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05. März 2016, 12:44 Uhr

EU, Türkei und die Flüchtlinge

Ein bisschen Hoffnung

Aus Kahramanmaras berichtet 

Unmittelbar vor dem Gipfel mit der Türkei startet die EU die ersten Hilfsprojekte aus dem Drei-Milliarden-Euro-Treuhandfonds. Das Signal an die Türkei ist klar: Wir liefern, jetzt seid ihr dran. Und tatsächlich: Es bewegt sich was.

Die syrische Lehrerin hat nur einen Wunsch, einen ganz simplen.

Die junge Frau sitzt mit ihren Kolleginnen um einen Tisch, EU-Erweiterungskommissar Johannes Hahn ist zu Besuch in der Schule für syrische Flüchtlingskinder in Kahramanmaras, im Südosten der Türkei. Der EU-Mann will wissen, was den Lehrern hier besonders fehlt. Er erwartet, dass seine Gastgeber nach Geld fragen, nach Schulbüchern oder nach Computern.

Doch die junge Frau hat ganz andere Sorgen. "Spielzeug", sagt sie, "kleine Geschenke", das könnte sie in ihrer Schule gut brauchen. Die Kinder hätten immer so düstere Gedanken, erzählt sie. "Sie haben viel mitgemacht." Im Flur hängen einige der Bilder, die die Kinder gemalt haben: sie zeigen Tote, Panzer und - Friedenstauben.

Die deutschen Sorgen über die große Zahl der Flüchtlinge oder das Anwachsen der AfD - hier im Südosten der Türkei wirken sie mit einem Mal ziemlich klein. Die Türkei hat 2,5 Millionen Syrern Zuflucht gewährt, und an der Grenze warten immer noch Zehntausende, die vor dem IS-Terror und den Bomben Putins und Assads fliehen.

Die Lage ist düster, aber die Europäer möchten kurz vor dem EU-Gipfel mit der Türkei am Montag für gute Nachrichten sorgen. Daher verkündet Hahn im Südosten der Türkei, dass der Drei-Milliarden-Euro-Fonds endlich einsatzbereit ist, mit dem die Europäer den syrischen Flüchtlingen in dem Land helfen wollen. Es wird auch höchste Zeit, monatelang hatten die EU-Mitglieder zäh darum gerungen, wer wie viel in den Geldtopf wirft. Der deutsche EU-Kommissar Günther Oettinger kann sich nun sogar vorstellen, dass der Betrag nur eine Art Anzahlung ist.

95 Millionen für Schulen

Zum Start gibt nun es 95 Millionen Euro für Schulen und die Ernährung der Flüchtlinge. Hahn steht vor einem Zelt im Flüchtlingscamp in Kahramanmaras, in dem Lager leben mehr als 18.000 Menschen. "Bildung hat für uns die erste Priorität", sagt er. "Wir müssen verhindern, dass hier eine verlorene Generation heranwächst." Um ihn drängen sich die Kameras, dahinter schauen neugierige Jungs zu, andere kicken hinter dem Stacheldrahtzaun.

Es geht um mehr als um Hilfe für Flüchtlinge. Vor allem wollen sich die Europäer mit dem Geld das Wohlverhalten der Türkei erkaufen. Ankara soll endlich dafür sorgen, dass weniger illegale Migranten in Griechenland ankommen. Derzeit sind die Zahlen trotz des Winters hoch, pro Tag über 2000 Flüchtlinge.

Zudem soll die Türkei Migranten, die nicht aus Syrien stammen, wieder aufnehmen. Hier gibt es unmittelbar vor dem EU-Gipfel offenbar Fortschritte. In mehreren Gesprächen, darunter dem Treffen zwischen dem türkischen Regierungschef Ahmet Davutoglu mit EU-Ratspräsident Donald Tusk am Donnerstag, zeigten sich die Türken zumindest im Grundsatz damit einverstanden.

Sollten die Türken wirklich einer Rücknahme von illegalen Migranten zustimmen, wäre das aus Sicht der EU ein echter Durchbruch und womöglich der Wendepunkt in der Flüchtlingskrise. Müssten Migranten ohne Recht auf Schutz ernsthaft damit rechnen, von Griechenland gleich wieder zurückgeschickt zu werden, entfiele für viele der Anreiz, sich auf die gefährliche Überfahrt durch die Ägäis zu machen.

"Wir haben geliefert"

Um den Türken die Kooperation zusätzlich schmackhaft zu machen, will Kanzlerin Angela Merkel (CDU) Kontingente von Flüchtlingen direkt aus der Türkei nach Europa holen. Bislang verlaufen die Gespräche darüber zäh, die Kanzlerin will erst Kontingente nehmen, wenn die Zahl der Migranten, die über die Ägäis nach Griechenland kommen, deutlich zurückgeht. Konkret soll es erst werden, wenn die Zahl bei unter 1000 Flüchtlingen am Tag liegt.

"Wir haben geliefert", sagt Hahn, "jetzt müssen die Türken liefern." Der Kommissar schreitet durch das Flüchtlingslager, in einem Zelt ist ein Supermarkt untergebracht, in dem die Migranten mit E-Food-Vouchers einkaufen können, einer Art Kreditkarte, die einmal im Monat aufgeladen wird.

Er besucht eine Familie, in der der Vater von IS-Terroristen vor den Augen der Kinder geköpft wurde. "Bitte helfen Sie, dass wir zurück in unsere Heimat können", heißt es hier. Man hört schreckliche Geschichten wie diese, aber Hahns Besuch hat auch freundliche Momente. Etwa wenn sich die Steppkes im Spielzelt um den Kommissar aus Brüssel drängen und erzählen, was sie unter Kinderrechten verstehen: "Spielen, zur Schule gehen, Freiheit."

Hahn will Ideen sammeln und hören, wofür die Experten vor Ort das Geld aus seinem Fonds am besten ausgeben würden. Entscheidend sei, dass die Syrer in der Türkei selbst für ihren Lebensunterhalt sorgen können, sagen Entwicklungshelfer beim Treffen im EU-Haus in Gaziantep. Zwar habe die Türkei jetzt endlich die rechtlichen Voraussetzungen für die Arbeitsaufnahme geschaffen, doch allein mit einer Änderung der Rechtslage haben die Syrer noch keine Jobs. Junge Leute, die ihr Studium wegen des Bürgerkriegs unterbrechen mussten, könnten die Zeit in der Türkei nutzen, um wieder an die Uni zu gehen. Doch dafür müssten türkische Universitäten erst mal viele syrische Studenten aufnehmen.

Ein Stipendienprogramm? Die Ideen fliegen durch den Raum, und für kurze Zeit gibt es die Hoffnung, dass das alles hier vielleicht doch ein gutes Ende nehmen könnte.

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