Wahlkampf in der Türkei Erdogans Mann aus Deutschland

Ozan Ceyhun war Europaabgeordneter der Grünen, dann ging er zur SPD. Jetzt ist er Schützling von Präsident Erdogan und kandidiert für das türkische Parlament. Sein Wahlkampf zeigt, warum viele den Staatschef vergöttern.

Murat Ünal

Aus Izmir berichtet


"Ich liebe Erdogan! Ich folge ihm blind!", sagt die junge Lehrerin mit den blonden Haaren. "Ich bete jeden Tag dafür, dass er noch lange lebt!", sagt die alte Frau mit Kopftuch. Der Arbeiter, Mitte 40, hält sich die rechte Hand ans Herz und sagt: "Hier hat Erdogan bei mir seinen Platz. Genau hier." Und der Student erklärt: "Ich würde für Erdogan sterben! Er ist der beste Politiker, den wir je hatten!"

Ozan Ceyhun, 54, ist unterwegs in seinem Wahlkreis in Izmir, im Westen der Türkei. Er schüttelt diesen Menschen die Hand, lässt sich mit ihnen fotografieren, lädt zum Tee ein. Er scheint zu bemerken, wie seltsam diese Treueschwüre, dieser Personenkult auf Außenstehende wirken müssen.

"So sind wir Orientalen halt", sagt er und lacht.

Ceyhun ist deutscher und türkischer Staatsbürger und mit einer Deutschen verheiratet. Seine beiden Söhne studieren in Deutschland. Ab 1998 saß er für die Grünen im Europaparlament, zwei Jahre später wechselte er zur SPD. Als die 2004 eine Niederlage bei der Europawahl kassierte, verlor er sein Mandat. Jetzt kandidiert er für das türkische Parlament, für die Erdogan-Partei AKP, auf sicherem Listenplatz.

Wenn die Türken am Sonntag ein neues Parlament wählen, ist gewiss, dass die AKP wieder als stärkste Kraft hervorgehen wird. Seit 13 Jahren regiert sie allein. Diesmal könnte es sein, dass die prokurdische HDP die Zehnprozenthürde nimmt und ihr damit die Regierungsmehrheit nimmt. Scheitert die HDP, dürfte die AKP allein weiterregieren. Je nach politischer Ausrichtung sagen die Umfragen das eine oder andere voraus.

Die Wandlung des Ozan Ceyhun

Ceyhun ist einer der wenigen AKP-Politiker, die mit westlichen Journalisten reden. "Ich hoffe, dass ich deswegen keinen Ärger mit meinem Präsidenten kriege", sagt er halb im Scherz. Sein Präsident: Recep Tayyip Erdogan. Ceyhun genießt dessen Vertrauen. In der AKP hört man: Ceyhun ist Erdogans Schützling.

Manche in der Partei scheinen genervt zu sein, dass da plötzlich "dieser Deutsche" ist, der nun Karriere machen darf. Man munkelt, dass er vielleicht sogar Minister wird. Einigen ist er nicht islamisch genug, er habe ein Problem mit dem Kopftuch, heißt es.

Ceyhun sagt: "Die Religion ist mir mit zunehmendem Alter wichtiger geworden. Aber ich lasse mich nicht in der Moschee fotografieren, schon gar nicht im Wahlkampf."

Kritik von Parteifunktionären zählt in der AKP sowieso nichts, es zählt nur der Wille Erdogans. Und der will, dass Ceyhun künftig eine Rolle spielt in der türkischen Politik. Mit innerparteilicher Demokratie ist es nicht weit her in der Türkei. In den meisten Parteien bestimmt die Führung Kandidaten und Listenplätze.

Ceyhuns Werdegang ist erstaunlich: Als Sohn eines Intellektuellen und Schriftstellers 1960 in Adana geboren und in Istanbul aufgewachsen, floh er, der Germanistikstudent, nach dem Militärputsch von 1980 zunächst nach Österreich und später nach Deutschland.

Ceyhun versucht, das Image der AKP zu verbessern

Anfangs war er ein Kritiker Erdogans. Als die Polizei am Weltfrauentag 2005 in Istanbul auf Demonstrantinnen einprügelte, sagte er: "Die EU müsste [gegenüber der Türkei] viel konsequenter sein. Von dieser Regierung werden Dinge akzeptiert, die man bei keinem anderen Kandidatenland hinnehmen würde." Er beriet türkische Oppositionelle. "Ich habe erst später erkannt, dass die AKP gut ist für die Türkei", sagt er heute. Er begann, Lobbyarbeit für Erdogan und die Türkei in Brüssel zu machen.

Von Deutschland wendete er sich zunehmend ab, wie er in seiner Autobiografie "Man wird nie Deutscher" beschreibt. Als Erdogan ihn fragte, ob er kandidieren wolle, sagte Ceyhun zu. Der Wahlkreis in Izmir wurde ihm zugeteilt. Jetzt hängen überall Plakate mit dem markanten Gesicht des Mannes: kahlgeschorener Kopf, kräftige Augenbrauen, rahmenlose Brille.

Ceyhun versucht, das Image der AKP zu verbessern in Izmir, einer Hochburg der größten Oppositionspartei CHP, die sich sozialdemokratisch nennt. Weil er aus einer linken Familie stammt, hofft man in der AKP, könne er die Menschen in Izmir für sich gewinnen. Er tourt mit einem weißen Honda von Termin zu Termin. "Kein schwarzer BMW oder Mercedes", betont er.

Aber was bringt das, wenn da ein Präsident ist, der Demonstranten gewaltsam auseinandertreiben lässt? Der Richter, Staatsanwälte und Polizisten, die an Korruptionsermittlungen gegen ihn beteiligt sind, austauschen und Journalisten, die unbotmäßig berichten, feuern lässt? Kritiker werden angezeigt, mit Steuerprüfungen bedroht oder mit Schmutzkampagnen im Internet überzogen.

Ceyhun warf Gauck "billiges Heldentum" vor

Es sind maßlose Reaktionen von treu ergebenen Anhängern. Ceyhun sagt: "Ja, es gibt natürlich auch bei uns ein paar kleinkarierte Leute."

Er selbst hat Bundespräsident Joachim Gauck "billiges Heldentum" vorgeworfen, nachdem der im vergangenen Jahr bei einem Besuch in der Türkei die Einschränkung von Grundrechten kritisiert hatte. "Er hat ja nichts Falsches gesagt", sagt Ceyhun jetzt. "Aber er hätte das nicht in der Öffentlichkeit tun dürfen." Das sehen auch Erdogans und Ceyhuns Fans so.

Da klingt verletzter Stolz durch. Von Höflichkeit haben Türken offensichtlich ein anderes Verständnis als Deutsche.

Warum also mögen sie Erdogan so?

Grillfest bei einem AKP-Ortsverband in Izmir. Eine Anhängerin sagt: "Vor ein paar Jahren noch wurde ich auf der Straße angespuckt, weil ich ein Kopftuch trage. Aber ich trage es gern und aus Überzeugung, wie die meisten Frauen in der Türkei." Während Erdogans Amtszeit sei das Leben für sie erträglicher geworden.

Neues Selbstwertgefühl und Sozialreformen

Man hat jahrzehntelang unter der Macht des Militärs, das in ihren Augen für Religionsfeindlichkeit stand, gelitten. Mit Erdogan, klingt durch, sei endlich einer der ihren an der Macht.

Viele erwähnen, dass die Türkei ökonomisch aufgestiegen ist. Der Plan der AKP ist, dass das Land zum 100. Geburtstag der Republik, im Jahr 2023, unter die zehn wirtschaftlich stärksten Nationen vorrücken soll. "Erdogan hat den Menschen in der Türkei neues Selbstwertgefühl gegeben", sagt Ceyhun. "Auch den Türken in Deutschland." Die durften bis vergangenen Sonntag ihre Stimme abgeben, Umfragen zufolge soll jeder Zweite für die AKP gestimmt haben.

Das Chaos früherer Jahre, als Rechte und Linke sich gegenseitig ermordeten, das Militär putschte und die PKK für ein unabhängiges Kurdistan kämpfte und das Land in einen Bürgerkrieg stürzte, seien vorbei. "Erdogan hat für Frieden gesorgt", sagt ein pensionierter Ingenieur beim Grillfest.

Die Besucher erwähnen die Flughäfen, Brücken, U-Bahnen und Moscheen, gigantische Bauvorhaben, die Erdogan hat bauen lassen.

Der Türkei-Neid im Westen

Das Wichtigste aber, da sind sie sich einig, seien die Sozialreformen. "Jetzt gibt es eine Krankenversicherung für alle und höhere Renten", sagt Ceyhun. "Ich bin überzeugter Sozialdemokrat, und so gesehen ist die AKP sehr sozialdemokratisch." Früher, als die CHP regiert habe, sei die Türkei eine Oligarchie gewesen. Ein Land, im dem eine kleine Elite alles unter sich aufteilte. "Unter der AKP ist die Türkei ein gerechteres Land geworden", sagt er.

Wie alle Politiker hat Ceyhun mehrere Büros in seinem Wahlkreis eröffnet: Geschäftsräume, die Wände zugeklebt mit Plakaten, ein paar Tische und Stühle, damit interessierte Bürger herkommen, diskutieren und Tee trinken können. In einem solchen Büro im Süden von Izmir haben sich AKP-Anhänger eingefunden, um Ceyhun zu treffen.

Auf die Einschnitte bei Presse- und Meinungsfreiheit angesprochen, sagen sie, das seien alles nur Versuche, Erdogan schlecht zu reden. Ständig werde er als "Diktator" und "Sultan" bezeichnet, obwohl er ein gewählter Politiker sei. Der übertrieben große Präsidentenpalast? Einer Großmacht im Kommen angemessen. Erdogans Ausfälle gegen Kritiker, gegen Andersdenkende? Das sei eben sein Temperament.

Man habe die jahrelange ungerechte Behandlung satt, Erdogan verteidige sich und sein Land nur. In Wahrheit, sagen sie, sei der Westen nur neidisch auf den Erfolg der Türkei. "Wir stehen jetzt im Wettbewerb", sagt Ceyhun. "Das stört viele."

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megamekerer 05.06.2015
1. Opportunist!
Ozan Ceyhun könnte bei der Grünen nicht punkten, weil seine Konservative Werte nicht mit Grünen Werte passten, er war auch was Schwulen und Lesben anbelangt der Mann aus anderer Welt! Bei der SPD hat ihm keine beachtet und nun will mit Erdogan ganz oben kommen, so ist das in der Politik, jeder will irgendwie nach Oben und viel Kohle machen!
2469 05.06.2015
2. Spd -> akp
Von der SPD zur AKP ist aber ein gewaltiger Sprung nach rechts. Von der ebenfalls religiös-konservativen CSU aus könnte ich es ja noch nachvollziehen. Hoffen wir, dass Herr Erdogan eine Wahlschlappe erleidet, sonst wird es mittelfristig schwierig sein, die türkische Demokratie zu stabilisieren
ewald3 05.06.2015
3. Vor vier Stunden
gab es einen Bombenanschlag In Djabarkir(Amed) auf eine Kundgebung der pro-kurdischen linksliberalen HDP mit mindestens 2 Toten und Dutzenden Verletzten. Vor zwei Tagen wurde ein Kurde vor einer ähnlichen Veranstaltung mit 30! Schüssen getötet. Gestern wurde am Rande einer Veranstaltung ein HDP-Bus in Brand gesteckt und der Fahrer schwerstens verletzt. Insgesamt kam es in den letzten Wochen zu über 100! Anschlägen auf Parteibüros, Veranstaltungen und Menschen. Und Erdogan hat nichts besseres zu tun als die ganze Zeit über die HDP zu hetzen, obwohl er sich laut türkischer Verfassung neutral verhalten müßte. Wir können alle nur hoffen, daß die HDP die 10%-Hürde nimmt und diesem Möchtegern-Kalifen die verfassungsändernde Mehrheit versaut.
pauschaltourist 05.06.2015
4.
Tatsächlichen Erfolg neidet niemand. Vorausgesetzt, er beruht auf volkswirtschaftlich nachhaltigen Grundlagen und ist beispielsweise nicht überwiegend (auslands)kreditfinanziert... Davon abgesehen hätten mich Nachfragen zu Erdogans verfassungswidrigem Wahlkampfengagement interessiert sowie die diesbezüglich eigenartige Untätigkeit der Wahlbehörde. Und wer nicht missliebige Journalisten wegsperrt und Korruptionsermittler nicht pauschal als Staatsfeinde diffamiert erfährt in der Regel auch keine Kritik aus dem Ausland. Aber so macht man es den berechtigten Kritikern einfach und demontiert das eigene Bild. Erdogan kann grundsätzlich nicht nachvollziehen, dass die eingeführte Krankenversicherung nicht auchauch die Annahme von Millionen Schmiergeld und Zahlungen der Wirtschaft in die Stiftungen seiner Kinder rechtfertigt...
antiantianti 05.06.2015
5. Izmir
Ja, vielleicht sollte man auch erwaehnen, dass Izmir fuer viele Kopftuchtraeger in der Tuerkei als Stadt der Gottlosen galt und immer noch gilt. Izmir ist neben Istanbul wohl die aufgeklaerteste Stadt in der Tuerkei. Wunderschoen und voller Kultur. Der Opportunist Ceyhun wird dort zum Glueck nicht ueberall mit offenen Armen empfangen, aber wenn es um kostenlose Heizkohle oder Kuehlschraenke geht, dann ist das sicherlich doch ein Ass im Aermel
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