Istanbul Türkei schließt Fruchtbarkeitsklinik - wegen Terrorverdachts

Der türkische Staat hat eine Klinik für Paare mit Kinderwunsch dicht gemacht. Der Leiter soll Gülen-Anhänger sein. 77 Mitarbeiter sind nun arbeitslos - und Tausende Patientenakten mit persönlichen Details verschwunden.

Istanbul mit Blauer Moschee und Hagia Sofia
REUTERS

Istanbul mit Blauer Moschee und Hagia Sofia

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Doktor Aret Kamar, Experte für Fertilitätsmedizin, muss hilflos zuschauen, als am Samstagmorgen, 23. Juli, der türkische Staat plötzlich sein Lebenswerk zerstört.

Gut eine Woche nach dem gescheiterten Militärputsch tauchten Mitarbeiter des Gesundheitsamts, der Stadtverwaltung und des Finanzamts in seiner Fruchtbarkeitsklinik in Istanbul auf und erklärten ihm, dass der Betrieb ab sofort eingestellt sei und die Klinik geschlossen werde.

Kamar, Jahrgang 1967, betreibt in Istanbul eine Fruchtbarkeitsklinik, in die Paare aus der ganzen Welt kommen. Es ist ein Haus mit gutem Ruf. Nach dem Umsturzversuch war die Lage angespannt in Istanbul, auch in der Gegend um die Klinik, die nicht allzu weit vom Taksim-Platz entfernt ist.

Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte den Ausnahmezustand verhängt, aber Kamar, Direktor der Klinik, versuchte, seiner Arbeit so normal wie möglich nachzugehen. Keine Sekunde habe er daran gedacht, selbst ins Visier der Regierung zu geraten.

Aber dann war von einem Moment auf den nächsten alles aus.

"Man warf mir vor, ein Anhänger der Gülen-Bewegung zu sein", sagt er - jener Organisation, der Erdogan vorwirft, hinter dem Putsch zu stecken. "Ich dachte im ersten Moment, da müsse ein Missverständnis vorliegen. Ich habe mit Gülen doch nichts zu tun", sagt Kamar. "Ich bin armenischer Christ, warum soll ich eine islamische Bewegung unterstützen?"

32.000 Patientenakten beschlagnahmt

Ob er denn ein Kritiker Erdogans sei, will man von ihm wissen. Nein, antwortet er, er sei "von morgens bis abends" in seinem Zentrum. Für Politik habe er gar keine Zeit. Er sei nicht politisch, nicht einmal Mitglied eines Vereins. Und er behandele jeden, der einen Babywunsch habe, egal ob schwarz oder weiß, ob Türke, Armenier oder Kurde, ob Christ oder Muslim, sagt er.

Die Ermittler durchsuchten Kamars Klinik, sie beschlagnahmten insgesamt 32.000 Patientenakten - Dokumente, in denen sich unter anderem Angaben über die Qualität der Eizellen und über die Spermienzahl im Ejakulat befinden, hochgradig private Informationen also.

Die Akten sind seither verschwunden, ebenso Eizellen, Spermien und Embryos, die in der Klinik gelagert waren. Gerüchten zufolge sollen sie an andere medizinische Einrichtungen gebracht worden sein, aber das will keine staatliche Stelle bestätigen. Ebenso gibt es keine Information darüber, ob das Material fachgerecht transportiert wurde.

Kamar klingt verzweifelt, wenn er über die vergangenen Tage spricht. "Ich darf meine Klinik nicht mehr betreiben, was bedeutet, dass meine 77 Mitarbeiter ihre Jobs verlieren." Und was solle er seinen Patientinnen sagen, die sich ohnehin in emotional angespannten Situationen befänden? Viele seien in hormoneller Behandlung. Jetzt stünden sie allein da, er dürfe und könne sie nicht mehr weiterbehandeln.

"Alles nur ein Missverständnis?"

Ein Verfahren gegen ihn persönlich sei nicht eingeleitet worden, aber auch für die Beschlagnahmungen und die Schließung habe es keinen rechtsstaatlichen Beschluss gegeben. Das Vorgehen werde mit dem Ausnahmezustand begründet. "Vielleicht ist alles ja doch ein Missverständnis?", hofft er. Einen juristischen Ausweg aus seiner Lage sieht Kamar jedenfalls nicht. Gegen wen solle er klagen? Und welche Aussicht auf Erfolg hätte das?

Anrufe bei der Stadtverwaltung von Istanbul ergeben nichts. Man könne oder dürfe nichts sagen, es herrsche Ausnahmezustand, heißt es.

Kamar will jetzt versuchen, Beziehungen spielen zu lassen. Er will den Gesundheitsminister kontaktieren. Vielleicht kann so doch noch herauskommen, dass alles nur ein Missverständnis ist.

Ein ganz großes Missverständnis.


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squashplayer 30.07.2016
1. Irgendwann...
...wenn Herr Erdogan alle staatlichen und nicht staatlichen Einrichtungen geschlossen hat dann wird es nichts mehr geben, was er noch schließen kann :-(
butterbrote_fuer_alle 30.07.2016
2. Wegen Terrorverdachts ? In einer Fruchtbarkeitsklinik ?
Hat Erdogan am Ende Angst davor, daß dort eine Armee gegen ihn gezüchtet wird ? Pardon für den Sarkasmus, doch nun ballert der Gute & Konsorten anscheinend völlig durch. Er sollte vielleicht mal einen VHS Kurs Thema "Verantwortungsvoller Umgang mit Macht" besuchen.
reality_check 30.07.2016
3. Staatliche Korruption
Es ist doch klar was hier passiert. Wahrscheinlich wird ein Verwandter der Entourage des aktuellen Präsidenten einen Wettbewerber ausgeschaltet haben.
weiߟekugel 30.07.2016
4. Akten verschwinden lassen...
...ist eine sichere Methode Geheimnisse verschwinden zu lassen. Es könnte ja aus versehen etwas ans Licht kommen was im Dunkel bleiben sollte. Wer glaubt denn bei einer Fruchtbarkeitsklinik an terroristischen Hintergrund? Es sei denn dort wird der Super-Demokrat der Zukunft gezüchtet.
multimusicman 30.07.2016
5. Das ist einfach nur unmenschlich den eventuellen Eltern
gegenüber...... da wird einem nur noch schlecht! Mehr fällt mir dazu nicht mehr ein
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