Visa-Eklat zwischen USA und Türkei "Junge, verzieh dich!"

Der Streit zwischen den USA und der Türkei eskaliert. Beide Staaten frieren ihre gegenseitige Visavergabe ein. Profitieren könnte davon ein Dritter.
Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump auf der Uno-Vollversammlung in New York

Recep Tayyip Erdogan und Donald Trump auf der Uno-Vollversammlung in New York

Foto: KEVIN LAMARQUE/ REUTERS

Noch vor weniger als einem Monat saßen US-Präsident Donald Trump und sein türkischer Amtskollege Recep Tayyip Erdogan Seite an Seite in einem New Yorker Hotel und versicherten sich ihre Freundschaft. "Er bekommt sehr gute Noten", schwärmte Trump am Rande der Uno-Vollversammlung über den türkischen Staatschef.

Nun ist von dieser Freundschaft offenbar kaum noch etwas übrig. Stattdessen sprechen Beobachter von einer "Eiszeit" zwischen Washington und Ankara, von einem "historischen Tiefpunkt" im türkisch-amerikanischen Verhältnis.

Die USA und die Türkei haben in den vergangenen Monaten über verschiedene Themen gestritten: über den Krieg in Syrien, über die Auslieferung des Predigers Fethullah Gülen, über das Verfahren gegen den türkisch-iranischen Goldhändler Reza Zarrab. Doch seit dem Wochenende steuern die beiden Länder auf eine Kollision zu, wie es sie in der türkisch-amerikanischen Geschichte lange nicht mehr geben hat.

Die US-Botschaft in Ankara hat bekannt gegeben, vorerst keine Visa mehr für türkische Staatsbürger auszustellen. Sie reagierte damit auf die Verhaftung von Metin Topuz, eines Türken, der für das US-Konsulat in Istanbul gearbeitet hat. Topuz soll, das behauptet die türkische Regierung, Kontakt zur Gülen-Gemeinde unterhalten haben, die von Ankara als Terrororganisation eingestuft wird und die Erdogan hinter dem Putschversuch vom 15. Juli 2016 vermutet.

"Die jüngsten Ereignisse zwingen die US-Regierung, neu zu bewerten, wie sehr sich die türkische Regierung der Sicherheit von amerikanischen Botschafts- und Konsulatsgebäuden und ihren Mitarbeitern verpflichtet fühlt", heißt es in einer Erklärung des amerikanischen Außenministeriums. Die Amerikaner stellen die Türkei damit auf eine Stufe mit Paria-Staaten wie Iran oder Nordkorea.

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Die Entscheidung Washingtons sorgte in der Türkei für Entrüstung. Die türkische Regierung teilte noch am Sonntag mit, die Visavergabe an US-Bürger zu stoppen. Sie kopierte dabei das Statement der Amerikaner beinahe eins zu eins. Das türkische Außenministerium bestellte den US-Geschäftsträger in Ankara ein. Hamza Dag, Vize-Chef der Erdogan-Partei AKP, wandte sich über Twitter an den scheidenden US-Botschafter John Bass: "Junge, verzieh dich!"

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Schon die kurzfristigen Folgen des Visastreits sind beträchtlich. Im vergangenen Jahr reisten, laut Angaben des türkischen Statistikamts, mehr als 300.000 Türken in die USA. Durch den Bann dürfen vorläufig weder Geschäftsleute, noch Studenten oder Touristen die USA betreten. Umgekehrt ist Amerikanern die Einreise in die Türkei verboten. "Menschen werden zu Opfern eines Streits, für den sie absolut nichts können", sagte Faruk Logoglu, der frühere türkische Botschafter in Washington, dem SPIEGEL. Die Aktie der Fluggesellschaft Turkish Airlines sackte am Montag um 11 Prozent ab, die Türkische Lira verlor im Vergleich zum Dollar zwischenzeitlich um 5 Prozent an Wert.

Noch weitreichender aber dürften die langfristigen Schäden sein, die durch den Konflikt entstehen könnten. Entgegen der öffentlichen Verlautbarungen Trumps haben sich die USA und die Türkei schon seit geraumer Zeit voneinander entfernt.

Die türkische Regierung drängt seit mehr als einem Jahr vergeblich darauf, dass die USA Gülen, der in Pennsylvania im Exil lebt, an die Türkei ausliefern. Erdogan hat gerade erst international für Empörung gesorgt, als er Washington öffentlich angeboten hat, einen in der Türkei inhaftierten amerikanischen Pastor im Gegenzug für Gülen freizulassen.

Auch in Syrien sind sich beide Staaten uneins. Die USA setzten im Kampf gegen die Terrormiliz "Islamischer Staat" auf die kurdische YPG, die von der Türkei als syrische Schwester der Terrororganisation PKK betrachtet und bekämpft wird. Ankara arbeitet in Syrien nun verstärkt mit Russland zusammen. Das türkische und das russische Militär gehen in der Provinz Idlib gerade gemeinsam gegen islamistische Rebellen vor.

Der Eklat um die Visavergabe dürfte nun den Graben zwischen der Türkei und dem Westen weiter vertiefen. Burak Kadercan, Politikwissenschaftler am Naval War College in Newport kritisiert den Vorstoß der Amerikaner als "unklug". Die US-Regierung habe Erdogan in eine Position gebracht, in der er sein innenpolitisches Ansehen nur durch eine Eskalation der Spannungen mit den Amerikanern verteidigen könne. "Was schiefgehen kann?", fragt Kadercan auf Twitter. "Fast alles."

Auch der Istanbuler Politologe Ahmet K. Han glaubt, dass der Visastreit letztlich sowohl den USA wie der Türkei schade. Profitieren würde davon letztlich nur einer - Russlands Präsident Wladimir Putin, der auf eine Spaltung der Nato setze.

Mitarbeit: Eren Caylan
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.