Türkische Organisation Kadem Eine Frauenbewegung ganz in Erdogans Sinn

Die Organisation Kadem will in der Türkei eine neue Frauenbewegung schaffen. Um Gleichstellung geht es dabei nicht - der Verein ist ganz auf AKP-Linie. Vizepräsidentin ist Erdogans Tochter Sümeyye.

Hochzeit von Sümeyye Erdogan und Selcuk Bayraktar: Frauen werden gesellschaftlich in der Familie positioniert
Turkish Presidency/ Yasin Bulbul/ Anadolu Agency/ Getty Images

Hochzeit von Sümeyye Erdogan und Selcuk Bayraktar: Frauen werden gesellschaftlich in der Familie positioniert

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"Man kann Frauen und Männer nicht gleichstellen. Das ist gegen die Natur": Diese Aussage des türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdogan machte 2014 international Schlagzeilen. Gefallen ist das Zitat auf dem Kongress einer Frauenorganisation. Der türkische Verband Kadem hatte Erdogan als Redner eingeladen. Anders als in ausländischen Medien sorgte die Rede dort jedoch nicht für Irritationen. Erdogan erntete Applaus.

Im Publikum saß damals auch seine jüngste Tochter. Sümeyye Erdogan gehört zu den Mitbegründerinnen von Kadem. Der Verein hat es sich seit 2013 zur Aufgabe gemacht, den gesellschaftlichen Status von Frauen zu verbessern. Neben frauenpolitischen Themen im Allgemeinen beschäftigt sich der Verband besonders mit Gewalt, auch sexualisierter Gewalt, gegen Frauen.

Auf den ersten Blick ähnelt Kadem damit anderen Frauenorganisationen. Doch es gibt einen entscheidenden Unterschied. "Der Verband lehnt das Konzept der Gleichstellung konsequent ab", sagt Politikwissenschaftlerin Ayse Dursun. Stattdessen greife Kadem auf das Prinzip der Geschlechtergerechtigkeit zurück.

Ideologisch im Einklang mit der AKP

Während Feministen davon ausgehen würden, dass die Ungleichheit zwischen Mann und Frau gesellschaftlich konstruiert sei und sich somit auch vom Menschen wieder abbauen ließe, verfolge Kadem eine andere Ideologie. Der Verein verteidige zwar, dass Mann und Frau gleich viel wert sind. Doch von der Schöpfung her seien sie unterschiedlich. "Laut dieser Ideologie können sie deshalb auch nicht gleichgestellt sein. Sie müssen sich ergänzen", so Dursun weiter. Damit stehe Kadem im Einklang mit der Politik der AKP.

Dursun promovierte mit einer Arbeit über muslimische Frauenbewegungen in der Türkei und arbeitet seit Januar 2019 am Institut für Politikwissenschaft der Universität Wien. Sie beobachtet Kadem seit Längerem und ist überrascht, wie schnell der Verein wächst.

Anfang des Jahres eröffnete Kadem bereits seine 45. Filiale landesweit. Finanziert wird das teilweise aus Mitgliederbeiträgen. Wie viele Frauen dem Verein angehören, ist allerdings nicht öffentlich bekannt. Neben den Beiträgen dürften auch Spenden und Einnahmen aus Immobilien in die Vereinskasse fließen. Nach eigenen Angaben hat Kadem zwischenzeitlich auch finanzielle Unterstützung von der Europäischen Union erhalten. Fördergelder der türkischen Regierung fließen zumindest offiziell nicht.

Als Hauptgrund für den schnellen Erfolg von Kadem nennt Dursun die starke Bindung zur AKP und zur politischen Elite im Land. Diese Nähe sei nicht nur ideologisch, sondern auch organisatorisch. So sei Präsident Erdogan häufiger Gast auf Veranstaltungen. Tochter Sümeyye ist mittlerweile Vizepräsidentin der Organisation. Und die frühere Kadem-Präsidentin Emine Sare Aydin Yilmaz sitzt nun für die AKP im Parlament.

Sie bezeichnete Kadem einst als "neue Frauenbewegung der neuen Türkei". Dem zugrunde liegt laut Dursun das Bild einer heterosexuellen Nicht-Trans-Frau, die im wahrscheinlichsten Fall auch noch türkisch-muslimisch sei. "Der Fokus liegt dabei immer sehr stark auf Familie und viel weniger auf Frauen, so dass frauenpolitische Themen eigentlich subsumiert werden in familienpolitischen Themen", so Dursun.

Auch das steht im Kontrast zu feministischen Organisationen. Diese wurden in der Türkei in den vergangenen Jahren zunehmend verdrängt. Zum einen ließ Erdogan nach dem Putschversuch 2016 Hunderte Nichtregierungsorganisationen verbieten, darunter viele Frauenvereine. Zum anderen sind viele Stimmen der Bewegung von den Entlassungs- und teils auch Verhaftungswellen betroffen. "Wenn eine feministische Akademikerin entlassen wird, dann ist das jedes Mal eine feministische Stimme weniger an der Universität. Der Diskurs wird so zunehmend an den Rand gedrängt", sagt Dursun.

"Ich denke, dass Kadem einen Paralleldiskurs zur Frage der Gleichstellung schaffen will", so Dursun. Dies geschehe beispielsweise über Kampagnen, Kursangebote und eine Zeitschrift. Für die feministische Bewegung sei das ein Rückschlag, vor allem da Kadem politische Unterstützung habe. Entsprechend groß ist die Kritik aus feministischen Kreisen.

Sexismus trifft auch Kadem

Doch nicht nur ihnen ist Kadem ein Dorn im Auge. Auch Stimmen aus dem extrem konservativen Lager attackieren den Verein immer wieder. "Das zeigt, dass auch konservative Frauen von Sexismus betroffen sind", sagt Dursun.

So wurde dem Verein zuletzt vorgeworfen, die westliche Vorstellung der Gleichstellung zu verbreiten und Spenden von der Soros-Stiftung erhalten zu haben. Für Kadem ist der türkisch-nationale Aspekt jedoch besonders wichtig. Auch dafür werde die Organisation so gefeiert, so Dursun. Der Vorwurf der Steuerung aus dem Ausland sei daher eine Diskreditierungsstrategie.

Nach den Anschuldigungen sah Kadem sich zu einem Statement gezwungen. Gelder aus dem Ausland habe es nicht gegeben, einzige Ausnahme sei eine Förderung der EU, hieß es darin. Auch distanzierte der Verein sich nochmals vom Prinzip der Gleichstellung - und stellte in diesem Schreiben auch gleich klar, dass man Homosexualität für eine "perverse Tendenz" halte.



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