Fakten zum Anschlag in Tunis Tunesische Regierung bestätigt islamistischen Hintergrund

Wer ist verantwortlich für das Blutbad in Tunis mit mehr als 20 Toten? Die tunesische Regierung spricht von einem islamistischen Hintergrund. Ob es der "Islamische Staat" war, ist unklar. Was man bislang über den Anschlag weiß - und was nicht.


Der Überfall auf das Nationalmuseum der Hauptstadt mit vielen Toten war das schwerste Attentat seit mehr als einem Jahrzehnt in Tunesien. Ein Überblick über Fakten und Unklarheiten:

Was bisher bekannt ist

  • Der Tathergang: Im Bardo-Museum erschossen Bewaffnete am Mittwoch, zwei Tage vor Tunesiens Nationalfeiertag, 21 Menschen, darunter 18 Ausländer. Andere Quellen berichten sogar von 20 erschossenen Touristen und bis zu 23 Toten insgesamt. 47 Menschen wurden verletzt. Die Angreifer trugen Kampfuniformen und Sturmgewehre und hatten sich dem Museum mit einem Fahrzeug genähert. Zunächst feuerten sie auf Touristen, die gerade aus Reisebussen ausstiegen. Später drangen sie in das Gebäude ein und versuchten, Geiseln zu nehmen. Dort wurden sie von Sicherheitskräften erschossen. (Hier finden Sie den Überblick.)

  • Die Täter: Die getöteten Schützen sind inzwischen identifiziert. Wie die Behörden am Donnerstag mitteilten, war einer der beiden Tunesier dem Geheimdienst bekannt. Allerdings habe gegen ihn kein konkreter Verdacht bestanden. Die Regierung bestätigte, dass es sich um Islamisten handele: Die Täter seien in Moscheen in Tunesien angeworben und dann in einem Dschihadistenlager in Libyen ausgebildet worden. Nach Unterstützern des Duos wird derzeit noch gefahndet, am Donnerstag wurden neun Verdächtige festgenommen.

  • Die Reaktionen: Tausende Menschen haben sich in Tunesien zu spontanen Demonstrationen versammelt, um gegen die Gewalt zu protestieren. Die Führung des Landes kündigte einen "gnadenlosen" Kampf gegen den Terror an. Unter anderem die USA, die EU, Frankreich und Deutschland verurteilten den Angriff auf das Schärfste. Die Bundesregierung erklärte, die Attacke habe "ohne Zweifel der jungen tunesischen Demokratie" gegolten. Der Uno-Sicherheitsrat forderte, dass die Verantwortlichen der "unbeschreiblichen Terrorakte" sowie deren Geldgeber zur Rechenschaft gezogen werden.


Was bisher noch offen ist

  • Aus welchen Ländern stammten die Opfer? Einen Tag nach dem Anschlag ist die Herkunft der getöteten Touristen noch nicht eindeutig geklärt. Unter den Opfern sind laut dem Gesundheitsministerium drei Japaner, zwei Franzosen, zwei Spanier, ein Kolumbianer, ein Australier, eine Britin, eine Belgierin, ein Pole sowie ein Italiener. Allerdings widersprechen sich die Angaben teilweise. Noch sind offenbar mindestens sieben Opfer nicht identifiziert. Für die Meldung der tunesischen Regierung, dass auch ein Deutscher unter den Toten ist, gibt es keine Bestätigung der Bundesregierung. Zwei Spanier überlebten die Attacke in einem Versteck - und wurden erst am Donnerstag entdeckt.

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Geiselnahme in Tunesien: Neun Verdächtige festgenommen

  • Wer sind die Hintermänner? Bisher hat sich noch keine Organisation zum Anschlag auf das Museum bekannt. Auf Twitter feierten zwar Anhänger des "Islamischen Staates" (IS) die Tat. Offenbar gibt es auch eine Audioaufnahme, auf der der IS die Verantwortung übernimmt. In der am Donnerstag im Internet verbreiteten Botschaft wurden die Angreifer als "Ritter des Islamischen Staates" gewürdigt. Zunächst stand auch al-Qaida unter Verdacht - die Terrororganisation hatte erst kürzlich zu Anschlägen in Tunesien aufgerufen.

  • Was ist das genaue Motiv? Beide Terrorgruppen konkurrieren auch in Nordafrika um Anhänger. In der Logik der Radikalen ist es möglich, dass diese Rivalität unter den Dschihadisten in Tunesien bei dem Anschlag eine Rolle gespielt hat: Beide Gruppen könnten versucht haben, sich als besonders "effizient" für neue Anhänger darzustellen. Außerdem wurde erst vor wenigen Tagen der tunesische IS-Anführer Abu Zakariya al-Tunisi von staatlichen Truppen in Libyen getötet. Über eine Verbindung zu den Schüssen vom Mittwoch wird in den tunesischen Medien spekuliert.

  • Was sind die Folgen für den Tourismus? Fast eine halbe Million Deutsche haben im vergangenen Jahr ihren Urlaub in Tunesien verbracht, beinahe wieder so viele wie vor den Aufständen von 2011. Dazu kommen Millionen Reisende aus anderen Ländern. Dass die Attentäter nun ausgerechnet Touristen angegriffen haben, dürfte der wichtigen Reisebranche zusetzen. Als erste Reaktion hat die italienische Reederei Costa Crociere die tunesische Hauptstadt vorerst aus dem Programm genommen. Offenbar befinden sich zahlreiche Passagiere des Unternehmens unter den Opfern.

  • Was bedeutet der Anschlag für die Sicherheitslage im Land? Schon vor dem Anschlag gab es Hinweise auf eine wachsende Terrorgefahr. "Seit Ende 2012 ist auch in Tunesien Dschihadismus ein manifestes Problem", warnte vor Kurzem die Stiftung Wissenschaft und Politik, ein außenpolitischer Thinktank in Berlin. Die Sicherheitsprobleme würden bereits die Demokratisierung in dem Land gefährden. Ein politischer Umbruch, die schlechte Wirtschaftslage und die instabilen Nachbarländer (vor allem Libyen) verschärfen die Lage zusätzlich. Aktivisten sorgen sich nun um die Grundrechte im Land. Sollten die Sicherheitsbehörden härter vorgehen, so ihre Befürchtung, könnte dies die Errungenschaften des Arabischen Frühlings zunichte machen.

jok/dpa/Reuters/AP/AFP

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