Audiomitschnitte vor Su-24-Abschuss "Sie nähern sich türkischem Luftraum!"

Wurde der russische Pilot von den Türken gewarnt oder nicht? Hat sich die türkische Luftwaffe korrekt verhalten? Als Beweis veröffentlichen die Streitkräfte Audiomitschnitte. Doch die werfen noch mehr Fragen auf.

Getty Images/ iStockphoto

Von , Istanbul


Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Zehn Mitschnitte hat das türkische Militär veröffentlicht, auf denen Warnungen an die Piloten jenes Flugzeugs zu hören sein sollen, das gerade dabei ist, in türkischen Luftraum einzudringen. Es geht darum zu belegen, dass die Luftwaffe sich richtig verhalten und alle Regeln eingehalten hat, bevor sie ein russisches Flugzeug vom Typ Suchoi Su-24 abschoss. Einer der überlebenden Piloten, Konstantin Murakhtin, sagte im russischen Fernsehen, die Türken hätten sie keineswegs gewarnt.

Nun hört man auf den Aufnahmen neben lautem Rauschen eine Männerstimme.

  • "Hier spricht der Wachhabende der türkischen Luftwaffe", sagt die Stimme auf Englisch.
  • Weiter ist zu hören: "Sie nähern sich türkischem Luftraum!"
  • Und: "Ändern Sie sofort Ihren Kurs Richtung Süden!"

Außerdem nennt die Stimme die Position des angesprochenen Flugzeugs, um deutlich zu machen, dass die Warnungen ihm gelten. Mehrere Wortfetzen sind allerdings nicht zu verstehen, die Qualität der Aufnahmen ist schlecht - hören Sie selbst:

Doch beide Flugzeuge - offensichtlich waren zwei russische Maschinen unterwegs - reagierten nicht und behielten ihren Kurs bei. Nach Angaben der türkischen Luftwaffe erfolgte die Warnung mehrfach, zehnmal innerhalb von fünf Minuten. Den ersten Funkspruch setzte der Wachhabende demnach ab, noch bevor die Maschinen in türkischen Luftraum flogen. Erst dann hätten Abfangjäger vom Typ F-16 eine der zwei Jets abgeschossen. "Niemand soll daran zweifeln, dass wir alles unternommen haben, um diesen jüngsten Vorfall zu vermeiden", sagt der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan.

Doch hielten sich die Türken an internationale Regeln? Die Nato nimmt dazu keine klare Position. "Wir stehen solidarisch zur Türkei und für die territoriale Integrität unseres Partners", sagte Nato-Generalsekretär Jens Stoltenberg mehrfach. Allerdings erklärte er auch, er erwarte von Ankara und Moskau "Gespräche" und "Deeskalation". Mit anderen Worten: Die Türkei und Russland sollen die Angelegenheit bilateral klären.

Übliches Prozedere - aber es fehlte die Eskalation

Tatsächlich gibt es keine für alle Nato-Mitglieder verbindlichen Regeln und Vorschriften für ein Vorgehen in dem Fall, dass ein fremdes Flugzeug den eigenen Luftraum betritt und Warnungen ignoriert. "Letztlich hat jedes Land nationale Regeln", sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums in Berlin. "Sobald ein Flugzeug unerlaubt in den Luftraum eines Nato-Staates fliegt, wird die sogenannte Alarmrotte [ein Verbund von zwei oder drei Abfangjägern, Anm. d. Red] aus dem Nato-Verbund gelöst und national geführt. Sie kümmert sich dann um die Angelegenheit."

Das türkische Vorgehen, den Eindringling anzusprechen und zum Kurswechsel aufzufordern, sei üblich, heißt es in Nato-Kreisen. "Aber dann sollte eine Eskalation erfolgen", sagt ein ranghoher Nato-Luftwaffenoffizier. "Das heißt, man sollte dem Angesprochenen klarmachen, dass er mit Konsequenzen zu rechnen hat, wenn er der Aufforderung nicht sofort Folge leistet." Idealerweise sollte zum Schluss kommuniziert werden, dass ein Abschuss bevorstehe. "Zum Beispiel kann man einen Abschuss ankündigen und dann einen Countdown abzählen." Allerdings hänge das einzelne Vorgehen von der jeweiligen Situation ab. Reagiere das angesprochene Flugzeug nicht oder zeige es sogar feindselige Absichten, müsse im Einzelfall anders gehandelt werden.

Fotostrecke

8  Bilder
Fotostrecke: Abschuss mit Folgen
Die russischen Piloten haben zwar nicht reagiert, waren aber erkennbar auf Kurs nach Syrien. Unklar bleibt, warum die türkische Luftwaffe darin eine Bedrohung sah, die den Abschuss rechtfertigte. Warum wurden die Eindringlinge nicht deutlich darauf hingewiesen, dass sie abgeschossen werden, wenn sie der Aufforderung zum Kurswechsel nicht Folge leisten? Und wer gab den Befehl zum Abschuss, wer trägt also konkret die Verantwortung dafür?

Diese Fragen hat weder das türkische Militär noch die Regierung in Ankara beantwortet. Bei der Nato heißt es dazu nur: "Solch ein Vorgehen liegt immer in nationaler Verantwortung."


Zusammengefasst: Um zu beweisen, dass die türkischen Piloten beim Abschuss der russischen Su-24 korrekt gehandelt haben, hat die Luftwaffe der Türkei Audiomitschnitte aus dem Cockpit veröffentlicht. Sie zeigen, dass die Maschine der Russen angefunkt wurde. Doch Nato-Offiziere sagen auch, dass eine Eskalation fehlte - es wurde nicht mit dem Abschuss gedroht.

Zum Autor
Janna Kazim
Hasnain Kazim ist Korrespondent von SPIEGEL ONLINE mit Sitz in Istanbul.

E-Mail: Hasnain_Kazim@spiegel.de

Der Autor auf Facebook

Mehr Artikel von Hasnain Kazim

Video: Putin bezeichnet Türken als Terrorhelfer

REUTERS


Mehr zum Thema:

  • Eine Chronologie der russisch-türkischen Eskalation lesen Sie hier.

  • Warum der IS die Spannungen zwischen Russland und der Türkei mit Genugtuung verfolgt, lesen Sie hier.

  • Mehr über die Pläne Russlands, das hochmoderne Flugabwehrsystem S-400-System nach Syrien zu verlegen, .


© SPIEGEL ONLINE 2015
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.