Gerichtstermin in Tunesien Femen entschuldigen sich für Oben-ohne-Protest

Die in Tunesien inhaftierten Femen-Mitglieder hoffen auf eine Reduzierung ihrer Haftstrafe - und haben sich vor einem Gericht für ihren barbusigen Protest vor dem Justizpalast in Tunis entschuldigt. Man werde es "bestimmt nicht wieder tun".

AFP

Tunis - Vier Monate Haft - so lautete Anfang Juni das überraschend harte Urteil eines tunesischen Gerichts gegen drei Mitglieder der Frauenrechtsgruppe Femen. Nun wollen die inhaftierten Frauen eine Reduzierung der Haftstrafe erreichen. Entsprechend zahm gaben sie sich beim Berufungstermin am Mittwoch.

"Ich bedauere die Tat und entschuldige mich", sagte die Deutsche Josephine Witt. "Wir wollten die Tunesier nicht schockieren und werden es bestimmt nie wieder tun", ergänzte Pauline H., eine von zwei inhaftierten französischen Femen-Mitgliedern.

Bei der Anhörung waren die jungen Frauen in einen traditionellen Safsari gekleidet, der sie von Kopf bis Fuß verhüllte. Die Aktivistinnen waren vor zwei Wochen zu vier Monaten Gefängnis verurteilt worden, weil sie Ende Mai mit entblößten Brüsten vor dem Justizpalast in Tunis für die Freilassung einer tunesischen Femen-Aktivistin demonstriert hatten. Die Aktion rief scharfe Kritik hervor. "Das muslimische Recht untersagt derartige Handlungen", bekräftigte Richter Moez Ben Frej am Mittwoch.

Ein Anwalt der drei Frauen, Patrick Klugman, verlangte ihre umgehende Freilassung. Sie hätten es nicht für möglich gehalten, dass sie in einem Land, "das sich gerade für die Freiheit erhoben hat", mit ihrem Protest etwas riskieren würden. Die Femen-Mitglieder seien schon "viel zu lange" festgehalten worden.

Grund für die vehementen Forderungen sind auch die Haftbedingungen. Die deutsche Femen-Aktivistin teilt sich ihre Zelle mit 29 anderen Frauen. Dies berichtete der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning Mitte Juni nach einem Besuch im Gefängnis.

In mehreren europäischen Ländern hatte es zuletzt Protestaktionen zur Freilassung der Aktivistinnen gegeben. Ob die Strafe der jungen Frauen nun tatsächlich reduziert wird, war am Mittwoch aber zunächst noch offen.

jok/AFP

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Stäffelesrutscher 26.06.2013
1.
Zitat von sysopAFPDie in Tunesien inhaftierten Femen-Mitglieder hoffen auf eine Reduzierung ihrer Haftstrafe - und haben sich vor einem Gericht für ihren barbusigen Protest vor dem Justizpalast in Tunis entschuldigt. Man werde es "bestimmt nicht wieder tun". http://www.spiegel.de/politik/ausland/tunesien-femen-aktivistinnen-entschuldigen-sich-fuer-oben-ohne-prozess-a-908004.html
War dieser Menschenrechtsbeauftragte eigentlich auch schon in der Psychiatrie in Bayreuth?
Professor Balthasar 26.06.2013
2. Entschuldigung unter Zwang ist keine Entschuldigung
Eine Entschuldigung unter Zwang ist keine Entschuldigung. Daher ist der Titel des Artikels unglücklich gewählt. Ich habe volles Verständnis für eine Bewegung, die in unserer reizüberfluteten, sensations- und bildergierigen Welt genau das liefert, was Aufmerksamkeit schafft und einer guten Sache dient.
dideldidumbnet 26.06.2013
3. Blauäugige Femen
Zitat von sysopAFPDie in Tunesien inhaftierten Femen-Mitglieder hoffen auf eine Reduzierung ihrer Haftstrafe - und haben sich vor einem Gericht für ihren barbusigen Protest vor dem Justizpalast in Tunis entschuldigt. Man werde es "bestimmt nicht wieder tun". http://www.spiegel.de/politik/ausland/tunesien-femen-aktivistinnen-entschuldigen-sich-fuer-oben-ohne-prozess-a-908004.html
Ich frage mich schon wirklich wie man so blauäugig sein konnte die Verhältnisse in Tunesion mit den hiesigen so gleichzusetzen, um zu glauben, dass dieser Protest straffrei ausgehen würde. Das die Haftbedingungen nicht ansatzweise vergleichbar sind, hätte auch klar sein können. Die Verhältnisse in dortigen Gefängnissen sind kein Geheimnis. Wer eine derart kontroverse Protestform durchführt sollte sich schon aus Eigenschutz auch über die Folgen im Klaren sein und darauf (besser) vorbereiten.
karamzin 26.06.2013
4. Schade
Gerade dort, wo der Kampf für Gleichberechtigung am wichtigsten wäre, knicken der Femen-Aktivistinnen ein und hüllen sich in die Vollverschleierung. Sehr schade! Allerdings kann ich die Mädchen auch verstehen, auch ich hätte wenig Lust in einem tunesischen Kerker zu verschwinden.
andresa 26.06.2013
5. Femen - Die Hintergründe (1)
Vielleicht macht es ja Sinn etwas in die Geschichte und die organisatorischen Hintergründe der Femen zu gehen, um zu verstehen, warum sie einerseits so kopflos in kulturelle Konflikte laufen und andererseits jede geistige Auseinandersetzung scheuen, aber dabei noch glauben, sie würden einen sinnvollen Beitrag zu einer politischen Debatte leisten. Klar Aufmerksamkeit erregen mag sinnvoll sein. Nur, ist es dabei egal, was für eine Aufmerksamkeit? Soweit ich weiß, kommt in Zusammenhang mit Sexobjekten selten eine ernsthafte und tiefgreifende gedankliche Auseinandersetzung zustande - die dadurch entstandene Aufmerksamkeit führt in der Regel eher zu triebgesteuerten Übersprungshandlungen. Wie ich gelesen habe, entstand Femen 2008, um gegen Sextourismus in der Urkraine zu protestieren. Seit 2011 ist Femen zudem auch in europäischen Ländern aktiv. Es gibt ein "Ausbildungszentrum" in Frankreich und zwei Gruppen in Deutschland. Zwar ist noch nachvollziehbar, gegen Prostitution auf die Strasse zu gehen, jedoch nicht, dass pauschal der Islam attackiert wird bzw. religiöse Symbole allgemein. Was mir klar fehlt bei den Femen ist einerseits der Fokus auf für den Femen-Aktivismus geeignete Inhalte und eine gewisse Bildung, die ja oftmals zu den persönlichen Gründen beiträgt, warum man AktivistIn wird. In meinen Augen sind aber viele von den Mädels knapp an einer Modelkarriere vorbei gelaufen und decken sich jetzt eben so ihren Aufmerksamkeitsbedarf. Das würde auch erklären, warum man eine theoretische Auseinandersetzung ablehnt, trotzdem man sich als politische Aktivistengruppe deklariert. Eine teifgreifende politische Gesinnung lässt sich für mich da bei den wenigsten feststellen, gerade wenn man anfängt, Obama als Demokrat zu bezeichnen und offensichtlich jede kulturelle Akzeptanz und Respekt verloren geht, der aber von den anderen eingefordert wird.. Wie kann man glauben, eine zu mehr Toleranz, Anerkennung und Gewaltlosigkeit führende Entwicklung initiieren zu können, in dem man sich oben ohne mit Turban auf dem Kopf zeigt und auf einem Teppich das islamische Gebet nachäfft? Femen scheinen in keiner Weise zu differenzieren, wodurch den eigentliche Betrag zu einer positiven demokratischen Entwicklung gleich null zu setzen ist - und die, die von ihrem Aktivismus betroffen sind, werden sie auch nicht zu einer Debatte über mehr Toleranz und Gewaltlosigkeit anregen, da sie ja selber keine Empathie oder Differenzierungsarbeit und den Anstoß zu einem interkulturellen Dialog leisten. - Im Gegenteil, dadurch verhärten sich die Fronten und wir stecken mittendrin im Kampf der Kulturen....
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