Karikaturisten in der Türkei Geht ein Erdofant in den Zoo

Satireblätter zählen zu den einflussreichsten Medien in der Türkei - niemand spricht Wahrheiten deutlicher aus. Doch der Druck wächst. Jetzt gibt es die Arbeiten auf Deutsch zu sehen.

Sefer Selvi/ LeMan/ Avant

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Witze über Recep Tayyip Erdogan sind in der Türkei eine gefährliche Angelegenheit. Tausende Klagen liegen bei den Gerichten, wegen angeblicher Verunglimpfung des Präsidenten. Das chronisch beleidigte Staatsoberhaupt geht selbst gegen jugendliche Internetnutzer vor, die eine Karikatur auf Facebook oder Twitter geteilt haben.

Auch in Deutschland ist Erdogans fehlender Humor hinlänglich bekannt: Eine Karikatur aus der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", die Erdogan als Hund zeigt, sorgte vor drei Jahren, nachdem ein Schulbuch sie nachgedruckt hatte, für diplomatische Verwicklungen, ebenso ein Lied in der NDR-Satiresendung "Extra 3", TV-Moderator Jan Böhmermann verklagte er wegen eines satirischen Gedichts.

Wie schwer es Karikaturisten in der Türkei haben, lässt sich also erahnen. Der Cartoonist Musa Kart zum Beispiel von der heftig unter Druck stehenden regierungskritischen Zeitung "Cumhuriyet" hatte es gewagt, Erdogan als Katze zu zeichnen. Neun Monate lang saß er in Haft wie nahezu die gesamte Redaktion, wegen angeblicher Nähe zur Gülen-Bewegung, die Erdogan für den Putschversuch im Juli 2016 verantwortlich macht. Seit vergangener Woche ist Kart zwar frei, aber die Klage gegen ihn wird aufrechterhalten.

Die Zeitschrift "Penguen" druckte, nachdem Kart wegen seiner Katzenkarikatur bestraft worden war, ein Cover mit Erdogan als Frosch, Kamel, Affe, Schlange, Ente, Elefant, Giraffe und Kuh. Titel: "Der Tayyip-Zoo". "Penguen" existiert nicht mehr. Das Blatt musste im Mai seine Arbeit aus wirtschaftlichen Gründen einstellen.

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Humor in der Türkei: Kommt Merkel zum Sultan...

Während in der Türkei mehr als 150 Journalisten in Gefängnissen sitzen, sind Karikaturisten bislang erstaunlicherweise seltener von Haftstrafen betroffen. Warum, darüber rätseln sie selbst. Manche Künstler behaupten, das liege vielleicht daran, dass so mancher Erdogan-treue Staatsanwalt den Witz ihrer Karikaturen schlicht nicht verstehe.

Auch wenn Festnahmen bisher die Ausnahme bleiben, stehen die einflussreichen Satireblätter doch unter Druck. Kioske, Lieferanten und Druckereien verweigern immer öfter die Zusammenarbeit, vor allem, wenn eine Erdogan-Karikatur auf dem Titel zu sehen ist. Auch das Magazin "Penguen" scheiterte letztlich an diesem äußeren Faktor.

Seit dem Putschversuch im vergangenen Jahr sind die Auflagen dramatisch eingebrochen, teils um bis zu 75 Prozent. Außerhalb der Metropolen Istanbul, Ankara und Izmir sind Satiremagazine kaum noch zu bekommen. Zudem erhalten die Macher täglich Hunderte, manchmal Tausende Beschimpfungen und Drohungen per E-Mail und in den sozialen Medien.

Wie in vielen autoritär und diktatorisch regierten Staaten ist Humor eine wirksame Waffe. Auf welch hohem Niveau sie in der Türkei eingesetzt wird, zeigt der Band "Schluss mit lustig. Aktuelle Satire aus der Türkei" mit Karikaturen und Cartoons aus der Zeit seit den Gezi-Protesten im Sommer 2013 bis heute. 46 Zeichnerinnen und Zeichner sind in dem Buch vertreten, der von der Journalistin und Dokumentarfilmerin Sabine Küper-Büsch herausgegeben wurde, anlässlich der "Caricatura" in Kassel, wo diese Bilder noch bis Ende August ausgestellt sind.

Die Zeichner arbeiten weiter, obwohl das Geld nicht reicht

Dazu gehören Werke aus "Penguen", vor allem aber aus den beiden in der Türkei noch verbliebenen großen Satirezeitschriften "LeMan" und "Uykusuz", einst Wochenmagazine mit einer Auflage von jeweils mehr als 100.000 Exemplare. "Heute kann sich keine dieser Zeitschriften allein tragen, die Zeichner und Redakteure machen das aus Liebe zur Sache", sagt Küper-Büsch. "Sie arbeiten zusätzlich anderswo als Grafiker und Texter, um Geld zu verdienen und leben zu können." Doch immerhin haben diese beiden Publikationen den Einschüchterungsversuchen Erdogans bisher widerstanden.

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Schluss mit lustig

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Avant; 80 Seiten; gebunden; 15,00 Euro.

Als Akt des Protests zeichnen sie dafür beißende Bilder. Zum Beispiel einen Gefängnishof, auf dem, passend zur damals in Istanbul stattfindenden Buchmesse, inhaftierte Autoren aus ihren Werken lesen. Im Vordergrund liest Berkin Elvan, ein 2013 bei den Gezi-Protesten von der Polizei tödlich verletzter Junge. Oder zwei Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Bahdir Baruter. In einer versinkt die Hand eines Zeichners in den Untiefen des Blattes Papiers vor ihm. In der anderen hängt der Künstler kopfüber, gefesselt und den ganzen Körper in ein Tuch gewickelt wie ein Folteropfer über seinem Zeichentisch. Das also ist die Lage der Karikaturisten in der Türkei in ihrer Selbstwahrnehmung.

Karikatur aus "Schluss mit lustig"
Bahadir Baruter/ Avant

Karikatur aus "Schluss mit lustig"

"Tatsächlich sind sie vorsichtiger geworden seit dem Putsch", sagt Küper-Büsch. Erdogan, der früher nahezu auf jedem Titel zu sehen war, sei nun nicht mehr ganz so häufig vorn. "Manche Zeichnung, die sie früher sofort vorn gedruckt hätten, verstecken sie nun lieber auf den hinteren Seiten." Die Selbstzensur habe spürbar zugenommen.

Viele Bilder bedürfen einer Erklärung für jene, die sich mit dem Geschehen in der Türkei nicht auskennen. Die liefert Küper-Büsch, die seit Anfang der Neunzigerjahre in Istanbul lebt, in dem Buch. Da es sich an ein deutsches Publikum richtet, sind alle Sprechblasen, alle Texte ins Deutsche übersetzt. Der Witz mag dabei an manchen Stellen ein wenig verloren gegangen sein, aber die Botschaft wird dennoch deutlich: Es geht nicht nur um Komik, es geht auch um den Protest.

insgesamt 6 Beiträge
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Seite 1
finchen0598 02.08.2017
1. Satire
ist das wichtigste Instrument im Kampf gegen Totalitarismus. Wer sich über Erdo und Co lustig macht lebt zwar gefährlich, sind jenen aber dennoch irgendwie überlegen. Dieser Bildband macht deshalb auch Mit!
verbal_akrobat 02.08.2017
2. Neulich...
...meinte eine türkische Geschäftsfrau zu mir welche gerade schockiert aus einem Heimatbesuch zurück in ihre "neue Heimat" kam: "...die von uns, welche hierzulande für Erdogan sind, sind zum allergrößten Teil Personen welche vor Ort in der Türkei in irgend einer Form "investiert" haben, aber - denen wird das Lachen noch vergehen..." !!!!!(?)
Atheist_Crusader 02.08.2017
3.
Zitat von finchen0598ist das wichtigste Instrument im Kampf gegen Totalitarismus. Wer sich über Erdo und Co lustig macht lebt zwar gefährlich, sind jenen aber dennoch irgendwie überlegen. Dieser Bildband macht deshalb auch Mit!
Moralische Überlegenheit hilft allerdings praktisch nicht viel, speziell wenn man es mit einem Gegner zu tun hat, dem sämtliche Moral abgeht. Erdogan ist dabei, die Todesstrafe wieder einzuführen, um Kritiker in Zukunft auch gesetzmäßig ermorden zu können. Ich bezweifle doch, dass es die Toten kümmern wird, dass sie moralisch voll im Recht waren und Erdo und seine Bande nicht. Satire hilft nur gegen jene, die sich noch an die Regeln halten. Gegen blutrünstige Barbaren, die schon das Anderssein (vom Widerspruch gar nicht zu reden) als Kriegserklärung sehen, ist sie nur begrenzt erfolgreich. Das Dritte Reich hätte Satire ebensowenig umgekrempelt wie die Sowjetunion unter Stalin oder China unter Mao. Erst muss die Zivilisation zurückkehren.
KingTut 02.08.2017
4. Klasse Artikel
Danke für diesen interessanten Artikel. Kein Wunder bei diesem Autor :-) Ich musste über einige der Karikaturen (z.B. Merkel mit Erdogan und dessen Rechtfertigung für die Inhaftierung von Deniz Yücel) zwar einerseits herzhaft lachen, aber dann blieb es mir wieder im Halse stecken, angesichts der bedrückenden Realität, die dahinter steht. Man kann nur stetig den Finger in Erdogan's Wunde legen und die Gepeinigten unterstützen, wo immer es möglich ist. Nicht wenige Despoten glaubten sich fest im Sattel sitzend und wurden dann doch schneller als gedacht hinweggefegt, siehe Honecker. Mögen die Tage dieses repressiven Regimes gezählt sein.
finchen0598 02.08.2017
5. @Atheist_Crusader
...und deshalb Satire einstellen, weil's nix bringt? Das ist eine sehr pessimistische Sichtweise, in der Sie den zukünftigen Verlauf schon vorhersehen..... So kann man Menschen auch den Mut nehmen.....
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