Pressestimmen zur Türkei "Dieses Ergebnis hat niemand gewollt - nicht mal Erdogan"

Staatschef Erdogan nennt den Sieg beim Referendum einen "historischen Moment" - internationale Medien dagegen sehen die Türkei tief gespalten. Das knappe Ergebnis trage nicht dazu bei, seine Autorität zu stärken.

Recep Tayyip Erdogan mit Frau
REUTERS/ Presidential Palace

Recep Tayyip Erdogan mit Frau


Knappes Abstimmungsergebnis, mögliche Ungereimtheiten bei der Wahl und ein Staatspräsident, der nach dem Sieg wieder mit der Einführung der Todesstrafe kokettiert: Das Verfassungsreferendum in der Türkei sorgt zwei Tage nach der Wahl weiter für Diskussionen. Internationale Medien drücken in ihren Kommentaren vor allem ihre Sorge über die Zukunft des Landes aus. Sie fürchten ein Abdriften der Türkei in eine autoritäre Richtung.

Pressestimmen im Überblick:

Aus Sicht der britischen Zeitung "The Independent" ist die Türkei auf dem Weg zur Diktatur. Erdogan werde Machtbefugnisse einer exekutiven Präsidentschaft wie im französischen oder im amerikanischen System haben. In der Türkei gebe es aber nicht einmal annähernd die gleichen Kontrollen durch eine unabhängige Legislative, die Justiz oder freie Medien. "Die Türkei hat sich aus der demokratischen Welt zurückgezogen. Das ist eine Tragödie für das türkische Volk."

Unterstützer der Nein-Kampagne in Istanbul
AFP

Unterstützer der Nein-Kampagne in Istanbul

"Für Europa und für die westlichen Verbündeten der Türkei in der Nato dürfte diese Transformation bedeutende Folgen haben. Die ohnehin schon angespannten Beziehungen werden sich weiter verschlechtern. Und das zu einer Zeit, da die Kooperation der Türkei in der Flüchtlingsfrage besonders wichtig ist", kommentiert die britische Zeitung "The Guardian".

"Was ist das nur für ein Präsident, dem in der Stunde seines größten Triumphes nichts Besseres einfällt, als über die Wiedereinführung der Todesstrafe zu sprechen?", fragt sich die "Neue Züricher Zeitung". Das Blatt wagt auch einen Ausblick in die Zukunft, der für sie nichts Gutes verheißt: "Eher orientiert sich die neue Türkei heute an ihren autokratischen Nachbarn im Osten, Norden und Süden. Den Jahrhunderttest, islamische Normen und rechtsstaatliche, demokratische Regeln zu vereinbaren, haben der türkische Präsident und seine AKP damit nicht bestanden."

"Dieses Ergebnis hatte wohl niemand gewollt. Nicht einmal Erdogan. Das äußerst knappe Ergebnis und vor allem die Zweifel an der Rechtmäßigkeit der Auszählung tragen nicht dazu bei, seine Autorität zu stärken", schreibt die spanische Zeitung "La Vanguardia".

Die niederländische Zeitung "de Volkskrant" kommentiert: "Die Türkei ist ganz sicher tief gespalten, und die Bevölkerung in den großen Städten versteht, dass Erdogans autoritäre Neigungen dem Land großen Schaden zufügen. Es ist bemerkenswert, dass es so viel internen Widerwillen gegen den Abbau der türkischen Demokratie gibt. Aber das könnte Erdogan auch dazu veranlassen, seine Kampagne gegen Rivalen und die Opposition nun mit ganzer Kraft fortzusetzen."

mho/dpa



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