Türkei Erdogans Säuberungswelle erreicht die Nato

Nach dem Militärputsch geraten türkische Nato-Soldaten ins Visier von Staatschef Erdogan. Viele wollen nicht zurück in die Heimat, sie beantragen Asyl in Europa. Ein Kommandeur berichtet, wie er zum Verdächtigen wurde.
Türkische Soldaten

Türkische Soldaten

Foto: ADEM ALTAN/ AFP

An dem Tag, als er seinen Namen auf einer Liste der Verschwörer entdeckt, bricht für Berat Yilmaz* eine Welt zusammen. Der 44-Jährige hat seinem Land immer treu gedient, als einer der besten Bataillonskommandeure der türkischen Armee durfte er sogar an der renommierten Naval Postgraduate School im kalifornischen Monterey studieren. Das Letzte, was ihm einfallen würde, ist gegen eine demokratisch gewählte Regierung zu putschen, die ihm den Aufstieg ermöglicht hat.

Doch jetzt beordert ihn der türkische Generalstabschef "mit sofortiger Wirkung" zurück in die Türkei. Es gebe rechtliche Fragen zu klären, so die offizielle Begründung. Die Unsicherheit frisst sich bis in Familienleben. Yilmaz' kleiner Sohn macht sich Sorgen, als das türkische Fernsehen über die Säuberungsaktionen in der Armee berichtet: "Papa, bist du ein Terrorist?"

Seit dem gescheiterten Putschversuch Ende Juli verfolgt Präsident Recep Tayyip Erdogan mutmaßliche Rädelsführer des Aufstands mit brutaler Härte. Mehr als 100.000 Staatsbeamte mussten ihre Posten räumen oder wurden verhaftet, darunter viele Militärs. Vor allem in der Armee vermutet Erdogan Anhänger der Bewegung des in den USA lebenden Predigers Fetullah Gülen, aus Erdogans Sicht der Drahtzieher hinter dem Putsch. Beweise dafür blieb er bislang schuldig.

Erdogans Jagd auf Militärs und Diplomaten macht vor den türkischen Landesgrenzen nicht Halt. Etwa 150 der 300 türkischen Soldaten in den Nato-Hauptquartieren in Belgien, Italien und den Niederlanden wurden zurückbeordert, betroffen sind zudem Militärattachés an Botschaften von Riga bis Brüssel. Entsprechende Papiere des türkischen Generalstabs, die der SPIEGEL einsehen konnte, listen mehr als 270 zumeist hochrangige türkische Militärs in ganz Europa und anderen Nato-Staaten auf.

Viele von ihnen haben inzwischen in ihrem Gastland um Asyl gebeten, in Deutschland gab es bis Oktober 53 Asylanträge von Türken mit Diplomatenpass, in Belgien, wo die Nato ihren Sitz hat, soll die Zahl noch höher sein. "Ich hatte talentierte, fähige Leute hier", sagt General Curtis Scaparrotti, militärischer Oberkommandierender der Nato, am Rande des Außenministertreffens in dieser Woche. Jetzt müsse er eine Verschlechterung seiner Mannschaft hinnehmen.

Es sind weniger die menschlichen Schicksale, die die Nato-Offiziellen interessieren. Problematischer ist, dass die Türken sich offenbar schwertun, adäquaten Ersatz für das geschasste Personal zu finden. Im Nato-Hauptquartier Shape bei Mons sollen etwa 40 türkische Stellen nicht besetzt sein, wie Soldaten berichten. Die türkische Nato-Vertretung will sich dazu nicht äußern, ein Sprecher des Bündnisses teilt jedoch mit, man sei "zuversichtlich, dass die Türkei ihre Posten weiterhin auffüllt". Bei einem Treffen in Istanbul am 21. November sprach Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mit Erdogan über das Problem.

Türkische Flagge vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel

Türkische Flagge vor dem Nato-Hauptquartier in Brüssel

Foto: © Francois Lenoir / Reuters/ REUTERS

Yilmaz sitzt mit kariertem Hemd auf einem Sofa, der Anzug sitzt schlecht, der Mann ist Zivilkleidung nicht gewohnt. Er zückt Zeugnisse aus seiner Aktentasche, ein türkischer Vier-Sterne-General hat ihn ausgezeichnet, auch die EU dankte ihm mit einer Urkunde für seinen Einsatz in Bosnien. Er war ein Elitesoldat auf dem Weg nach ganz oben in der türkischen Armee. Heute sind seine Diplome nichts mehr wert.

An jenem Freitag Ende Juli, an dem das türkische Militär putschte, besuchte er mit Freunden ein türkisches Restaurant in Brüssel, bald liefen die ersten Meldungen aus Ankara im Fernsehen, Yilmaz sah wütende Menschen vor Panzern, konnte es nicht glauben. Als es zu den ersten Verhaftungen kam, war er nicht beunruhigt. Mit den Putschisten hatte er nichts zu tun. Und überhaupt: "Ich hatte doch das beste Alibi, was man sich vorstellen kann - ich war im Ausland."

Türkische Medien verdächtigen "Monterey-Connection"

Doch das sollte wenig nützen. Im Gegenteil: Gerade weil er im Ausland stationiert ist, wurde Yilmaz zum Verdächtigen. Regierungsnahe türkische Medien berichten von den angeblichen Umsturzplänen der "Monterey-Connection", sie meinen damit die türkischen Soldaten, die in den USA studiert haben.

Um zu beweisen, dass sie ihre Wohnungen auf dem Nato-Gelände in der Putschnacht nicht verlassen hatten, sollen die Türken bei der Nato sogar das Material der Videokameras angefordert haben, die die Ein- und Ausfahrt zum Stützpunkt überwacht. Nato-Befehlshaber Scaparrotti sagt, er habe keinerlei Hinweise, dass türkisches Nato-Personal an dem Putsch beteiligt gewesen sei.

Offiziell aber kann die Nato wenig gegen die Säuberung in ihren Reihen machen, es ist das gute Recht der Türkei, die ihnen zugeordneten Posten in den Hauptquartieren zu besetzen. "Dieses Recht steht ihnen wie jedem Nato-Mitglied zu", sagt ein Sprecher.

"Das Ganze war eine Falle"

Berat Yilmaz widersetzte sich dem Befehl, in die Türkei zu gehen. Er versuchte herauszufinden, was man ihm vorwirft, vergeblich. Einige Kollegen mussten Fragebögen ausfüllen, es ging um Bankverbindungen und die Frage, ob ihre Kinder Schulen der Gülen-Bewegung besuchen. Bei einem türkischen Diplomaten standen sogar türkische Offizielle vor der Haustür, um die Wohnung zu durchsuchen. Als der sich weigerte, die Besucher ohne Begleitung der belgischen Polizei in die Wohnung zu lassen, trollten sie sich. Der Fall schaffte es in die belgische Presse.

Inzwischen hat Yilmaz in Belgien Asyl beantragt, statt mit dem Diplomatenpass identifiziert er sich nun mit einem orangefarbenen Übergangsausweis. In die Türkei will er auf keinen Fall, er glaubt nicht, sich dort wirkungsvoll verteidigen zu können. Er erzählt von einem Dutzend Bekannten, die zurückgegangen seien, einige wurden sofort am Flughafen verhaftet, auf die anderen wartete Polizei vor dem Hauptquartier. "Das Ganze war eine Falle", sagt er.

Sold gibt es natürlich keinen mehr, Yilmaz' Erspartes reicht noch für sechs, sieben Monate, Kollegen mussten bereits ihre Möbel verkaufen, um über die Runden zu kommen. Yilmaz hofft auf eine Arbeitserlaubnis in Belgien, Thinktanks oder Beratungsunternehmen, die seine Kenntnisse brauchen könnten, gibt es hier genug. Doch ein neuer Job ist derzeit sein geringstes Problem. Es geht um seine Ehre.


*Name von der Redaktion geändert