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Demonstranten in Istanbul: Gesichter des Protests

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Revolte gegen Erdogan "Wir sind der Widerstand"

Bauarbeiter und Bankangestellte, Kellner und Künstler, Lehrer und Unternehmer: In der Türkei protestiert keine radikale Minderheit. Bürger aus vielen Teilen der Gesellschaft gehen auf die Straße - sie trotzen Prügelattacken und Tränengas.

Da ist der Ingenieur, der durch Pfefferspray-Schwaden irrt. Da ist die angehende Ärztin, die Medizin bringt und Zitronensaft, weil der helfen soll gegen das Reizgas. Da ist die Lehrerin, die mit ihrem Camcorder die Geschehnisse dokumentiert. Da ist der deutsche Austauschstudent, der von der revolutionären Stimmung schwärmt. Da ist der linke Aktivist, der seit Tagen auf dem Taksim-Platz im Herzen Istanbuls campiert und ihn verteidigt gegen die Polizisten.

In der Nacht zu Dienstag ist es bereits Tage her, dass die Proteste für den Erhalt eines kleinen Parks in der größten Stadt der Türkei anschwollen zur einer Revolte der Empörten. Doch noch immer harren einige hundert aus, vielleicht einige tausend. Noch immer trotzen sie dem Tränengas, das beißend durch die Straßen weht, auch wenn sich die Lage direkt am Platz etwas beruhigt hat. Noch immer kauern sie hinter Barrikaden, errichtet aus Absperrgittern und Geröll.

"Wir bleiben, bis Tayyip geht und wir unsere Freiheit haben", sagt Balkan, 24, der normalerweise versucht, als Filmemacher über die Runden zu kommen, sich jetzt aber vor allem als Teil einer Widerstandsbewegung sieht. Er zeigt auf die Menschen auf dem Platz und ruft: "Das sind alles meine Freunde."

Erdogan beschimpft die Demonstranten als Marodeure

Sie haben einen Sieg errungen, so sehen sie es, einen Sieg gegen den mächtigsten Mann der Türkei: Recep Tayyip Erdogan, den Premierminister. Schließlich hat sich die Polizei vorübergehend zurückgezogen vom Taksim-Platz, schließlich musste Erdogan Fehler einräumen, schließlich sind auch in Ankara, Izmir und mehr als 40 anderen Städten Zehntausende auf die Straße gegangen, tun es zum Teil noch immer. Schließlich schaut die Welt auf die Türkei.

Die EU hat das Vorgehen der Polizei kritisiert, der US-Außenminister vor "exzessiver Gewalt" gewarnt, die deutsche Kanzlerin zeigte sich besorgt. Denn immer wieder flammt die Gewalt neu auf, in Istanbul haben sich die Zusammenstöße ins Viertel Besiktas verlagert, in Izmir brannte ein Gebäude der der regierenden AKP, in Ankara gingen die Beamten besonders rabiat vor. Ärzte und Menschenrechtler zählten mehr als 1700 Verletzte, während die türkischen Behörden nur etwa 170 bestätigen. Mindestens zwei Menschen sind bislang ums Leben gekommen.

Erdogan jedoch denunziert die Demonstranten als "Plünderer" und "Marodeure", die aus dem Ausland gesteuert werden. Sie nennen ihn nur noch Tayyip, und einige kombinieren es gern mit einem wenig schmeichelhaften Zusatz, in dem die Mutter des Premiers vorkommt. Zum einen, weil sie nach einem Jahrzehnt unter seiner Regentschaft das Gefühl haben, ihn zu kennen, ihren Tayyip. Zum anderen wollen sie zeigen, dass sie ihn nicht mehr ernst nehmen. Keinen stolzen Staatsmann sehen sie, sondern einen wütenden Choleriker, der das Gespür für die Stimmung im Volk verloren hat. Sie nennen ihn einen "Diktator", einen "Faschisten", sie sprühen Schmäh-Graffitis auf Mauern und Schaufenster.

Einige träumen bereits von einem "türkischen Frühling", von einer Revolution, die sie begonnen haben. "Der Platz gehört uns", sagt ein Computerspezialist, der immer wieder hergekommen ist, nach Feierabend. Normalerweise ist er ein zurückhaltender Mann Anfang 50, der ausgewogen argumentiert. Jetzt ist er aufgeputscht wie ein Jugendlicher, die Euphorie bricht aus ihm heraus.

Allerdings ist es wohl zu früh, von einer Bewegung zu sprechen. Eher ist es das Erwachen einer Bürgergesellschaft, die trotz eines enormen Wirtschaftsbooms und Wohlstandswachstums nicht mehr alles hinnehmen will. Die Frage ist, wie lange die Empörung die Menschen auf die Straße treibt.

Experten warnen vor einem Riss durch die Gesellschaft

Ja, es sind enorme Proteste, wie sie selbst Istanbul kaum kennt - eine Stadt, in der dauernd Umzüge, Kundgebungen und Demonstrationen stattfinden. Ja, hier schlossen sich Besonnene und Heißblütige zusammen, Alte und Junge, Männer und Frauen, Linke wie Rechte, Kurden und Kemalisten. Ja, die Demonstranten kommen aus vielen Teilen der Gesellschaft, selbst Wähler von Erdogans AKP sind darunter, wie mehrere Zeitungen berichten.

Aber noch immer würde Erdogan wohl gewinnen, wenn die Türken jetzt wählen würden, wie aktuelle Umfragen zeigen. Bei der letzten Parlamentswahl errang seine Partei einen überlegenen Sieg mit 50 Prozent der Stimmen. Nach allem was bekannt ist, führt er noch immer die Beliebtheitslisten an.

Dafür hat er in Kauf genommen, dass sich die Spaltung seines Landes vertiefte. Meinungsforscher warnen vor einem tiefen Riss, der sich durch die türkische Gesellschaft zieht. Das "Wall Street Journal" zitiert Bekir Agirdir von einem unabhängigen Umfrageinstitut: Der Experte beobachtet eine "Besorgnis erregende Polarisierung", es gehe in eine "gefährliche Richtung".

So macht sich bei einigen Demonstranten denn auch Resignation breit und Erschöpfung. "Ich fürchte, es ändert sich wenig", sagt Canan E., 36, die als Englischlehrerin arbeitet, "aber wir geben die Hoffnung nicht auf".