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13. Juni 2013, 14:14 Uhr

Tunesische Frauenrechtlerin

"Femen, bitte lasst uns in Ruhe"

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Der Nacktprotest in Tunesien hat einer Deutschen und zwei Französinnen Haftstrafen eingebracht. Jetzt fordern selbst tunesische Feministinnen ein Ende der Femen-Aktionen in ihrem Land. Denn: "Ihr macht kaputt, wofür wir gekämpft haben."

Berlin - Mit ihrem Oben-ohne-Protest in Tunis haben drei europäische Femen-Aktivistinnen Tunesien verstört. Nachdem sich bereits islamistische Vertreter erzürnt zeigten, äußern nun auch Tunesiens Feministinnen ihren Ärger über die Aktion. "Femen, bitte lasst uns in Ruhe", appelliert die tunesische Feministin und Oppositionschefin Maya Jribi im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Ihr riskiert, alles kaputt zu machen, wofür wir gekämpft haben."

Ende Mai hatten zwei französische und eine deutsche Femen-Aktivistin in Tunis mit nackten Brüsten demonstriert. Es war der erste Einsatz der Gruppe in einem arabischen und muslimischen Land. Wegen sittenwidrigen Verhaltens in der Öffentlichkeit wurden sie am Mittwoch von einem tunesischen Gericht zu vier Monaten Haft verurteilt.

Die drei jungen Europäerinnen wollten mit ihrer Aktion die tunesische Femen-Aktivistin Amina Sboui unterstützen. Sie sitzt in Tunesien in Haft, seit sie das Wort "Femen" als Graffiti auf eine Mauer in der Nähe eines Friedhofs geschrieben hatte. Ihr werden Friedhofsschändung und Unsittlichkeit vorgeworfen.

"Wir haben schon genug Probleme in Tunesien. Femen, bitte fügt nicht noch ein weiteres hinzu", sagt Maya Jribi. Die 53-jährige tunesische Politikerin setzt sich seit Jahrzehnten für die Rechte der Frauen ein, erst unter dem autoritären Regime von Zine el-Abedine Ben Ali und nun unter der von den Islamisten geführten Koalitionsregierung.

Femen macht das Spiel der Islamisten mit

Tunesien ist in der arabischen Welt ein Vorreiter, was Frauenrechte angeht. Es gibt eine Jahrzehnte alte Feministinnen-Bewegung, zu der auch Jribi gehört. Mit ihr ist eine Frau Chefin einer der wichtigen politischen Parteien, der sozialdemokratischen Al Dschumuhuri. Jribi gehört zu den lautesten Stimmen in der verfassungsgebenden Versammlung, die sicherstellen wollen, dass nach dem Sturz von Ben Ali die Rechte der Frau in Tunesien nicht zurückgeschraubt werden unter dem Druck von Radikalen.

"Wir haben in Tunesien einen anderen kulturellen und politischen Kontext als in Deutschland", sagt Jribi. "Bei uns versuchen die Islamisten die Frauenfrage zur Identitätsfrage zu erklären." Frei nach dem Motto: Emanzipierte Frauen - das sei doch ein Konzept des freizügigen, verlotterten Westens, das passe nicht zu Tunesien. "Wir tunesischen Feministinnen versuchen die Diskussion von der Identität wegzulenken. Frauenrechte sind eine soziale und politische Frage", sagt Jribi.

Bundesregierung besorgt über Schicksal der Femen-Frauen

Doch die Bemühungen der tunesischen Frauen seien nun durch Femen gefährdet, klagt Jribi. Die europäischen Aktivistinnen machen auf ihre Art das Spiel der tunesischen Islamisten mit. Auch sie machen aus der Emanzipation der Tunesierinnen eine Identitätsfrage und einen Kulturkampf, indem sie ihre Aktion als "Oben-Ohne-Dschihad" bezeichnen.

Nach der Verurteilung ihrer Aktivistinnen am Montag hat Femen bereits weitere Proteste in Tunesien angekündigt. "Bitte nicht", appelliert Jribi. "Es gibt andere Wege, für Frauenrechte in Tunesien einzutreten, als sich auszuziehen."

Die Bundesregierung hat sich unterdessen besorgt über die Verurteilung der Aktivistinnen gezeigt. "Der Rechtsbeistand der drei Frauen hat entschieden, gegen das Urteil Berufung einzulegen", teilte eine Sprecherin des Auswärtigen Amts mit. Die deutsche Botschaft in Tunis werde "die deutsche Staatsangehörige weiter konsularisch betreuen und das Verfahren aufmerksam verfolgen".

Aus Kreisen des Auswärtigen Amts hieß es weiter, der Menschenrechtsbeauftragte der Bundesregierung, Markus Löning (FDP), werde nach Tunesien reisen. Er wolle den Aktivistinnen in der Haft einen Besuch abstatten.

Mit Material von AFP

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