Abgeschossener türkischer Jet Die mysteriöse Mission der F-4 Phantom

Die türkische Regierung gibt sich im Fall des über Syrien abgeschossenen Militärjets betont zurückhaltend. Tatsächlich wirft der Flug der Maschine vom Typ F-4 Phantom viele Fragen auf. Laut Expertenmeinung könnte das Flugzeug auf Spähmission gewesen sein.

DPA

Von Jürgen Gottschlich, Istanbul


Für einen Moment sah es nach Krieg aus. Es war gegen Mitternacht, als das Amt des Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan bestätigte, was bereits den ganzen Tag als Gerücht über den Absturz eines Militärjets durch die Medien gegeistert war. Ja, die syrische Flugabwehr habe am Freitagnachmittag einen türkischen Militärjet wenige Kilometer vor der syrischen Küste abgeschossen. Eine Untersuchung habe ergeben, dass das Flugzeug nicht abgestürzt, sondern abgeschossen worden sei.

Viele Türken fragten sich: Kommt es jetzt zum Gegenschlag? Wird das türkische Militär mit Waffengewalt auf die syrische Provokation antworten?

Doch schon die Tatsache, dass Erdogan das Ergebnis der nächtlichen Krisensitzung nur noch per Erklärung verlesen ließ statt selbst vor die Kameras zu treten, deutete darauf hin, dass die türkische Regierung die Lage nicht eskalieren lassen will. Der Schlüsselsatz der Stellungnahme lautete: "Die Türkei wird ihre endgültige Haltung mitteilen und mit Entschlossenheit die sich aufdrängenden Maßnahmen ergreifen, wenn der Vorfall vollständig aufgeklärt ist".

Auch als Präsident Abdullah Gül am Samstag Stellung nahm, hörte sich das nicht nach einer Kriegserklärung an. Zwar sprach Gül von "notwendigen Schritten" die gegenüber Syrien unternommen werden würden, doch konkret ging es dann vor allem um die genaue Rekonstruktion des Vorfalls. Gül spekulierte darüber, ob der türkische Jet womöglich aufgrund hoher Geschwindigkeit kurzfristig den syrischen Luftraum verletzt haben könnte und erklärte dem Publikum, dass sei dann aber sicher "ohne böse Absicht geschehen". Es werde nichts vertuscht, versicherte Gül, "alle Details werden untersucht".

Die Medien machten zwar am Samstag alle mit dem Abschuss groß auf, berichten aber weitgehend sachlich den bisherigen Kenntnisstand des Zwischenfalls. Danach war der F-4 Kampfjet, genannt Phantom, der türkischen Luftwaffe am Freitagvormittag vom größten anatolischen Luftwaffenstützpunkt in Malatya gestartet und nach Angaben des Generalstabs um 15 Uhr türkischer Zeit von den Radarschirmen verschwunden.

"Spiel mit dem Feuer"

Die syrische Staatsagentur berichtete später, ein unidentifiziertes Flugobjekt sei mit hoher Geschwindigkeit in den syrischen Luftraum eingedrungen, worauf der Befehl zum Abschuss gekommen sei. Dass es sich bei dem Objekt um ein türkisches Kampfflugzeug gehandelt habe, habe man erst nach dem Abschuss festgestellt. Wo genau der Jet abgestürzt ist und was mit den beiden Besatzungsmitgliedern passiert ist, ist allerdings immer noch unklar. Nach einer Erklärung aus dem Büro des Ministerpräsidenten suchen türkische und syrische Schiffe gemeinsam nach ihnen.

Über die sachliche Berichterstattung hinaus titelte lediglich "Hürriyet" heute: "Assad spielt mit dem Feuer". Die meisten Experten, die seit letzter Nacht in diversen Sondersendungen der türkischen TV-Kanäle den Zwischenfall diskutieren, sind allerdings eher der Meinung, dass hier die türkische Regierung und nicht Assad mit "dem Feuer gespielt" habe. Was hatte der Jet eigentlich im syrischen Luftraum zu suchen? Das ist die meistdiskutierte Frage - und bislang unbeantwortet geblieben.

Als Erdogan, der Freitagabend gerade aus Brasilien zurückgekehrt war, noch auf dem Flughafen in Ankara bei einer zügig anberaumten Pressekonferenz danach gefragt wurde, reagierte er lediglich unwirsch und verweigerte die Auskunft.

War der Jet auf Geheimmission unterwegs?

Hasan Köni, Außenpolitik-Experte und der Regierung gegenüber eher kritisch eingestellt, sagte dazu in einer Sendung auf NTV: "Die F-4, die jetzt abgeschossen wurde, gehört zu den ältesten Modellen der türkischen Luftwaffe. Sie war als Aufklärer mit Kameras ausgerüstet. Vielleicht sollte sie testen, wie gut die syrische Flugabwehr ist." Köni wies auch darauf hin, dass der Zwischenfall acht Seemeilen von der syrischen Küstenstadt Latakia sich nicht allzu weit vom russischen Marinestützpunkt Tartus abgespielt habe. Vielleicht sei die F-4 auch auf dem Weg nach Tartus gewesen.

Könnten die verhaltenen türkischen Reaktionen also darauf zurückzuführen sein, dass der Flieger aus Malatya auf geheimer Mission über Syrien war? Die israelische Website Debka, die dem Mossad nahe stehen soll, wird von "Haber Turk" dahingehend zitiert, der Abschuss der F-4 sei die Rache dafür gewesen, dass die türkische Luftwaffe den syrischen Piloten, der vor zwei Tagen samt seinem Jet nach Jordanien desertiert war, unterstützt hätte.

Auch die Meldung der "New York Times" vom Mittwoch, nach der etliche CIA-Mitarbeiter die syrische Opposition von türkischem Territorium aus mit Waffenlieferungen unterstützen, ist ein Indiz dafür, dass der geheime Krieg um Syrien bereits sehr viel weiter fortgeschritten ist, als allgemein bekannt.

Die Angst vieler Türken ist, dass ihre Regierung sich im Auftrag der USA in einen Krieg mit Syrien verwickeln lässt, aus dem sie so leicht nicht mehr herauskommt.

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