Mai-Proteste in der Türkei Kampfgebiet Istanbul

Wasserwerfer und Tränengas, Barrikaden und Steinwürfe: Türkische Polizisten und Demonstranten gehen in Istanbul aufeinander los. Besonders heftig toben die Kämpfe am Taksim-Platz - dort hatte die Regierung Demos zum 1. Mai verboten.


Istanbul - Der deutsche Bundespräsident ist erst wenige Tage wieder weg, die Zeitungen noch voll mit Berichten von dem Besuch und dem Streit über Meinungsfreiheit, da eskalieren in der Türkei wieder Proteste gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan. Oder, je nach Sichtweise: Da drängen die Sicherheitskräfte wieder jene zurück, die anders denken.

Mit Tränengas, Wasserwerfern und Schlagstöcken ist die Polizei in Istanbul vorgegangen gegen die Proteste zum 1. Mai. Vor allem wollte sie verhindern, dass Demonstranten den Taksim-Platz und den Gezi-Park erreichen, wo sich im vergangenen Jahr der Aufstand gegen die Regierung von Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan entzündete.

Rund um den Platz und in mehreren Stadtteilen Istanbuls gingen Polizisten und Demonstranten aufeinander los, ein Korrespondent des "Wall Street Journals" twitterte, dass es auch im Geschäfts- und Finanzviertel Proteste gab. In der Nähe des Taksim errichteten Demonstranten Barrikaden und warfen mit Pflastersteinen. Bis zum Mittag gelang es ihnen aber nicht, auf den Platz vorzudringen.

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Istanbul am 1. Mai: Wasserwerfer, Tränengas, Barrikaden
Die Behörden hatten 1.-Mai-Demonstrationen auf dem Platz im Zentrum untersagt. Gewerkschaften, Parteien, linke Gruppen und andere Regierungskritiker riefen dazu auf, trotzdem auf den Taksim zu kommen. Die Zeitung "Hürriyet" berichtet, es seien rund 40.000 Polizisten in Istanbul im Einsatz, knapp die Hälfte von ihnen rund um den Platz.

Tränengasschwaden wabern durch die Straßen

Laut Augenzeugenberichten wurden mehrere Demonstranten bereits festgenommen. Im zentralen Stadtteil Besiktas flohen Menschen wegen des massiven Tränengaseinsatzes aus ihren Häusern. Auf Fernsehbildern waren weinende Kinder zu sehen, die in Sicherheit gebracht wurden.

Nach Angaben der regierungskritischen Anwaltsvereinigung CHD wurden bislang 50 Demonstranten verletzt. Auf Fernsehbildern waren auch verletzte Polizisten zu sehen. CHD teilte mit, in Istanbul seien rund 250 und in der Hauptstadt Ankara mehr als 100 Demonstranten festgenommen worden.

Den Taksim-Platz, den angrenzenden Gezi-Park und die Zufahrtsstraßen hatte die Polizei in der Nacht zum Donnerstag mit Sperrgittern abgeriegelt. Die Fußgängerzone Istiklal Caddesi, die vom Taksim abgeht, wurde ebenfalls gesperrt. Verzweifelte Urlauber versuchten, zu ihren Hotels oder zu Flughafenbussen zu gelangen, die in der Nähe des Taksim abfahren.

Die Behörden haben den Betrieb der Bosporus-Fähren zwischen Asien und Europa, der Metro, der Straßenbahn und der Nahverkehrsbusse eingeschränkt. Damit sollte es Demonstranten erschwert werden, in die Nähe des Taksim-Platzes zu gelangen.

Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan hatte vor dem Maifeiertag mehrfach gesagt, die Regierung werde Demonstrationen zum Tag der Arbeit auf dem Taksim-Platz nicht dulden. Die Behörden hatten alternative Versammlungsorte außerhalb des Stadtzentrums angeboten. Einzelnen Vertretern von Gewerkschaften wurde erlaubt, am Denkmal auf dem Taksim-Platz Kränze niederzulegen.

Es sind die ersten schweren Zusammenstöße in Istanbul seit dem Sieg der Regierungspartei AKP bei den Kommunalwahlen Ende März. Erdogan hatte die Wahl zu einer Abstimmung über seine Politik erklärt. Er war davor wegen seines autoritären Regierungsstils kritisiert wurden. Unter Druck gerieten er und seine Regierung außerdem durch Korruptionsvorwürfe.

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Recep Tayyip Erdogan: Der autoritäre Macher

otr/dpa

insgesamt 11 Beiträge
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Seite 1
der_beste 01.05.2014
1. ***
So wie ich die Protestler sehe, wird es mal langsam Zeit für Gummigeschosse.
Colonial 01.05.2014
2. nix da
schaue grad alle sender live. der taksim platz ist komplett gesperrt. da sind ein paar tauben und strassenfeger unterwegs. also keine panikmache bitte. die steinewerfer in den seitenstrassen sind auch überschaubar. ein ganz normaler 1.mai eben, wie in vielen metropolen europas auch.
neunzehnnullzwei 01.05.2014
3. immerhin
wenigstens bietet man ihnen Alternativen an. Auf das Demonstrationsrecht wird also noch nicht komplett gepfiffen.
frank_rademacher 01.05.2014
4. Deutscher Export der Chaostage, jetzt auch in Istanbul
Bei uns in Bayern gibt es sowas nicht. Da greift die Staatsmacht des Freistaats Bayern rigoros durch. Stellenweise darf dann auch scharf geschossen werden. Wer Polizeibeamte mit Steinschleudern und Pflastersteinen bewirft, darf sich nicht wundern, wenn er durch einen tödlichen Schuss der Polizei sein Leben verliert.
Pandora0611 01.05.2014
5. Lex Erdogan
Zitat von sysopAFPWasserwerfer und Tränengas, Barrikaden und Steinwürfe: Türkische Polizisten und Demonstranten gehen in Istanbul aufeinander los. Besonders heftig toben die Kämpfe am Taksim-Platz - dort hatte die Regierung Demos zum 1. Mai verboten. http://www.spiegel.de/politik/ausland/tuerkei-proteste-toben-in-istanbul-am-taksim-a-967126.html
Großsultan Recep Tayyip Erdoğan hat seinen Truppen den Befehl erteilt, mit aller Härte gegen die Demonstranten (er nennt sie Terroristen) vorzugehen. 40.000 Polizisten, das ist schon sehr extrem! Aber auch typisch für Erdoğan. Hier werden die Menschenrechte mit Füßen getreten, das hat selbst Gauck festgestellt. Natürlich nicht, haben dort doch die Demonstrationen gegen ihn ihren Anfang genommen. Und das grenzte an "Majestätsbeleidigung"!
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