Türkei Erdogans Traum vom Osmanischen Reich

Eine Rückkehr zu altem Glanz verspricht der türkische Präsident Erdogan seinen Anhängern. Das Staatsfernsehen zeigt das Land schon in den Grenzen des Osmanischen Reichs - und das Militär greift in Nachbarstaaten ein.
Recep Tayyip Erdogan

Recep Tayyip Erdogan

Foto: Kayhan Ozer/ AP

In Zeitungsartikeln der ganzen Welt wird Recep Tayyip Erdogan seit Jahren als "Sultan" tituliert. Aber selten passte diese Bezeichnung so gut wie jetzt, selten wurde deutlich, wie sehr sich der Präsident eine Türkei nach Vorbild des Osmanischen Reichs ersehnt. Nach den "Säuberungen" im Inland verfolgt Erdogan nun, gut drei Monate nach dem gescheiterten Putsch, auch außenpolitisch einen aggressiven Kurs.

"Wir haben unsere derzeitigen Grenzen nicht freiwillig akzeptiert", sagte er kürzlich in einer Rede. "Unsere Gründungsväter wurden außerhalb dieser Grenzen geboren." Damit spielt er auf den Widerstand gegen den Vertrag von Lausanne von 1923 an, der unter anderem die heutigen Grenzen der Türkei festlegte. Vom Osmanischen Reich, das einst von Nordafrika einschließlich Ägypten über den Balkan bis ans Kaspische Meer reichte, war nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr viel übrig - eine Tatsache, die Erdogan offensichtlich nicht akzeptieren mag.

Immer wieder stellt er die heutigen Grenzen in Andeutungen in Frage. Richtung Griechenland verkündete er zum Beispiel: "Im Vertrag von Lausanne haben wir Inseln weggegeben. So nah, dass wir eure Stimmen hören können, wenn ihr hinüberruft. Das waren unsere Inseln. Dort sind unsere Moscheen."

Viele seiner Anhänger zeigen unverhohlen, dass sie sich die Rückkehr zu alter Größe wünschen. Im Internet verbreiten sie Karten, die das Land in den vermeintlichen Grenzen von 1920 zeigen. Selbst staatlich kontrollierte Sender zeigen gelegentlich solche Schaubilder.

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Bis 1920 gehörten auch Teile vom heutigen Norden Syriens und Iraks dazu, darunter die Städte Aleppo und Mossul. Mit Blick auf Syrien und Irak betont Erdogan regelmäßig, es gebe dort "türkische Interessen".

Premierminister Binali Yildirim erklärte, es sei "seltsam, in dieser Region Pläne ohne die Türkei zu machen". Aber, beschwichtigte er, Ankara verfolge "keine expansionistische Politik", sondern sei dort, "um Probleme zu lösen, die uns schmerzen".

Ende August griff die Türkei militärisch in den Konflikt in Syrien ein und rückte mit Panzern, Artillerie und Kampfjets auf syrisches Territorium vor. Bei der Operation "Schutzschild Euphrat" gehe es, erklärte Erdogan, um die "Säuberung des Grenzgebiets von Terroristen". Nach seiner Lesart gehören dazu nicht nur die Extremisten des "Islamischen Staats" (IS), sondern auch die Mitglieder der kurdischen PKK und ihrer syrischen Schwesterorganisation, die dort zuletzt mit US-amerikanischer und russischer Hilfe militärisch erfolgreich waren. Tatsächlich wollte Erdogan ein zusammenhängendes Kurdengebiet an der Grenze zur Türkei verhindern.

Auch im Nordirak mischt die Türkei militärisch mit, gegen den Willen der Regierungen in Bagdad und Washington. Türkisches Militär ist mit 700 Soldaten etwa 15 Kilometer nordöstlich der Stadt Mossul stationiert, die irakische Regierung sieht das als "Besatzung". Ankaras Armee griff nach Angaben von Yildirim am Wochenende erstmals aktiv in die Kämpfe gegen den IS in Mossul ein. Mehrfach hat Erdogan deutlich gemacht, dass die Türkei für sich beansprucht, zu bestimmen, wer künftig in der Stadt leben soll: nämlich "sunnitische Araber, Turkmenen und sunnitische Kurden" - ein Affront gegen den Irak, in dem mehrheitlich Schiiten leben.

Interessen auch mit Gewalt durchsetzen

Das militärische Vorgehen der Türkei belegt, dass die Regierung in Ankara gewillt ist, ihre Interessen auch mit Gewalt durchzusetzen. Das Land hatte nach dem sogenannten Arabischen Frühling die Chance gewittert, zur Regionalmacht aufzusteigen und den Nahen und Mittleren Osten nach eigenen Interessen zu formen: mit starker sunnitischer Dominanz und Regierungen in allen Ländern, die Erdogan wohlgesonnen sind.

Doch dieser Plan ging nicht auf. Vielmehr ist die Türkei mit allen Nachbarstaaten zerstritten, in Syrien dauert der Krieg seit Jahren an, der Irak ist faktisch zerfallen, in Ägypten wurde Mohammed Mursi weggeputscht - und die Türkei hat fast überall nichts zu melden. Immerhin im Nordirak hat sie sich mit der kurdischen Autonomieregierung arrangiert.

"Größter Versuch einer westlichen Besatzung seit den Kreuzzügen"

Erdogan und seine Regierung suchen die Schuld für diese Lage nicht bei sich, sondern im Ausland. Fremde Mächte wollten demnach den Aufstieg der Türkei zur Regionalmacht verhindern, neideten ihr den wirtschaftlichen Schwung der vergangenen Jahre und wollten das Land am liebsten spalten. Der Putschversuch, so die landläufige Überzeugung, sei ein Teil dieses ausländischen Komplotts gegen die Türkei, da die Gülen-Bewegung, die nach Ansicht der Regierung dahinterstecke, vom Westen unterstützt werde. Der Coup, schreibt die regierungstreue Zeitung "Yeni Safak", sei der "größte Versuch einer westlichen Besatzung seit den Kreuzzügen".

Der gescheiterte Umsturz, den Erdogan als "Geschenk Gottes" bezeichnete, scheint zugleich die neo-osmanischen Träume Erdogans und seiner Getreuen zu beflügeln. Das Staatsoberhaupt soll mächtiger werden - und mit ihm sein Land. Premier Yildirim brachte diese Woche auf den Punkt, worum es geht: "Die Tür zum Präsidialsystem hat sich seit dem Putschversuch vom 15. Juli weit geöffnet."

Und mit dem Präsidialsystem soll der Einfluss der Türkei in der Region wachsen, so die Hoffnung. Ibrahim Karagül von "Yeni Safak" fasst diese Denkweise in Worte: Aleppo werde künftig ohnehin nicht von Syrien, Mossul nicht vom Irak kontrolliert werden. Das Machtspiel in der Region richte sich gegen die Türkei. Also sollte die Türkei diese Städte und die Gebiete nördlich davon für sich beanspruchen. Sein Fazit: Die Türkei sollte die "stärkste Macht in der Region" sein - "zu welchem Preis auch immer".


Zusammengefasst: Nach dem gescheiterten Putsch weitet der türkische Präsident Erdogan seine Macht innen- und außenpolitisch aus. Die Türkei versteht sich als Regionalmacht und greift in die Konflikte in Syrien und im Irak gezielt ein - die eigenen Interessen werden auch mit Gewalt durchgesetzt, lautet die Botschaft. Anspielungen auf das Osmanische Reich sind nicht zufällig: Das Land will zu alter Größe zurückfinden.