Inhaftierter "Welt"-Journalist Erdogan nennt Deniz Yücel einen "deutschen Agenten"

Der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel sitzt in der Türkei in Haft. Präsident Erdogan hat ihm nun in einer Rede Spionage vorgeworfen und ihn als kurdischen Aktivisten bezeichnet.

Präsident Recep Tayyip Erdogan
AFP

Präsident Recep Tayyip Erdogan


Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat massive Vorwürfe gegen Deutschland erhoben: Der inhaftierte Journalist Deniz Yücel sei ein "deutscher Agent", und die deutschen Behörden unterstützten den "Terrorismus" in der Türkei, sagte Erdogan in einer Rede in Istanbul. Außerdem bezeichnete Erdogan Yücel als kurdischen Aktivisten.

Der Fall des in der Türkei einsitzenden Korrespondenten der Zeitung "Die Welt" hat in den vergangenen Tagen für erhebliche Spannungen zwischen Ankara und Berlingeführt. Bislang hatte sich Präsident Erdogan weder zum Fall Deniz Yücel noch zu den Absagen der Wahlkampfauftritte türkischer Minister geäußert. Nun wählte er deutliche Worte in Richtung Deutschland.

"Als ein Vertreter der PKK, als ein deutscher Agent hat sich diese Person einen Monat lang im deutschen Konsulat versteckt", sagte Erdogan nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Anadolu in Istanbul. "Einen Monat lang haben wir gesagt, übergebt ihn uns, er soll vor Gericht gestellt werden."

Der deutsch-türkische Journalist hatte sich im vergangenen Monat selbst ins Polizeipräsidium in Istanbul begeben, weil nach ihm gefahndet wurde. Er wurde festgenommen und nach 13 Tagen in Polizeigewahrsam in Untersuchungshaft genommen und sitzt im Gefängnis in Silivri westlich von Istanbul. Ihm werden Terrorpropaganda und Volksverhetzung vorgeworfen. Die Verhaftung des Korrespondenten hatte scharfe Kritik in Deutschland hervorgerufen.

"Gebt ihn uns"

Erdogan sagte bei einer Preisverleihung in Istanbul, er habe Bundeskanzlerin Angela Merkel vor Yücels Festnahme gesagt: "Wenn wir die Terroristen von Euch wollen, was sagt Ihr uns da? Ihr sagt: "Die Justiz ist unabhängig und unparteiisch." Im Moment vertrauen wir unserer unabhängigen und unparteiischen Justiz. Gebt ihn uns und er soll vor Gericht. Zuerst haben sie ihn uns nicht übergeben. Aber später haben sie ihn uns irgendwie doch übergeben."

Wie Erdogan das genau meinte, blieb zunächst unklar. Er fügte am Freitag hinzu, die Justiz sei ihrer Aufgabe nachgekommen und habe Yücel verhaftet. Merkel war vor rund einem Monat in Ankara gewesen. Erdogan kritisiert immer wieder, dass Deutschland türkische Terrorverdächtige nicht ausliefere. Aus dem Auswärtigen Amt ist zu den Spionagevorwürfen zu hören: "Das ist abwegig."

Der Präsident zeigte sich in seiner Rede auch verärgert über die Absage mehrerer Redeauftritte seiner Minister in Deutschland, die für das ihm angestrebte Präsidialsystem werben wollten. Die türkischen Minister dürften dort nicht sprechen, während Vertreter verbotener Kurdenorganisationen öffentlich das Wort ergreifen dürften, sagte Erdogan.

"Sie lassen unseren Justizminister nicht zu Wort kommen. Sie lassen unseren Wirtschaftsminister nicht zu Wort kommen." Die Verantwortlichen müssten wegen "Beihilfe zum Terror vor Gericht kommen. Das liegt offen auf der Hand", so Erdogan.

koe/AFP/dpa

insgesamt 99 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
susuki 03.03.2017
1.
Die alternativen Realitäten sind ansteckend.
hockeyer12 03.03.2017
2. Ja....
Herr Erdogan, ist schon ziemlich klar, das jetzt. Wo auf einmal die Wahlkampfauftritte für den Einsatz Ihrer Autokratie hier nicht mehr so wohlgelitten sind, Herr Yücel ein "Deutscher Agent" ist. Es tut mir zwar leid, aber die Zeiten der Samthandschuhe für Herrn Erdogan und seine Clque sollten vorbei sein. Man kann solchen Leuten nicht mehr entgegenkommen....
Unbekannt Nr. 2588 03.03.2017
3. Unglaublich
Diese Aussagen fallen dann wohl unter die Rubrik "Alternative Fakten"
ANGIE DUST 03.03.2017
4. Alle denken es und keiner traut es sich zu sagen
Langsam wird es Zeit mal Erdogans Geisteszustand zu überprüfen. Der Typ leidet doch an Verfolgungswahn hoch 3
sojetztja 03.03.2017
5.
Das ist doch Kindergarten für Möchtegernosmanen. Da wird Ditib ertappt, für die Türkei in Deutschland nach Gülen-Anhängern geforscht zu haben und - Hokuspokusschwuppdiwupp - präsentiert die Türkei einen angeblichen deutschen Agenten. Wäre ja zum Lachen, wenn's nicht so gefährlich wäre. Ich denke, es wäre jetzt mal an der Zeit, dass das Auswärtige Amt eine Reisewarnung für die Türkei ausspricht.
Alle Kommentare öffnen
Seite 1
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge! zum Forum...

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.