Türkischer Präsidentschaftskandidat Gül Erdogans Alter Ego

Ein geschickter Schachzug: Weil dem türkischen Premier Erdogan heftiger Protest entgegenschlug, lässt er seinen Außenminister für das Amt des Präsidenten kandidieren. Mit dem Verzicht zu Gunsten seines Vertrauten besänftigt Erdogan seine Gegner - und baut seine Macht aus.


Istanbul - Der Mann mit dem verbindlichen Lächeln ist schon jetzt das Gesicht der Türkei: Abdullah Gül, 56, dient dem türkischen Staat seit vier Jahren als Außenminister. Umsichtig, unaufgeregt und verlässlich versieht er sein Amt, für große Schlagzeilen hat er dabei nie gesorgt. Vermutlich ist es das, was den Handwerkersohn und promovierten Volkswirtschaftler nun dazu prädestiniert, anstelle von Premier Recep Tayyip Erdogan als Präsidentschaftskandidat der regierenden Partei für "Gerechtigkeit und Entwicklung" (AKP) anzutreten.

Gül, Erdogan: Trumpf am Ärmel
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Gül, Erdogan: Trumpf am Ärmel

Anders als Erdogan ist Gül keine Reizfigur. Er provoziert nicht und lässt sich nicht provozieren. "Gül lächelt sogar noch, wenn er wütend ist", beschrieb kürzlich eine türkische Zeitung den Kandidaten. Allerdings dürfe man sich von seinem sanften Auftreten nicht täuschen lassen: "Nach innen ist er durchaus hart."

Bis zum letzten Moment hatte Erdogan seinen Trumpf im Ärmel gehalten. Morgen läuft die Frist für die Anmeldung der Kandidaten ab. Weil die AKP so lange mit ihrer Offenbarung zögerte, waren die Präsidentschaftswahlen schon zum großen politischen Rätselraten geworden, an dem sich bald die ganze Republik beteiligte. Geschickt hatten AKP-Kreise in den vergangenen Tagen falsche Fährten gelegt, vielleicht werde es eine Frau, hieß es, oder Verteidigungsminister Vecdi Gönül, der halbwegs taugliche Beziehungen zur Armee aufzuweisen hätte.

Bis zum Schluss hielten es die Medien für möglich, dass Erdogan selbst seinen Anspruch auf das höchste Staatsamt anmelden könnte. Türkische Journalisten, die ihn kürzlich auf seinem Flug zur Hannover-Messe begleitet hatten, meinten gar aus seiner Körpersprache abzulesen, "dass er die Präsidentschaft will". Nun hat er sie doch verblüfft.

Gül ist Erdogans Alter Ego

Abdullah Gül ist Erdogans engster politischer Weggefährte, er ist derjenige, dem er wohl am meisten vertraut, auf den er sich unbedingt verlässt. Gül ist sozusagen sein Alter Ego, sein zweites Ich. Ein reibungsloses Zusammenspiel zwischen Regierungschef und Präsident ist damit künftig garantiert.

Gül und Erdogan begründeten gemeinsam die konservativ-islamische AKP als säkular geläuterte Alternative ehemaliger Islamisten. Schon einmal, als die AKP 2002 die Wahl gewann und Erdogan wegen einer früheren Gefängnisstrafe noch mit politischem Bann belegt war, sprang der sympathische Gül für ihn ein und fungierte vorübergehend als Ministerpräsident, bis Erdogan wieder wählbar war.

Der Schachzug ist geschickt: Indem Erdogan nun offenkundig verzichtet, gibt er den politischen Gegnern das Gefühl, er habe ein Zugeständnis gemacht und Güls Kandidatur sei ein Kompromiss. Dabei unterscheiden sich die Positionen des Außenministers keineswegs von denen Erdogans. Beide wollen die Türkei nach Europa bringen und haben dafür im Parlament und auch in ihrer eigenen Partei tiefgreifende Reformen durchgesetzt. Auf der diplomatischen Bühne wird Gül geschätzt. Selbst links-alternative Europa-Politiker wie der Grünen-Abgeordnete und Türkeikenner Joost Lagendijk schätzen den konservativen Türken als "großen Reformer". Die Wahl Güls sei "sensibel und klug", lobte Lagendijk.

Er ist nicht aufbrausend und reizbar wie sein Freund Erdogan. Dennoch reagiert auch Gül bisweilen empfindlich und nationalstolz, wenn er sich von Europa zurückgewiesen fühlt. So boykottierte er kürzlich das EU-Außenministertreffen in Bremen, um seinen Unmut über die Nichteinladung der Türkei zum EU-Jubiläum in Berlin zu zeigen. "Wir werden dem skeptischen Westen beweisen, dass ein muslimisches Land demokratisch und transparent regiert werden kann", sagte er einmal im Ringen um den Start zum Beitrittsprozess mit der EU.



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