst noch nicht aufgegeben haben.

Fast ebenso sehr wie die türkische Regierung aber kritisiert Baysal die Europäer. Die EU, sagt sie, habe sich entschieden, bei den Verbrechen gegen die Kurden wegzusehen. Sie brauche die Türkei als Türsteher gegen Geflüchtete und scheue deshalb die Konfrontation mit Präsident Erdogan. Die Europäer würden noch nicht einmal die Namen der kurdischen Journalisten kennen, die im Gefängnis sitzen, sagt sie.

Baysal, Mutter von zwei Kindern, lebt nach wie vor in Diyarbakir, der größten kurdischen Stadt im Südosten der Türkei. Sie geht mit ihrer Arbeit ein großes Risiko ein. Die türkische Regierung hat in den vergangenen Monaten zehntausende Oppositionelle festnehmen lassen - gerade Kurden. Baysal lässt sich nicht einschüchtern. Ihr gehe es auch darum, die Zerstörung ihrer Heimat zu dokumentieren, so dass künftige Generationen aus der Tragödie lernen, sagt sie. "Meine Botschaft lautet: Schaut auf dieses Land!"


Anmerkung: Michael Roth ist Staatsminister im Auswärtigen Amt, nicht Staatssekretär. Zudem wurde das Türkei-Panel von dem Autoren-Netzwerk "60 pages" organisiert. Wir haben die Textstellen entsprechend angepasst.



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