SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

03. Juni 2015, 16:35 Uhr

Pressefreiheit in der Türkei

Kritischem Chefredakteur droht lebenslange Haft

Wegen eines Berichts über geheime Waffenlieferungen nach Syrien verklagt Präsident Erdogan einen prominenten Journalisten. Türkische Künstler unterstützen den Chefredakteur öffentlich.

Im Konflikt zwischen Präsident Recep Tayyip Erdogan und kritischen Journalisten gibt es einen neuen prominenten Fall: Gegen den Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet", Can Dündar, hat das türkische Staatsoberhaupt nun persönlich Strafanzeige gestellt. Darin werde lebenslange Haft gefordert, berichtete die türkische Tageszeitung "Hürriyet Daily News".

Dündar hatte in der "Cumhuriyet" über mutmaßliche illegale Waffenlieferungen des türkischen Geheimdienstes an Extremisten in Syrien berichtet. Gegen die Zeitung ermittelt die türkische Staatsanwaltschaft bereits wegen des Verdachts der Terrorpropaganda und Spionage.

Im Kampf um die Pressefreiheit in der Türkei haben sich der Schriftsteller Orhan Pamuk und andere türkische Intellektuelle inzwischen öffentlich mit dem bedrängten Chefredakteur der Tageszeitung "Cumhuriyet" solidarisiert. Die Zeitung veröffentlichte die Erklärungen von 30 Künstlern gegen die Drohungen von Erdogan.

Der Staatspräsident geht immer wieder gegen unliebsame Journalisten vor und verklagt Karikaturisten, von denen er sich beleidigt fühlt. Dündar hatte er öffentlich gedroht, dieser werde "einen hohen Preis" für seinen Bericht bezahlen. Er sprach von Beleidigung und übler Nachrede gegen den Geheimdienst.

Am Sonntag wählen die Türken ein neues Parlament, die Stimmung im Wahlkampf ist gereizt. Die Pressefreiheit sei ein unverzichtbarer Teil der Demokratie, schrieb der preisgekrönte Autor Orhan Pamuk in seiner Solidaritätserklärung.

agr/dpa

URL:

Verwandte Artikel:


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung