Ansar al-Scharia Dschihadisten machen gegen Tunesiens Regierung mobil

Tunesiens islamistischer Regierung droht Gefahr durch Extremisten: Immer häufiger kommt es zu bewaffneten Zusammenstößen mit Dschihadisten. Nun verbietet Tunis ihnen ihre Jahresversammlung. Doch die Radikalen wollen trotzdem mobil machen - und drohen mit Gewalt.
Saifeddine Rais: Trotz Verbot soll das Jahrestreffen von Ansar al-Scharia stattfinden

Saifeddine Rais: Trotz Verbot soll das Jahrestreffen von Ansar al-Scharia stattfinden

Foto: AP/dpa

Tunis/Berlin - Wie stark die Radikalislamisten inzwischen in Tunesien geworden sind, beweist Abu Ajad mit jedem Tag, den er weiterhin auf freiem Fuß ist. Eigentlich wird der 43-Jährige mit dem graumelierten Vollbart seit September 2012 von der tunesischen Polizei gesucht. Ihm wird vorgeworfen, hinter dem Angriff auf die US-Botschaft in Tunis zu stecken.

Schon lange steht Abu Ajad im Kontakt mit al-Qaida. In den neunziger Jahren war er einer der Köpfe hinter einer Qaida-Zelle in London, wo er politisches Exil beantragt hatte. Seit 2002 steht er auf einer Terrorliste der Uno als Chef einer Tunesier-Miliz, die Kämpfer in afghanische Qaida-Trainingslager schleuste.

Dennoch lebt Abu Ajad, der eigentlich Saif Allah Ben Hassin heißt, unbehelligt in Tunis. Er gibt Interviews, predigt in einer Moschee mitten in der Hauptstadt und zeigt sich in einem Viertel, in dem die Ansar al-Scharia besonders stark ist. Er ist eines der prominentesten Gesichter des Salafistenbündnisses.

"Wir hätten ihn beinahe festgenommen, als er vor einigen Monaten in der Fatah-Moschee in Tunis war", sagte Tunesiens Innenminister Ali Larayedh jüngst im Interview mit "Le Monde". "Aber dann haben wir es für nicht ratsam gehalten, weil viele Gläubige bei ihm waren und es rundherum Läden und Passanten gab." Klarer hätte der Innenminister das Einknicken seiner Regierung vor den Radikalen kaum benennen können.

Das Auswärtige Amt rät von Reisen in die Salafisten-Hochburg ab

Für Tunesiens Regierung, die von Islamisten der Ennahda-Partei geführt wird, werden die Radikalen zunehmend zum Problem. Ennahda wird heftig von Tunesiens Liberalen angegriffen. Da will man es sich nicht auch noch mit den erzkonservativen Religiösen verscherzen, die teils zur eigenen Wählerbasis gehören. Vor dem missionarischen Eifer gewaltbereiter Radikaler hat man bisher die Augen verschlossen.

Inzwischen scheint bei manchen in Tunis ein allmähliches Umdenken einzusetzen. In den vergangenen Wochen hat die Regierung eine große Militäroffensive gegen Dschihadisten in den Bergen an der Grenze nach Algerien gestartet.

Nun verbietet Tunis erstmals das seit der Revolution 2011 etablierte Jahrestreffen von Ansar al-Scharia, das am Sonntag in der Stadt Kairouan stattfinden sollte. Das tunesische Innenministerium begründet das Verbot damit, dass Ansar al-Scharia zu Gewalt gegen den Staat aufgerufen habe und eine "Gefahr für die öffentliche Sicherheit" darstelle.

Im vergangenen Jahr nahm Abu Ajad als einer der Stars an dem Treffen teil. Über 5000 Salafisten versammelten sich im Mai 2012 unter dem schwarzen Banner von al-Qaida und riefen "Obama, Obama, wir sind alle Osama" in Anspielung auf den von den USA getöteten Bin Laden.

Der Sonntag könnte nun zur Machtprobe zwischen den Radikalen und der Regierung werden. Denn Ansar al-Scharia will trotz des Verbotes an dem Treffen festhalten.

"Wir fragen die Regierung nicht um Erlaubnis, wenn wir das Wort Gottes predigen wollen, und wir warnen vor jedem Polizeieinsatz, der unsere Konferenz verhindern soll", sagte Saifeddine Rais, ein Sprecher der Gruppe am Donnerstag. Wenn es zu Gewalt käme, sei allein der Staat daran schuld.

Wegen der drohenden Konfrontation rät das Auswärtige Amt von Reisen am Wochenende nach Kairouan ab.

Mehrere Faktoren begünstigen den Aufstieg der tunesischen Dschihadisten

Die erzkonservativen Salafisten haben seit der Revolution einen rasanten Aufstieg hinter sich. Besorgniserregend ist vor allem, dass ihr gewaltbereiter Teil, die Dschihadisten, an Bedeutung gewinnen. Ihnen wird der Mord an dem Oppositionspolitiker Chokri Belaïd zugeschrieben, der Tunesien schockierte. Mancherorts haben sich salafistische Milizen formiert. Zunehmend brutal werden die Zusammenstöße zwischen Polizisten und Radikalen ausgetragen.

Tunesiens gewaltbereite Radikale haben seit dem Sturz des früheren Diktators Zine el-Abidine Ben Ali von mehreren Faktoren profitieren können, wie der Nordafrika-Experte Hanspeter Mattes des Giga-Instituts in einer neuen Analyse  und die Politik-Beratung "International Crisis Group" in einem neuen Bericht  erklären.

Die immer dramatischere Wirtschaftskrise und das Sicherheitsvakuum nach dem Machtwechsel haben den Radikalen geholfen, ihren Einfluss auszuweiten und zu festigen. Im Zuge des Libyen- und des Mali-Krieges sind weitere Dschihadisten und Waffen in das Land gekommen.

Gefahr droht Tunesien auch aus Syrien. Dort gehören die tunesischen Kämpfer zu den größten Ausländergruppen. Viele von ihnen dürften mit Kampferfahrung und neuen Kontakten wieder zurückkehren. So wie auch Abu Ajad, der einst in Afghanistan mit Unterstützung von Osama Bin Laden sein Handwerk perfektionierte.

Ob Abu Ajad sich auch dieses Jahr in Kairouan zeigen wird, bleibt abzuwarten. Vor wenigen Tagen hat er bereits auf der Webseite von Ansar al-Scharia seine bisher schärfste Drohung an Tunis ausgesprochen und die islamistischen Kabinettsmitglieder als "Tyrannen" bezeichnet. "Die jungen Leute, die ihren Mut, den Islam zu verteidigen, in Afghanistan, Tschetschenien, im Irak, Somalia und Syrien bewiesen haben, werden nicht davor zurückschrecken, sich für ihre Religion in Kairouan zu opfern", warnte er dort.