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Türkischer Premier Erdogan Krankheit mit politischen Komplikationen

Der Eingriff war Routine, doch dann blieb Recep Tayyip Erdogan länger zu Hause als geplant. Immer heftiger wird spekuliert, ob der türkische Premier ernsthaft erkrankt ist. Ohne den Chef bräche nicht nur in der Regierungspartei AKP das Chaos aus.
Von Jürgen Gottschlich
Türkischer Ministerpräsident Erdogan: "Kein Anlass zur Besorgnis"

Türkischer Ministerpräsident Erdogan: "Kein Anlass zur Besorgnis"

Foto: AP

çZunächst sah alles nach reiner Routine aus. Am 26. November, einem Samstag, wurde Recep Tayyip Erdogan (57) zu einer wie es hieß, "kleinen Operation", in die Uni-Klinik der Marmara Universität in Pendik eingeliefert. Eine Darmspiegelung sollte gemacht werden, bei der dann aber gleich einige Polypen entfernt wurden. Der türkische Premier blieb das Wochenende über in der Klinik und wurde anschließend nach Hause entlassen, wo er sich noch ein wenig erholen sollte.

Doch aus den zwei, drei Tagen Rekonvaleszenz in seinem Istanbuler Haus sind mittlerweile zwei Wochen geworden, und ein Ende ist nicht abzusehen. Erdogan hat bereits drei wöchentlich stattfindende Kabinettssitzungen versäumt und konnte wichtige Termine nicht wahrnehmen, die er normalerweise auf keinen Fall ausgelassen hätte. So verpasste er einen internationalen weltweiten Unternehmerkongress, den US-Präsident Obama letztes Jahr ins Leben gerufen hatte und zu dem extra Vize-Präsident Joe Biden nach Istanbul gekommen war. Biden besuchte ihn dann in seinem Privathaus, vielleicht auch, um sich selbst ein Bild davon zu machen, wie es Erdogan geht.

Erst vor zwei Tagen musste auch der Emir von Katar im Wohnzimmer Erdogans Platz nehmen, weil der Premier sein Haus einfach nicht verlassen kann. Das alles soll durch einen einfachen Eingriff zur Entfernung einiger Darmpolypen verursacht worden sein? In Politik und Medien begannen Gerüchte die Runde zu machen, dass es doch wohl um mehr gehen müsse, wenn ein so disziplinierter Arbeiter wie Erdogan plötzlich die Zügel schleifen lässt.

Plötzlich war das hässliche Wort "Krebs" in Umlauf. Hatten die Ergebnisse der Untersuchung etwa gezeigt, dass die Polypen bösartig sind?

Erste politische Komplikationen

Weil aus dem Büro des Ministerpräsidenten keine Klarheit geschaffen wurde, fanden die Spekulationen bereits einen ersten politischen Niederschlag. Auf Anweisung Erdogans hatte die regierende AKP-Fraktion vor einigen Wochen einen Gesetzentwurf vorgelegt, der das Strafmaß für Korruption im Sport drastisch reduzieren würde. Hintergrund ist ein großer Korruptionsfall im türkischen Fußball.

Mehr als 90 Fußballfunktionäre, Trainer und Spieler, darunter der ehemals einflussreiche Vereinsboss des Traditionsvereins Fenerbahçe Istanbul, Aziz Yildirim, sind angeklagt, insgesamt 19 Partien der "Süperlig", also der ersten Liga des türkischen Fußballs, verschoben zu haben. Nach dem bisherigen Gesetz drohen dafür Strafen bis zu maximal zwölf Jahren Haft. Nach dem neuen Gesetz soll das Strafmaß auf maximal drei Jahre reduziert werden. Alle Parteien im Parlament, anfangs sogar die kurdische BDP, waren dafür. Doch erstmals seit seiner Wahl zum Staatspräsidenten 2007 stellte sich der enge Weggefährte von Erdogan, Abdullah Gül, quer. Er weigerte sich, das Gesetz zu unterzeichnen und schickte es ans Parlament zurück.

Wäre Erdogan an seinem Schreibtisch gewesen, hätte sich der Kasus schnell erledigt. Das Gesetz wäre mit der dafür erforderlichen qualifizierten Mehrheit erneut abgestimmt und an Gül zurückgeschickt worden. Dann hätte Gül unterschreiben müssen. Doch plötzlich entdeckten etliche AKP-Abgeordnete, dass ja vielleicht doch der Präsident und nicht der Premier recht haben könnte. Es gab ein wirres Hin und Her, die Opposition, die an dem Gesetz festhalten wollte, wusste nicht mehr ob sie sich auf die AKP verlassen konnte.

In Ankara machte sich plötzlich so etwas wie eine Post-Erdogan Stimmung breit. "Die Kakophonie innerhalb der AKP", schrieb der regierungskritische Kolumnist Yusuf Kanli in der "Daily News", "zeigt in aller Bitterkeit, dass der einzige Leim, der die Partei zusammenhält, Ministerpräsident Erdogan ist. Ist er nicht da, löst sich alles in Luft auf".

Erdogan schlug die Rebellion per Telefon nieder

Um dieser Gefahr entgegenzutreten, musste gestern erstmals Erdogans Arzt Mehmet Füzün vor die Kameras, um zu versichern, dass alles gut ist. "Der Ministerpräsident" sagte er, "hat ganz sicher keinen Krebs". Damit die Nation das auch wirklich glaubt, lud Präsident Abdullah Gül während einer Reise nach Wien die ihn begleitenden Journalisten zu einem Gespräch in den Konferenzraum der Präsidentenmaschine und versicherte ebenfalls: "Die Befunde des Ministerpräsidenten sind sauber. Es gibt keinen Anlass zur Besorgnis".

Vom Krankenbett aus schlug Erdogan per Telefon die Rebellion seiner Truppe nieder und sorgte dafür, dass das Strafreduktionsgesetz für die bedrängten Fußballer und Vereinsbosse wie geplant erneut durchs Parlament ging. Gül signalisierte ebenfalls, dass er es wie vorgesehen nun auch unterschreiben würde.

Doch das Unbehagen bleibt. Die Teilnahme Erdogans an dem großen Treffen der von ihm und seinem früheren spanischen Kollegen Zapatero einst ins Leben gerufenen "Allianz der Zivilisationen", vom 11.- 13. Dezember in Katars Hauptstadt Doha, ist bereits abgesagt. Selbst eine Rede des Ministerpräsidenten vor dem "Verband internationaler Investoren" am 15. Dezember in Istanbul ist bislang von seinem Büro nicht bestätigt worden.

Das Chaos innerhalb der AKP und erste Anzeichen kommender Diadochenkämpfe lassen viele in der Türkei Schlimmes für die Zeit ohne Erdogan befürchten. "Deshalb", schreibt Yusuf Kanli, ein ausgewiesener Kritiker des "autokratischen Ministerpräsidenten", "hoffen selbst hartgesottene Opponenten Erdogans, dass der Chef bald wieder gesund wird. Ich selbst sende ihm meine besten Wünsche für ein schnelle Genesung".