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Türkei und Armenien: Gescheiterte Fußballdiplomatie

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Türken und Armenier Bauer Gagiks erfrorene Hoffnung

Der letzte Abschnitt des Eisernen Vorhangs ist immer noch geschlossen - auch zwanzig Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion. Türken und Armenier können sich nicht auf die Öffnung ihrer Grenzen einigen, das verarmte Armenien verharrt in seiner Isolation.

Türkei

Bauer Gagik Awetisjan wartet auf den alten Feind, er ersehnt sein Kommen: die Ankunft der Türken. Der 58-jährige Bauer lebt in dem kleinen armenischen Städtchen Markara, im Schatten der Grenze zur . Wenn Awetisjan bei der Salaternte aufblickt, versperren ihm Stacheldraht und Wachtürme den Blick gen Westen: Hinter seinen Gemüsebeeten ist der Eiserne Vorhang nie gefallen.

Wie zu Zeiten der Armenischen Sozialistischen Sowjetrepublik sichern in Markara, 60 Kilometer südlich der armenischen Hauptstadt Eriwan, noch heute russische Truppen die Grenze zum Nato-Mitglied Türkei. "Ehre, Pflichterfüllung, Vaterland", die Losung von Moskaus Grenztruppen steht in kyrillischen Buchstaben über dem Tor der Kasernen gegenüber des Hauses von Bauer Gagik.

"Natürlich danken wir unseren russischen Brüdern für ihren Schutz", sagt Gagik, "aber wir wünschen uns die Öffnung der Schlagbäume." Dann kämen Transitverkehr, Handel und Arbeit nach Markara. "Die Türken und wir könnten Geschäfte machen, wir sind doch Nachbarn."

Awetisjan, die Haut gegerbt von der Arbeit im Freien und die Hände schwarz von der Erde seines kleinen Ackers, hat Elektriker gelernt. Doch es gibt keine Arbeit in Markara. Deshalb verkauft er Kartoffeln, Zwiebeln und Obst aus eigenem Anbau auf dem Markt, deshalb zieht es seine Kinder ins ferne Russland: Der Sohn verdingt sich als Gastarbeiter in Wolgograd, die Tochter studiert in St. Petersburg.

Armenien

ist arm. Die Wirtschaftskrise hat das Land schwer getroffen, 2009 schrumpfte die Wirtschaft um 14,4 Prozent. In der Hauptstadt Eriwan ragen nackte Rohbauten in den Himmel, in der Krise ist den Bauherren das Geld ausgegangen. Allein die Zuwendungen von Millionen im Ausland lebenden Armeniern sind um ein Viertel gesunken, die Überweisungen der Diaspora machen rund ein Fünftel der gesamten Wirtschaftsleistung des Landes aus.

"Fußballdiplomatie" sollte die Wende bringen

Armenien mit seinen drei Millionen Einwohnern leidet unter seiner extremen Isolation. Der Binnenstaat von der Größe Brandenburgs liegt eingekesselt im Kaukasus, umgeben von feindlich gesinnten Nachbarn: der Türkei im Westen und Aserbaidschan im Osten.

Staatschef Sersch Sargsjan hat deshalb eine vorsichtige Annäherung an die Türkei gewagt: 2008 lud er seinen türkischen Amtskollegen Abdullah Gül zu einem Fußballspiel nach Armenien ein, als die Nationalmannschaften beider Länder in Eriwan um die Qualifikation für die Weltmeisterschaft 2010 kämpften. Im April 2009 verkündeten beide Seiten dann, sie seien übereingekommen, die Normalisierung der politischen Beziehungen anzustreben: Am Ende der "Fußballdiplomatie" sollte die Öffnung der Grenzen stehen.

"Wir wollten die Feindschaft durchbrechen", sagte Präsident Sargsjan jüngst im Interview mit dem SPIEGEL. Sargsjan suchte einen politischen Erfolg. Seiner Wahl waren 2008 Massenproteste und blutige Zusammenstöße von Demonstranten und Staatsgewalt gefolgt, mehrere Menschen starben. Sargsjan wollte die außenpolitische Blockade Armeniens sprengen, es wäre auch für ihn persönlich ein Befreiungsschlag gewesen. 80 Prozent der rund 1000 armenischen Grenzkilometer sind heute geschlossen.

Vor zwanzig Jahren hat Armenien mit seinem östlichen Nachbarn Aserbaidschan einen blutigen Krieg ausgefochten, es ging um die Kontrolle von Berg-Karabach, einer Region, mehrheitlich von Armeniern bewohnt, die jedoch von Aserbaidschan beansprucht wurde. Wegen des Krieges schloss damals auch Bakus Mentor Türkei die Grenzen zu Armenien. Einzig die Überlandverbindungen über Georgien im Norden und Iran im Süden sind heute für Armenier passierbar.

Doch wie verletzlich diese Lebensadern sind, mussten die Armenier im August 2008 schmerzlich erfahren. Damals erreichten das Land wochenlang keine Lieferungen der wichtigsten Handelspartner Russland und Europa - weil Tiflis und Moskau im Norden Krieg miteinander führten. Der Warenaustausch mit dem Nachbarn Türkei ist bis heute spärlich. Nur selten finden Sattelschlepper mit türkischem Kennzeichen den Weg über die staubigen Kaukasuspässe Georgiens bis zum Eriwaner Zollterminal Dsjunik: Armenien handelt weit mehr mit dem fernen China als mit dem verfeindeten Nachbarn im Westen.

Dabei dürfte es auf absehbare Zeit bleiben, Sargsjans Initiative steht vor dem Scheitern.

"Diese Tragödie ist der Pfeiler unserer nationalen Identität"

Recep Tayyip Erdogan

Massenmord an den Armeniern

Vor allem der türkische Ministerpräsident gab sich zuletzt unversöhnlich - und drohte mit der Ausweisung Tausender in der Türkei lebender Armenier. Und noch immer leugnet die Türkei den . Zwischen 1915 und 1918 kamen laut Schätzungen von Historikern zwischen ein und zwei Millionen Armeniern im Osmanischen Reich ums Leben, sie starben bei Massakern und auf Todesmärschen.

Jedes Jahr am 24. April steigen Zehntausende Armenier mit Blumen in den Händen die Stufen zur Schwalbenfestung hinauf, einem der Hügel des fast 3000 Jahre alten Eriwan. Hier gedenkt Armenien seiner Toten. Zwölf Zacken aus Granit ragen dort schroff in den Himmel, eine für jede Provinz, aus denen die Armenier einst vertrieben wurden. Es ist die Grabkammer einer ganzen Nation, Gedenktafeln erinnern an verheerte Dörfer, zerstörte Kirchen, Schulen und Familien.

"Der größte Stein auf dem Weg der Türkei nach Europa", sagt Haik Demojan, "liegt hier auf diesem Hügel." Demojan, 34, graue Schläfen, Historiker und Enkel zweifach den Mördern entronnener Großeltern, leitet seit drei Jahren die nationale Genozid-Gedenkstätte. Rechts von seinem Schreibtisch ziert ein Foto der Stadtmauern von Ani die Wand seines Büros, vor 1000 Jahren war das die Hauptstadt eines armenischen Reiches. Heute ist es ein Ruinenfeld auf türkischem Staatsgebiet. Links schimmert der Berg Ararat durch das Fenster, Armeniens Nationalsymbol, ewig schneebedeckt und ewig unerreichbar hinter der Grenze.

Demojans Großmutter lockte den kleinen Jungen einst mit Naschwerk, setzte ihn auf ihren Schoß und erzählte Geschichten von Flucht, Vertreibung und Tod. Immer wieder von den Frauen, die sich in Scheunen versteckten, als die Häscher kamen. Immer wieder von dem verwüsteten Nachbardorf, dessen Tote der Schnee erst im Frühjahr freigab, an den Händen der Leichen noch die Fesseln.

Wenn die letzten Zeitzeugen der Massaker an den Armeniern bald für immer verstummen, dann muss Demojan der jungen Generation die Geschichten ihrer Vorfahren berichten. Er lässt jetzt ein Schulbuch entwickeln und einen Lehrplan für den Unterricht. "Denn diese Tragödie", sagt Demojan, "ist der Pfeiler unserer nationalen Identität."

Die Vergangenheit wirft lange Schatten. Die Türkei fürchtet armenische Forderungen nach Kompensation für das monströse Verbrechen, Forderungen nach Geld und verlorenen Territorien. "Niemals hat ein Repräsentant Armeniens territoriale Ansprüche erhoben", betont zwar Präsident Sargsjan. Doch in jedem armenischen Haus hängt ein Bild des verlorenen Ararat, träumen die Führer der nationalistischen Daschnaken-Partei öffentlich davon, "dass unsere Landsleute irgendwann auf frühere Territorien zurückkehren".

Selbst Obama kann Ankara nicht umstimmen

Die Türkei will die Grenzöffnung auch an Fortschritte in der Frage der umstrittenen Region Berg-Karabach knüpfen. Denn Ankara hat den Zorn seines Alliierten Aserbaidschan unterschätzt. Während im Oktober 2009 die Präsidenten der Türkei und Armeniens beim Rückspiel der Nationalmannschaften im türkischen Bursa berieten, brannten in Baku türkische Fahnen. Seither rudert Ankara zurück, aus Angst, den an Gas und Öl reichen Bündnispartner Aserbaidschan zu verprellen.

Selbst das Drängen von US-Präsident Barack Obama in der vergangenen Woche ließ die Türken kalt. Am Donnerstag hat nun auch die armenische Regierungskoalition Sargsjans Initiative auf Eis gelegt, weil sich die türkische Seite weigere, "das Abkommen in angemessener Zeit und ohne Vorbedingungen zu ratifizieren".

In Markara blickt Bauer Gagik Awetisjan bedrückt hinüber zu dem alten Zollhof, der hinter den Aprikosenbäumen langsam verfällt. Früh sind die Knospen der Obstbäume in diesem Jahr aufgesprungen, zu früh. In einem plötzlichen Nachtfrost sind die hellweißen Blüten erfroren. "Es ist wie mit all unseren Hoffnungen", sagt Gagik, "daraus wird nun nichts mehr werden."