Türkei und EU Gereizter Mann am Bosporus

Ein Geschenk von Angela Merkel an Jacques Chirac sorgt in der Türkei für Verstimmung: Der alte Bierkrug zeige eine historische Niederlage der Osmanen gegen Napoleon. Das ist zwar grober Unfug, demonstriert aber die gereizte Stimmung.


Istanbul - Vielleicht hätte es gar keiner gemerkt, wenn nicht Angela Merkel selbst den Hinweis gegeben hätte - auf einer Pressekonferenz am Sonntag in Berlin würdigte sie noch einmal das Abschiedsgeschenk an den scheidenden französischen Präsidenten Jacques Chirac: ein historischer deutscher Bierkrug mit einer Deckelgravur von 1799. Das war das Jahr, wie Merkel dozierte, "als Napoleon sich gerade in Ägypten mit dem osmanischen Heer auseinandersetzte".

Chirac, Merkel, Bierseidel: Den Krug etwa selbst ausgesucht?
DPA

Chirac, Merkel, Bierseidel: Den Krug etwa selbst ausgesucht?

Dabei hatte sie sich noch diplomatisch ausgedrückt, denn tatsächlich schlug der französische Kaiser damals in der Schlacht von Abukir die osmanischen Truppen vernichtend. Die britische "Financial Times" (FT) vermutete hinter der historischen Anspielung denn auch gleich eine kleine Bosheit gegen die Türken und bemerkte, vielleicht habe die Türkei-Skeptikerin Merkel "den Krug sogar selbst ausgesucht".

Nachdem die FT dann auch noch fälschlich berichtete, auf dem Bierseidel sei Napoleon beim Sieg über das osmanische Heer abgebildet, hielten sich die Türken nicht mehr mit ihrem Zorn zurück.

"Ein weiterer Türkei-Fauxpas", titelte das Massenblatt "Sabah", auch die "Hürriyet" sprach von einem "Missgriff", das Geschenk sei "regelrecht zum Symbol der Türkenfeindlichkeit" geworden, schalt die "Posta". Die nationalistische "Tercüman" watschte Kanzlerin Merkel gar als "unverschämt" ab. Selbst Außenminister Abdullah Gül ließ sich zu der Rüge hinreißen, die EU solle sich "lieber mit ihrer Zukunft" als der Vergangenheit beschäftigen.

Ein Krug mit "floralem Muster"

Zwar beeilte sich die Bundesregierung klarzustellen, dass der Krug weder Napoleon noch das geschlagene osmanische Heer zeige, sondern nur ein "florales Muster" und ein paar Pferde. Außerdem zeuge der Krug davon, das habe Merkel betont, wie sehr sich europäische Geschichte geändert habe und von Krieg keine Rede mehr sei. Doch noch am Mittwoch musste der deutsche Botschafter in Ankara im türkischen Fernsehen erklären, was die Kanzlerin sich nun bei dem Geschenk eigentlich gedacht habe. Alles ein "bedauerliches Missverständnis", so sieht es Berlin. Auch Güls Außenministerium versucht inzwischen den Wirbel zu dämpfen: "Das ist diplomatisch kein Thema."

War das wirklich alles? Bloß ein Sturm im Wasserglas? Sicher, die Entrüstung am Bosporus stützte sich auf eine fehlerhafte britische Zeitungsmeldung, die auch die türkischen Medien zitierten. Doch tatsächlich legt die Überreaktion bloß, wie empfindlich gespannt die Nerven beim EU-Beitrittskandidaten Türkei ausgerechnet unter deutscher Ratspräsidentschaft sind.

Unterkühlt bis gereizte Stimmung

Selbst die Tatsache, dass heute nach zehn Monaten Stillstand nun endlich das zweite - von wohlgemerkt 35 - Verhandlungskapiteln eröffnet wird, löst in Ankara keine Begeisterung mehr aus. Im Gegenteil: Die Stimmung ist unterkühlt bis gereizt. Das belegen die Reaktionen in der Bierseidel-Affäre. Eher geschäftsmäßig, das heißt auf Botschafter-Ebene, wird denn heute in Brüssel auch das Kapitel über Unternehmens- und Industriepolitik in Angriff genommen. Insgesamt vier Kapitel unter ihrer Ägide hatte die deutsche Ratspräsidentschaft in Aussicht gestellt, um als Signal an die türkischen Partner den Prozess wieder spürbar in Schwung zu bringen - ob es dazu kommt, ist mit einem dicken Fragezeichen versehen.

Dass Minister Gül dem informellen EU-Außenministertreffen am Freitag und Samstag in Bremen trotz ausdrücklicher Einladung aus "Termingründen" fernbleibt, spricht Bände, auch wenn er einen Ministerkollegen als Vertreter schickt.

Tagelang hatten sich Ankara und die türkische Öffentlichkeit darüber empört, dass die Türkei nicht zur EU-Geburtstagsparty nach Berlin gebeten wurde. Kein Beitrittskandidat sei dabei, versicherte Berlin. Die Türken beruhigte das kaum. Für sie fällt die kühle Geste klar in die Verantwortung der deutschen Ratspräsidentschaft. Parlamentspräsident Bülent Arinc machte ganz offen Angela Merkel persönlich für die Feier ohne Türken verantwortlich. "Nicht nur ihre Haltung, auch ihre Äußerungen stoßen bei uns auf Kritik", so Arinc.

Er werde das Thema Mitte April bei seinem Besuch auf der Hannover Messe ansprechen, bei der die Türkei dieses Jahr Partnerland ist und wo er auch Merkel treffen wird, versicherte Erdogan am Dienstag vor der Fraktion seiner regierenden "Partei für Gerechtigkeit und Entwicklung", AKP. Auch vom EU-Jubiläumsgipfel seien problematische Botschaften ausgegangen, klagte er. Europäische Führer - gemeint war insbesondere Merkel - sprächen noch immer von einer "christlichen EU" und ignorierten "Millionen von Muslimen in Europa", so Erdogan unter dem Beifall seiner Partei. Auch Außenminister Gül dürfte seinem deutschen Amtskollegen Frank-Walter Steinmeier, den er nächste Woche in Berlin besucht, einiges über türkische Frustrationen berichten.

EU- und türkische Flagge vor einer Moschee in Istanbul: Nur noch eine Minderheit der Türken glaubt an die EU
AP

EU- und türkische Flagge vor einer Moschee in Istanbul: Nur noch eine Minderheit der Türken glaubt an die EU

Kein Zweifel, es braucht nicht viel, um die nationalstolzen Türken zu beleidigen. Die Krise in den EU-Beitrittsverhandlungen, zu der die Türkei mit ihrer Hafenblockade gegenüber den Zypern-Griechen und erlahmtem Reformeifer selbst beigetragen hat, aber auch die EU hat die Stimmung mit vielen negativen Signalen an die Türkei verdüstert. Nur noch eine Minderzahl von Türken glaubt noch an die Europäische Union - und sie wissen auch, dass sie in Europa auf keine große Gegenliebe stoßen. Nun erweist es sich als zusätzlich belastend, dass die Kanzlerin von ihrem Vorbehalten gegenüber der Türkei keinen Deut abrückt.

Bisher schien sie allerdings eine selbst für die Türken akzeptable Formel gefunden zu haben: Als Kanzlerin halte sie selbstverständlich "in Kontinuität und Vertragstreue" an der Zusage Deutschlands fest, die "ergebnisoffenen" Beitritts-Verhandlungen "konstruktiv zu begleiten". Als CDU-Vorsitzende wünsche sie allerdings weiterhin keine Vollmitgliedschaft der Türkei, sondern lediglich eine "privilegierte Partnerschaft" mit der EU.

Zerfließende Torte zum EU-Geburtstag

Bei ihrem Besuch vergangenen Herbst in der Türkei glückte dieser Kompromiss. Merkel kam an, sie hinterließ den Eindruck einer ehrlichen Politikerin, die auch unbequeme Wahrheiten ausspricht, aber letztlich eine verlässliche Partnerin sei. Offensichtlich hatten die Türken insgeheim gehofft, sie könnten Angela Merkel für die Türkei erwärmen. Auf einer Bosporus-Fahrt zeigte ihr Premier Erdogan persönlich die schönsten Seiten Istanbuls.

Nun aber offenbart die türkische Gereiztheit über einen alten Westerwälder Bierhumpen, wie schnell die alten Zweifel an Merkel wieder die Oberhand gewinnen. Wenn sie von den "christlichen Wurzeln" Europas spricht und keinen Hehl daraus macht, dass sie persönlich gerne ein klareres Bekenntnis dazu im europäischen Verfassungsvertrag gesehen hätte, versteht Ankara das sofort als Aussage gegen die muslimische Türkei.

Als Angela Merkel kürzlich von einer französischen Zeitung gefragt wurde, wo denn die EU in 50 Jahren stehe, auch mit Blick auf die Türkei, wich sie aus. Die Beitrittsverhandlungen liefen, formulierte sie vage, und sicher würden die Beziehungen Europas zur Türkei in 50 Jahren noch enger sein. Die türkische Lesart war natürlich, dass es überhaupt erst in 50 Jahren eine Europa-Perspektive für die Türkei gebe.

Dazu passend zeigte die links-nationale Kemalisten-Zeitung "Cumhurriyet" zum EU-Geburtstag einen Premierminister Erdogan mit zerfließender Torte im Gesicht. "Das ist der Beweis", so die Unterzeile, "wie viel Wert die EU auf die Türkei legt - sie haben uns sogar ein Stück vom Geburtstagskuchen geschickt." Die "Sabah" zeigte sich da selbstbewusster: Sie nahm die alternde EU aufs Korn und zeichnete einen alten Mann im Rollstuhl, der traurig vor seiner Geburtstagstorte sitzt. Dahinter steht ein junger Krankenpfleger im Türken-Kittel: "Wenn Du willst", bietet er dem EU-Greis an, "blase ich die Kerze für Dich aus".



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