Turban und Terrorbraut Obama-Karikatur provoziert Proteste

Skandal um den neuen "New Yorker": Barack Obama wird auf dem Zeitschriftentitel als Islamistenfreund karikiert, seine Frau als Kämpferin mit MG. Was als Persiflage auf politische Panikmache gedacht war, löst nun Empörung aus - Kandidat und Kommentatoren sind einig: So viel Satire darf nicht sein.

New York - Die linksliberale Wochenzeitschrift "New Yorker" sieht sich gerne als letzte Bastion der spitzen Feder in den USA. Oft stimmt das - vor allem die gezeichneten Titelbilder sind reine Satire. Die besten stammen vom Karikaturisten Barry Blitt: Irans Staatschef Mahmud Ahmadinedschad auf dem Klo, US-Präsident George W. Bush als Kammerzofe, Hillary Clinton und Barack Obama im Ehebett.

Diesmal aber hat sich der "New Yorker" offenbar verkalkuliert und den Humor seiner Stammleser überschätzt - oder zumindest das Witzpotential seines neuen Titelmotivs.

Das Cover der aktuellen Ausgabe, abermals von Blitt, zeigt Barack Obama und Gattin Michelle im Oval Office. Er trägt einen Turban, Kaftan und Sandalen, sie Tarnhosen, Kampfstiefel, ein Maschinengewehr und einen enormen Afro. Die beiden grinsen konspirativ und stoßen mit den Fäusten an. Im Kamin brennt ein US-Sternenbanner, darüber hängt ein Porträt von Terroristenführer Osama Bin Laden. Titelzeile: "Die Politik der Angst". Die Karikatur soll "die Panikmache-Taktiken und Desinformationen" persiflieren, "mit der Barack Obamas Präsidentschaftswahlkampf aus der Bahn geworfen werden soll", schreibt das Magazin.

In der Tat sind in diesem einen Bild nahezu alle haltlosen Gerüchte aus den Schmutzkampagnen gegen Obama versammelt. Er sei ein Moslem. Er sei ein Terroristensympatisant. Er paktiere mit Bin Laden. Er sei ein schwarzer Rassenaufrührer. Und kein Patriot.

Doch wie so oft - die Ironie funktionierte nicht. Der neue "New Yorker" lag noch nicht mal an den Kiosken, da ging das Theater schon los.

Obama selbst hielt sich zunächst zurück. Als am Sonntag eine CBS-Reporterin ihn zu einer Reaktion verlocken wollte und fragte, ob er das Cover gesehen habe ("wenn nicht, kann ich es Ihnen auf meinem Computer zeigen"), beschied er sie knapp: "Ich habe keine Reaktion darauf."

Zu wenig Distanz für so viel Ironie

Dann allerdings nahmen sich Blogs der Sache an. "Pfui!", schimpfte der Obama-nahe Polit-Blog "Huffington Post". All jene, "die Obama als Moslem zu porträtieren versuchen", seien doch für eine solche Karikatur dankbar. "Dies wird viele Leute aufregen. Und wahrscheinlich aus demselben Grund, weshalb es viele Leute freuen wird - namentlich die auf der Rechten."

Promi-Blogger John Aravosis nannte den "New Yorker" aufgebracht "so schlimm wie Fox News", den konservativen Fernsehsender. "Ist das lustig? Ist der 'New Yorker' so realitätsfern, dass er nicht erkennt, dass ein Großteil der Amerikaner - oder zumindest zu viele Amerikaner - genau diese Ängste über Obama und seine Frau hegen?" Statt Klischees auszuhebeln, würden sie nur verstärkt. Kurz, den Amerikanern fehle die ironische Distanz, das Cover nicht ernst zu nehmen.

Howard Kurtz, der Medienkorrespondent der "Washington Post", nannte die Karikatur "Hetze". Jake Tapper von ABC News fragte sich in Anspielung auf die konservative US-Presse, "wie die Reaktion wäre, wenn der 'Weekly Standard' oder der 'National Review' eine solche Illustration auf ihre Titelbilder heben würde". Sein Fazit: Dies sei "ein Rekrutierposter für den rechten Flügel".

Nur wenige verteidigten die Karikatur. Clarence Page von der "Chicago Tribune" zum Beispiel schrieb, die Zeichnung liege "innerhalb der normalen Grenzen des Journalismus". Sie nehme einfach "all die verrückte Ignoranz da draußen aufs Korn".

So laut wurde das Grollen, dass sich Obama schließlich doch noch zum Eingreifen gezwungen sah. Sein Sprecher Bill Burton nannte die Karikatur "geschmacklos und beleidigend". Ein hochrangiger Obama-Anhänger ließ sich anonym mit den Worten vernehmen: "Eine beleidigendere Karikatur kann ein Magazin nicht veröffentlichen, und ich vermute, dass andere Obama-Unterstützer ebenfalls erwägen, ein Magazin, das mit solchem Müll handelt, nicht länger zu abonnieren oder zu kaufen." War das sogar ein verkappter Boykottaufruf?

Die Kandidaten haben ihren Humor verloren

In den Frühstückshows des Fernsehens fungierte das "New Yorker"-Cover heute als Sättigungsbeilage neben dem anderen Top-Thema des Tages, der US-Bankenkrise. Selbst Obamas Rivale John McCain ließ seinen Protest übermitteln. "Geschmacklos und beleidigend" nannte Sprecher Tucker Bonds den Titel - in selten wortgleicher Formel mit Obamas Sprecher.

Der Grad der Empörung verblüfft. Bisher hatte Satire ihren festen Platz in diesem Wahlkampf. Vor allem die Comedy-Show "Saturday Night Live" machte sich oft gnadenlos über Obama, McCain und Hillary Clinton lustig. Die Kandidaten dienen Talkmaster David Letterman und Jay Leno als Vorlage, nicht zu reden von den Satiresendungen "Daily Show" und "Colbert Report", die für viele US-Bürger sogar Nachrichtenquelle Nummer eins sind. Doch je härter das Rennen wird, desto weniger Spaß scheinen Obama und McCain zu verstehen - gerade wenn ihr penibel inszeniertes Image in Frage gestellt wird.

In täglichen Konferenzschaltungen mit Reportern zerfleddern sie noch die kleinste Äußerung von der anderen Seite des politischen Spektrums und distanzieren sich auch von Witzemachern im eigenen Lager. Das bekam zum Beispiel der Komödiant Bernie Mac zu spüren. Er ließ am Freitag als Warmmacher für einen Obama-Auftritt ein paar lahme, nicht ganz jugendfreie Kalauer vom Stapel, die sonst niemanden erregt hätten. Das Publikum aber murrte schnell - es waren VIP-Parteispender, die je 2300 Dollar Eintritt in Obamas Wahlkampfkasse gezahlt hatten.

Obama nahm Mac sofort an die Kandare: "Bernie, du musst dich das nächste Mal zusammenreißen. Dies ist eine familienfreundliche Veranstaltung."

Am Ende kann der "New Yorker" zufrieden sein

Die Reaktion auf das Titelbild erwischte den "New Yorker" trotzdem kalt. Chefredakteur David Remnick zeigte sich überrascht. "Satire ist Teil dessen, was wir machen", sagte er. Er habe nur "den Vorurteilen und dunklen Einbildungen einen Spiegel vorhalten wollen". Wieso man das nun so ernst nehme, sei ihm ein Rätsel.

Auch Karikaturist Blitt schien etwas irritiert. Dass Obama als Terrorist oder unpatriotisch gebrandmarkt werde, sei "absurd", schrieb er in einer E-Mail an die "Huffington Post". Genau das habe er mit seiner Zeichnung zeigen wollen. Ob ihm das missglückt sei? "Das Magazin kam gerade mal vor zehn Minuten raus, geben Sie mir wenigstens ein paar Tage, darüber nachzudenken, ob ich es bereue oder nicht."

Völlig untergegangen ist bei all der Aufregung, dass sich im Inneren des Heftes eine interessante Reportage in typischer Länge (18 Heftseiten) über Obamas politischen Werdegang in Chicago findet - mit nicht gerade schmeichelhaftem Fazit. Autor Ryan Lizza resümiert spitz, das "vielleicht größte Missverständnis über Barack Obama" sei, dass er "eine Art nonkonformistischer Revolutionär ist". Jede Etappe seiner politischen Karriere sei "von einem Eifer geprägt, sich existierenden Institutionen anzupassen, statt sie zu niederzureißen oder zu ersetzen".

Für den "New Yorker" ist das Gute an der Titelblatt-Affäre, dass er mal wieder in den Schlagzeilen ist - und das ganz nach seinen Idealen. Schon sein legendärer Ex-Chefredakteur Harold Ross hatte postuliert, seine Zeitschrift sei auf eine messerscharf denkende intellektuelle Elite zugeschnitten und nicht auf "die kleine alte Lady aus Dubuque".

In dem Ort in Iowa, der aus diesem Spruch einst trotzig eine PR-Kampagne machte, hat Obama in den Vorwahlen im Januar übrigens haushoch gesiegt.

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