Türkei Polizei nimmt Wissenschaftler und Künstler fest

Die türkische Regierung geht weiter hart gegen vermeintliche Putschisten vor. Wiederum wurden Menschen festgenommen - es traf Wissenschaftler und Künstler.

Silivri-Gefängnis
REUTERS

Silivri-Gefängnis


Die Zivilgesellschaft in der Türkei gerät weiter unter Druck. Wie die Nachrichtenagentur DHA berichtet, wurden bei Razzien in Istanbul und drei weiteren Provinzen am Freitagmorgen mindestens zwölf Personen festgenommen. Unter ihnen seien fünf Vertreter des Kulturinstituts "Anadolu Kültür", darunter der Vizechef Yigit Ekmekci. Ebenfalls festgenommen wurden laut DHA der Dekan einer juristischen Fakultät und eine Mathematikprofessorin.

Insgesamt wurden 20 Personen per Haftbefehl gesucht. Drei der Inhaftierten - unter anderem der Dekan - sollen am späten Abend Medienberichten zufolge wieder freigelassen, aber mit einer Ausreisesperre belegt worden sein.

Wieso die Betroffenen ins Visier der Behörden gerieten, geht aus der Meldung nicht hervor. Die Zeitung "Cumhuriyet" berichtet unter Berufung auf die Polizei, den Mitarbeitern von "Anadolu Kültür" werde vorgeworfen, die Gezi-Protesteim Sommer 2013 unterstützt zu haben, um den gewaltsamen Sturz der Regierung zu ermöglichen. Seitdem hätte sie ähnliche Proteste vorbereitet.

Der Oppositionsabgeordnete Sezgin Tanrikulu kritisierte die Festnahmen. "Jene, die von diesem Regime eine Normalisierung erwarten, sollten weiter träumen", schrieb der CHP-Politiker auf Twitter.

Schon länger im Visier

Der Vorsitzende von "Anadolu Kültür", der Geschäftsmann und Intellektuelle Osman Kavala, war bereits vor mehr als einem Jahr festgenommen worden. Bislang gibt es keine Anklageschrift gegen ihn. Derzeit befindet sich Kavala im Silivri-Gefängnis in Einzelhaft (mehr über den "türkischen George Soros" lesen Sie hier).

Osman Kavala
DPA

Osman Kavala

"Anadolu Kültür" will durch Kulturprojekte Spannungen abbauen und zur Verständigung zwischen den Volksgruppen in der Türkei beitragen. Die Stiftung kooperiert mit zahlreichen internationalen Organisationen, darunter dem Goethe-Institut.

Dutzende Festnahmen im restlichen Land

Gleichzeitig wurden im Rahmen von Operationen gegen angebliche Mitglieder der Gülen-Bewegung in Istanbul weitere 14 Personen wegen "Terrorfinanzierung" festgenommen. Im westtürkischen Izmir gingen Sicherheitskräfte laut DHA auch gegen Kleinhändler vor und nahmen 17 Menschen fest. Sie sollen ebenfalls der Bewegung des Predigers Fetullah Gülen angehören.

Unterdessen hat die Staatsanwaltschaft in Ankara laut DHA damit begonnen, im Rahmen einer weiteren Anti-Gülen-Operation nach insgesamt 188 Menschen aus 26 Provinzen zu fahnden. Unter ihnen seien 100 Mitglieder der Luftwaffe sowie 88 Imame. Einige der Gesuchten seien bereits in Haft.

Hunderttausende Entlassungen seit Putschversuch

Am Donnerstag hatte Innenminister Süleyman Soylu laut staatlicher Nachrichtenagentur Anadolu im Parlament in Ankara neue Zahlen zu den umfassenden Fahndungsaktivitäten gegen angebliche Gülen-Anhänger und Terroristen vorgestellt. Demnach wurden seit dem Putschversuch im Jahr 2016 wegen angeblicher Verbindungen zu den Putschisten rund 218.000 Menschen festgenommen. 16.684 der Betroffenen seien bereits verurteilt worden, 14.750 befänden sich weiter in Untersuchungshaft.

jpe/dpa/AFP



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