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Putschversuch in der Türkei Erdogan legt sich mit den USA an

Das Verhältnis zwischen den USA und der Türkei verschlechtert sich. Ankara bezichtigt Washington, den Putschversuch gefördert zu haben, Außenminister Kerry weist die Vorwürfe zurück. Der Zwist behindert den Kampf gegen den IS.

US-Außenminister John Kerry hat seinem türkischen Amtskollegen Mevlüt Cavusoglu eine unmissverständliche Ansage gemacht. In einem Telefonat warnte Kerry: "Öffentliche Andeutungen und Behauptungen über jedwede Beteiligung der Vereinigten Staaten an dem gescheiterten Putschversuch sind völlig falsch und schädlich für unsere bilateralen Beziehungen."

Derart klare Worte sind ungewöhnlich zwischen Nato-Partnern. Bemerkenswert ist auch, dass das US-Außenministerium sie öffentlich gemacht hat . Das zeigt, wie angespannt das Verhältnis zwischen Washington und Ankara inzwischen ist. Und nach dem niedergeschlagenen Putschversuch droht eine weitere Verschlechterung der Beziehungen.

Der türkische Arbeitsminister Süleyman Soylu behauptete, die Vereinigten Staaten steckten selbst hinter dem Umsturzversuch. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan und sein Regierungschef Binali Yildirim machen den in den USA lebenden islamischen Prediger Fethullah Gülen für den Umsturzversuch verantwortlich. Ihm ergebene Militärs sollen den Aufstand angeführt haben. Einst förderte der Imam Erdogans politischen Aufstieg, seit 2013 sind beide verfeindet. (Lesen Sie hier mehr über das Verhältnis zwischen Erdogan und Gülen.)

Gülen weist Erdogans Vorwürfe zurück

Gülen lebt seit 1999 in Saylorsburg, einer Kleinstadt in Pennsylvania. Erdogan fordert seine Auslieferung in die Türkei. Kerry hat angekündigt, seine Regierung werde ein entsprechendes Gesuch prüfen, dafür müsse Ankara aber eindeutige Beweise für die Verwicklung Gülens in den Putsch vorlegen.

Gülen selbst wies die Anschuldigungen der türkischen Führung zurück. Er sei lange nicht mehr in der Türkei gewesen und wisse nicht, wer seine Unterstützer sind, sagte der Imam der "New York Times" . Möglicherweise habe Erdogan den Putschversuch auch nur inszeniert. Die Bundesregierung zweifelt ebenfalls an der Beteiligung der Gülen-Bewegung.

Auch ohne Beweise: Die türkische Regierung greift im Fall Gülen zu martialischer Rhetorik. Jedes Land, das Gülen unterstütze, befinde sich im Krieg mit der Türkei, sagte Ministerpräsident Yildirim - also allen voran die USA.

Staatschef Erdogan sagte vor Anhängern: "Ich habe eine Botschaft für Pennsylvania: Du hast genug Landesverrat begangen. Komm zurück in dein Land, wenn du dich traust."

Auf einen fairen Prozess kann Gülen nicht hoffen

In der Türkei droht Gülen der Tod: Premier Yildirim hat angekündigt, die Regierung wolle nachträglich die Todesstrafe für die Hintermänner des Putschversuchs einführen. Auf einen fairen Prozess könnte Gülen kaum hoffen. Die Entlassung von rund 3000 Richtern am Samstag ist nur der jüngste Beleg dafür, dass Erdogan die Justiz auf Regierungslinie bringen will. Die willkürliche Festnahme von bislang mehr als 6000 Menschen zeigt zudem, dass Kerrys Appell zur "Zurückhaltung und zum Respekt vor rechtsstaatlichen Verfahren" nach dem Putschversuch in Ankara kein Gehör findet.

Sollten also die USA Gülen ausliefern, wäre das Schicksal des 75-Jährigen besiegelt. Verweigert Washington die Überstellung, droht der Bruch mit einem der wichtigsten regionalen Verbündeten im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS).

Schon jetzt hat der Putschversuch konkrete Folgen für die Militärmission gegen die Dschihadisten. Seit Tagen sperren die türkischen Behörden den Luftraum rund um die Militärbasis Incirlik. Von dem Stützpunkt aus starten eigentlich US-Kampfjets zu Einsätzen gegen den IS im Irak und in Syrien, die Bundeswehr hat dort "Tornado"-Aufklärungsjets und ein Tankflugzeug stationiert. Angeblich soll die US-Armee in Incirlik auch Atomwaffen lagern. Die zwischenzeitliche Schließung des Luftraums zwang die USA und ihre Verbündeten nun dazu, ihre Einsätze gegen den IS umzuplanen.

Ein dauerhafter Bruch zwischen den USA und der Türkei würde den Kampf gegen die Terrororganisation langfristig erheblich schwächen.