Türkei Exil-Autorin Selek zu lebenslanger Haft verurteilt

Drei Mal wurde sie bereits freigesprochen, jetzt hat ein türkisches Gericht die Soziologin Pinar Selek zu lebenslanger Haft verurteilt. Die im Exil lebende Autorin soll angeblich an einem Bombenanschlag in Istanbul beteiligt gewesen sein. Kritiker des Verfahrens sprechen von einer "beispiellosen Prozessfarce".
Pinar Selek an der Universität in Straßburg: "Willkürurteil erster Güte"

Pinar Selek an der Universität in Straßburg: "Willkürurteil erster Güte"

Foto: FREDERICK FLORIN/ AFP

Straßburg/Istanbul - Es ist eine harte Strafe gegen die im Exil lebende Schriftstellerin Pinar Selek. Ein türkisches Gericht in Istanbul hat sie für schuldig befunden, das Urteil sieht lebenslange Haft vor. Die Entscheidung sei am Donnerstag nach mehrstündiger Verhandlung verkündet worden, berichteten türkische Fernsehsender.

Selek, die derzeit in Straßburg studiert, war bei der Urteilsverkündung nicht anwesend. Ihr wird vorgeworfen, als Anhängerin der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) an einem Sprengstoffanschlag auf den Gewürzbasar von Istanbul im Jahr 1998 beteiligt gewesen zu sein. Die Vorgänge sind heftig umstritten. Mehrere Gutachter erklärten, nicht eine Bombe, sondern ein Gasbehälter sei damals explodiert.

Bei der Explosion waren damals sieben Menschen tödlich verletzt worden, darunter mehrere Kinder. Die Autorin war festgenommen, als Bombenlegerin angeklagt und zweieinhalb Jahre inhaftiert worden. Nach eigenen Angaben wurde sie damals schwer misshandelt. Sie wurde 2000 aus der Haft entlassen und ging ins Ausland.

Dreimal - 2001, 2006 und 2011 - war Selek bereits freigesprochen worden. Dreimal hatte das Oberste Gericht diese Entscheidungen aber jeweils aufgehoben. Menschenrechtler sprechen von einem politisch motivierten Verfahren und Justizskandal. Selek beschäftigt sich seit Jahren mit der Kurdenproblematik, der Minderheitenpolitik und den Geschlechterrollen in der Türkei.

Am Donnerstag gab es am Rande des Prozesses in Istanbul erneut Proteste gegen das Verfahren. Der deutsche Journalist und Autor Günter Wallraff, der als Beobachter angereist war, kritisierte die Entscheidung als "Willkürurteil erster Güte". Bei der Urteilsverkündung beschimpften einige Zuschauer die Richter als "Faschisten".

Auch der Schriftstellerverband PEN-Zentrum Deutschland sprach von einer "beispiellosen Prozessfarce". "Derselbe Richter, der Pinar Selek dreimal freigesprochen hat", habe nun die "definitive Aufhebung des Freispruchs" bestätigt. Laut PEN-Zentrum geht das Urteil nun zur Bestätigung erneut an das Oberste Berufungsgericht.

heb/dpa/AFP