Kampf um Tripolis In Libyen tobt ein internationaler Milizenkrieg

Der libysche Warlord Khalifa Haftar hat zum Sturm auf Tripolis aufgerufen, er will Premier Sarraj aus der Hauptstadt vertreiben. Doch der kann auf Unterstützung aus der Türkei hoffen.
Von Mirco Keilberth
Kämpfe vor Tripolis: Zerbricht Libyen endgültig?

Kämpfe vor Tripolis: Zerbricht Libyen endgültig?

Foto: MAHMUD TURKIA/ AFP

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hat angekündigt, Truppen nach Libyen zu schicken, sollte die Regierung von Premier Fayez Sarraj darum bitten. Der Krieg um die libysche Hauptstadt eskaliert damit endgültig zu einem internationalen Stellvertreterkrieg.

Seit Monaten versucht die sogenannte Libysche Nationale Armee (LNA) des Warlords Khalifa Haftar, bewaffnete Gruppen aus Tripolis zu vertreiben, die sich mit der international anerkannten Einheitsregierung von Sarraj verbündet haben.

Die Frontlinien im Süden der Zwei-Millionen-Metropole hatten sich bislang nur punktuell verschoben. Doch seitdem offenbar russische Scharfschützen und Militärberater für die LNA im Einsatz sind, kommt die Offensive Haftars voran. Am Wochenende hatte Haftar die "Stunde null" ausgerufen, den Sturm auf Tripolis. Es ist bereits das fünfte Mal, dass der 72- Jährige den nahen Sieg über die "Terroristen" verkündet.

Kilometerlanger Militärkonvoi vor den Toren Tripolis

Er hat eine schlagkräftige Armee geformt, mit Unterstützung aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, aus Saudi-Arabien und Ägypten, die nach Angaben von Augenzeugen in Bengasi MIG-Kampfflugzeuge und Kampfhubschrauber liefern. Ein kilometerlanger Militärkonvoi aus Libyens zweitgrößter Stadt kam am Sonntag am Stadtrand von Tripolis an.

Im Zentrum von Tripolis hat Premier Sarraj das Sagen. Er reiste am vergangenen Wochenende nach Istanbul und Katar, um seine beiden Verbündeten um Militärhilfe zu bitten. Erdogan und Sarraj unterzeichneten einen militärischen Beistandsvertrag, der neben der Lieferung von Waffen auch die Stationierung von türkischen Truppen in Libyen erlaubt.

Der türkische Präsident Erdogan und Libyens Premier Sarraj in Istanbul

Der türkische Präsident Erdogan und Libyens Premier Sarraj in Istanbul

Foto: Presidential Press Office/ REUTERS

Nachdem ein türkisches Parlamentskomitee das Papier durchgewinkt hat, könnten die ersten Militärtransporter in den kommenden Tagen auf dem gerade erst wiedereröffneten Flughafen von Tripolis landen. Man werde jedes mit Waffen beladene türkische Schiff oder Flugzeug angreifen, warnte derweil LNA-Sprecher Ahmed Al-Mismari.

Streit um Seegrenzen im Mittelmeer

Bereits Ende November hatten Erdogan und Sarraj ein Abkommen über die Neuziehung der Seegrenzen im östlichen Mittelmeer und die Nutzung der Gasvorkommen vor Kreta unterzeichnet, obwohl beide Länder keine gemeinsamen Seegrenzen haben. Doch die türkische Regierung argumentiert, dass die betreffenden Seegebiete über ihrem Festlandsockel liegen und die griechischen Inseln Kreta und Dodekanes über keinen Festlandsockel verfügen.

Die direkten Mittelmeeranrainer Griechenland, Zypern und Ägypten protestierten gegen das libysch-türkische Abkommen scharf. "Das Memorandum verletzt die Hoheitsrechte von Drittstaaten und steht nicht im Einklang mit dem Seerecht. Daher kann es keinerlei Rechtsfolgen für Drittstaaten haben", lautet eine EU-Erklärung vom vergangenen Freitag. Einen Tag später begann Khalifa Haftar seine erneute Offensive auf die von Sarraj kontrollierte Hauptstadt.

Der seit acht Monaten tobende Krieg im Süden der libyschen Hauptstadt könnte schon bald zu einem erbitterten Häuserkampf eskalieren. Es ist unklar, wie groß die Anhängerschaft Haftars unter den rund zwei Millionen Einwohnern im Großraum Tripolis ist.

Der libysche Bürgerkrieg ist ein internationaler Waffengang

Nachdem über 100.000 Bewohner vor den Kämpfen fliehen mussten und immer mehr Wohngebiete von der Offensive betroffen sind, hoffen viele auf ein Ende des Krieges. In der Hafenstadt Misrata, dessen Truppen die Verteidigung von Tripolis logistisch organisieren, wurde die allgemeine Mobilmachung ausgerufen, am Montag zogen fünf weitere westlibysche Küstenstädte nach.

Ähnlich wie in Syrien sind es womöglich gar nicht mehr einheimische Kämpfer, die über den Ausgang des Krieges entscheiden:

  • Vor der Küste von Misrata liegt eine französische Fregatte.
  • Am Flughafen von Misrata sind italienische Soldaten stationiert, die zusammen mit US-Soldaten gegen Anhänger der Terrormiliz "Islamischer Staat" in der Wüste vorgehen.
  • Die Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate beteiligen sich an diesem unübersichtlichen Krieg bisher hauptsächlich mit Drohnen.
  • Sollten Erdogan tatsächlich türkische Einheiten in Misrata oder Tripolis stationieren, würden Ägypten oder die Emirate wohl nachziehen.
  • Ägyptens Präsident Abdel Fattah el-Sisi kündigte im Staatsfernsehen an, dass man einem türkischen Einmarsch nicht tatenlos zuschauen würde.

Seit dem Aufstand gegen Muammar al-Gaddafi im Februar 2011 gilt ein vom Sicherheitsrat der Vereinten Nationen beschlossenes Waffenembargo für Libyen. Ein kürzlich veröffentlichter Bericht von Uno-Experten listet die Lieferungen an die libyschen Kriegsparteien im Detail auf. Doch da beide Kriegsparteien das Embargo brechen, scheint dies niemanden zu interessieren.