Türkische Offensive in Nordsyrien Flucht ins Ungewisse

100.000 Menschen sind in Nordsyrien auf der Flucht vor den Truppen Erdogans. Einige gingen in letzter Minute - weil sie nicht wussten, wohin. Ein Besuch bei zwei Familien, die es gerade noch geschafft haben.

Alice Martins/ DER SPIEGEL

Aus Hasaka / Nordsyrien berichten und Alice Martins (Fotos)


Erst als die Erde bebte, beschloss Shiar Bakr-Awni zu gehen. Seine Frau hatte schon seit Dienstag die Taschen gepackt und die drei Kinder gewarnt, dass sie ihr Zuhause vielleicht verlassen müssten. Doch Bakr-Awni wartete bis zum letzten Moment, bevor er mit seiner Familie floh. "Wir wussten ja nicht, wohin", sagt er.

Bakr-Awni steht in einem leeren Klassenraum, der nun sein Zuhause ist: Steinboden, fleckige Wände, eine Tafel, die vor Kurzem noch benutzt wurde. Seit heute lebt er mit seiner Familie in diesem Zimmer. Für wie lange, weiß niemand.

Der 24-Jährige stammt aus Ras al-Ain, einer Stadt an der syrisch-türkischen Grenze. Seit Mittwochnachmittag fliegt die türkische Armee hier Luftangriffe, Bodentruppen haben die Grenze überquert. Die Offensive richtet sich gegen die Kurdenmiliz YPG, die ein großes Gebiet in Nordsyrien, an der Grenze zur Türkei, kontrolliert. Ankara sieht sie als Terroristen an und möchte eine "Sicherheitszone" errichten, in der die Kämpfer keinen Einfluss mehr haben.

Doch die Kämpfe treffen auch Zivilisten. Sie haben die Zivilbevölkerung in Panik versetzt - und eine Massenflucht ausgelöst. Schätzungen zufolge sollen 100.000 Menschen aus Städten aus dem Grenzgebiet vertrieben worden sein. Wer konnte, flüchtete ins Landesinnere. Doch nicht alle haben Verwandte oder Freunde bei denen sie unterkommen können.

Bakr-Awni sagt, seine Familie sei aus Ras al-Ain. Er kenne niemanden in anderen Städten. Während viele Einwohner schon am Dienstag die Stadt verließen, blieb Bakr-Awni. "Ich habe gehofft, dass die Amerikaner uns helfen", erzählt er. Doch niemand kam. Als er am Mittwoch die ersten Einschläge hörte, beschloss Bakr-Awni zu gehen.

Sie fuhren ohne Ziel, nur weg

Sie quetschten sich zu fünft auf ein Motorrad und fuhren los, ohne Ziel, nur weg von der Grenze. Irgendwann wurde es dunkel, und als sie glaubten, weit genug entfernt zu sein, breiteten sie auf einem Feld eine Decke aus und legten sich schlafen. So erzählt es Bakr-Awni.

Am nächsten Morgen überlegte er zurückzukehren. "Wir dachten, vielleicht ist der Krieg wieder vorbei." Doch als sie den Rauch in der Ferne sahen, wussten sie, dass sie nicht in ihr Haus zurückkonnten. Die Familie verbrachte eine weitere Nacht auf dem Feld, bevor sie am Freitag die Stadt Hasaka erreichte. Sie liegt außerhalb der von der Türkei angestrebten "Sicherheitszone", weshalb viele Flüchtlinge sich hierher retteten.

Die Stadtverwaltung hat Schulen bereitgestellt, wo die Familien auf dünnen Matratzen schlafen. Überall in dem Gebäude sitzen Menschen auf dem Boden, einige haben Herdplatten mitgebracht und aufgestellt. Doch die meisten kamen nur mit wenig Kleidung an. Auch Bakr-Awni konnte kaum etwas mitnehmen.

Drei ihrer Kinder kämpften gegen den IS

Ein Stockwerk höher hat Amina Osman-Hawas mit ihrer Familie ein Zimmer bezogen. Die 45-Jährige floh aus Tall Abjad, wo sich schon zu Beginn der Woche türkische Truppen in Stellung gebracht hatten. Osman-Hawas floh am Dienstag zunächst in ein nahe gelegenes Dorf, doch die Luftangriffe der türkischen Armee, sagt sie, hätten sie eingeholt. "Bumm, bumm", ruft sie, um die Einschläge zu demonstrieren.

Osman-Hawas ist an diesem Freitag, zwei Tage nach Beginn der Militäroffensive, den Tränen nahe. Die Amerikaner haben uns verraten!", ruft sie immer wieder. "Sie haben uns verraten!" Der Angriff der Türkei war möglich geworden, weil die USA ihre Truppen aus dem Grenzgebiet zurückgezogen hatten. Dabei hatten amerikanische Streitkräfte bis vor Kurzem noch eng mit den kurdischen Milizen zusammengearbeitet. Nur mit ihrer Hilfe war es möglich geworden, den sogenannten Islamischen Staat zu zerschlagen.

Drei ihrer Kinder, erzählt Osman-Hawas, hätten gegen den "Islamischen Staat" gekämpft. Nun kämpfen sie im Norden Syriens gegen die türkischen Truppen. "Die Amerikaner haben uns nur benutzt, um den IS loszuwerden", sagt Osman-Hawas. "Nun lassen sie uns allein."

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Wann und ob Osman-Hawas in ihr Haus zurückkehren kann, ist unklar. Ras al-Ain und Tall Abjad sollen von türkischen Truppen umzingelt sein, doch es dringen kaum Informationen aus den Städten. Und auch Städte, die nicht unmittelbar in dem "Sicherheitskorridor" liegen, stehen vereinzelt unter Beschuss. Am Donnerstagnachmittag starb in der Großstadt Kamischli ein Junge namens Mohammed, als er kurz auf die Straße trat: Vor dem Haus war eine Granate eingeschlagen. Seine Schwester Sarah, die etwas weiter weg stand, verlor bei dem Angriff ein Bein.

Sie liegt im Krankenhaus von Kamischli und weiß noch nicht, dass ihr Bruder tot ist. Ihr Großvater hat ihr am Freitagmorgen ihren Stoffbären gebracht, nun sitzt der 63-Jährige an ihrem Krankenbett. "Wir hoffen, dass der Krieg bald enden wird", sagt er. "Aber wir wissen nicht, wann. Wissen Sie es?"

insgesamt 36 Beiträge
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town621903 11.10.2019
1. Und es wurde nachgedacht, die Türkei in die EU zu lassen
Was für ein Glück. Dies sollte eine Mahnung an EU Politiker sein: Ein Land sollte in die EU, wenn es den Standard entspricht, nicht wenn es vorgibt, sich dahin entwickeln zu wollen.
vliege 11.10.2019
2. Verrat
Damit haben die Kurden in Ihrer Geschichte leidvolle Erfahrungen gemacht. Erdogan nimmt mit Flüchtlingen als Faustpfand die gesamte Region und auch die EU in den Würgegriff und erpresst wie es ihm gefällt. Von der zahnlosen Nato erwartet er unverfroren Solidarität. Diese ist obsolet wenn sie Ihren Pflichten nicht nachkommt. Statt dessen nur Lippenbekenntnisse und Mahnung zur Zurückhaltung von Stoltenberg. Von der Bundesregierung nichts außer Schweigen und Randnotizen über Twitter. Es ist eine Schande das die eher weltlich und westlich eingestellten stets loyalen Verbündeten Kurden so von der Politik im Stich gelassen werden. Es waren nicht die Syrische Armee oder die Abertausenden jungen Männer Syriens die geflohen sind anstatt ihr Land zu verteidigen, sondern hauptsächlich Kurden die den IS im blutigen Häuserkämpfen besiegten.
Martinb58 11.10.2019
3.
Let's get this straight: Erdogan erpresst Europa mit den Asylanten. Europa zahlt Millionen oder Milliarden dafuer. Fuer dieses Geld kauft Erdogan Waffen in Europa und vor allem in Deutschland um damit seine Kriege zu fuehren wie jetzt in Nord-Syrien. Herzlichen Glueckwunsch an die Deutsche Regierung.
kulinux 11.10.2019
4. Wie wär's mal mit eindeutigen Worten?
Erdogans "Offensive" ist ein völkerrechtswidriger Angriffskrieg*, der vom Nürnberger Tribunal 1945/46 zum schlimmsten aller Kriegsverbrechen erklärt wurde, weil er Voraussetzung und Ursache aller weiteren ist. Die damals ausgesprochenen Strafen sind bekannt. Wann wird E. vor dem Internationalen Gerichtshof angeklagt? *PS: Ebenso wie der Angriffskrieg gegen Jugoslawien 1999… und bekanntlich war das Schröder und Konsorten auch bewusst. Ein Glück, dass ein deutsches Gericht entschieden hat, dass zwar "die Vorbereitung eines Angriffskrieges" gegen das Grundgesetz verstößt … aber nicht die Durchführung! Nicht wahr? "Glück gehabt". Deshalb müssen wir uns wohl auch nicht wundern, wenn die deutsche Regierung sich nicht schärfer gegen E. ausspricht oder sein Handeln verurteilt. (Naja, käme auch schlecht rüber, weil man ja selbst durch Beteiligung am Syrienkrieg vergleichbare Schuld auf sich geladen hat.)
levitenknaller 11.10.2019
5. Anscheinend
gibt es wenig Fortschritt in dieser "Menscheit", immer wieder dieselbe Routine.... Kann man sich nur fragen warum. Immer wieder klimmen dieselben Idioten an die Spitze und halten sich dort, ungeachtet der Dummheiten die sie vollbringen. Brauchen Aliens, die sich in deren Schlafzimmer beamen und die ganzen Typen mal kräftig durchhauen, wenn sie Unfug treiben. Würde nicht lange dauern, bis sich dann was ändert....
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