Turkmenistan Ein exzentrischer Despot ist tot

Dem turkmenischen Präsidenten Saparmurad Nijasow war nichts zu teuer, um sich selbst zu huldigen: Tausende seiner Statuen waren im Land verteilt. In der Wüste errichtete er einen künstlichen See und Wald. Sogar Meteoriten ließ er auf seinen Namen taufen. Heute früh starb der Diktator.


Moskau - Das Staatsfernsehen von Turkmenistan berichtete nach Angaben der Agentur Interfax, Nijasow sei am frühen Morgen im Alter von 66 Jahren an Herzversagen gestorben. "Turkmenbaschi - der Vater aller Turkmenen - ist tot", sagte ein Nachrichtensprecher des turkmenischen Staatsfernsehens, das Bilder der Nationalflagge mit schwarzem Trauerrand ausstrahlte.

In der Hauptstadt Aschgabat wurden die Flaggen auf Halbmast gesetzt; die 23 Regierungszeitungen erschienen nicht. Die Regierung ordnete das Aussetzen der öffentlichen Neujahrsfeiern an.

Der zum Staatsführer auf Lebenszeit ernannte Nijasow regierte das zentralasiatische Land seit seiner Unabhängigkeit 1990. In internationalen Vergleichen über den Stand von Demokratie und Menschenrechten landet Turkmenien stets auf den hinteren Rängen. Von den enormen Gasvorkommen des Landes profitiert eine kleine Elite. Unter seiner autoritären Herrschaft war die Ex-Sowjetrepublik nach außen weitgehend abgeschottet.

Nijasow betrieb einen anachronistischen Personenkult, der weltweit seinesgleichen suchte. Tausende seiner Porträts und Statuen schmückten Häuserwände, Straßen und Plätze des Landes. Er gab nicht nur Häfen und Militärstützpunkte seinen Namen, sondern auch einem Meteoriten. Nijasow war gleichzeitig Regierungschef, Oberkommandierender der Armee, Vorsitzender der einzigen zugelassenen Partei, oberster Philosoph und Dichter.

Obwohl Turkmenistan über große Erdgasreserven verfügt, ist es eines der ärmsten Länder der ehemaligen Sowjetunion. Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier hatte bei einem Besuch in Turkmenistan Anfang November die Demokratiedefizite in dem Land bemängelt. Trotz aller Kritik suchte der Westen die Annäherung: Turkmenistan ist wegen seiner strategischen Lage an der Grenze zu Iran und Afghanistan im Anti-Terror-Kampf von Bedeutung.

Nijasow, der bereits seit längerem an Herzproblemen litt, wurde von deutschen Ärzten behandelt. 1997 war ihm in einer Münchner Spezialklinik ein Bypass gelegt worden. Seit langem hatte es Gerüchte über den schlechten Gesundheitszustand des Staatschefs gegeben, auch über Herzprobleme war spekuliert worden. Die Angelegenheit wurde jedoch höchst geheim behandelt.

Anachronistischer Personenkult

Da der autoritär regierende Herrscher keinen Nachfolger aufgebaut hat, stellt sich nun die Frage des Machtübergangs. Nach der Verfassung geht das höchste Staatsamt nun vorübergehend an Parlamentspräsident Owesdeldi Atajew. Die Regierung beeilte sich nach einer Sondersitzung zu versichern, das Land werde die Innen- und Außenpolitik des Präsidenten fortsetzen und alle internationalen und bilateralen Vereinbarungen einhalten. "Die Nation muss vereint und standhaft sein", hieß es in der über das Staatsfernsehen ausgestrahlten Erklärung. Das Begräbnis des Staatsführers soll am 24. Dezember stattfinden.

Nijasow stammte aus ärmsten Verhältnissen und wuchs in einem Waisenhaus der damaligen Sowjetrepublik auf. Er ließ sich zum Ingenieur ausbilden und stieg dann innerhalb der Kommunistischen Partei auf. 1985 erreichte er die KP-Spitze. Fünf Jahre später ließ er sich per Referendum mit mehr als 98 Prozent der Stimmen zum Präsidenten küren, noch zweimal wiederholte er die Prozedur, dann ließ er sich vom Parlament endgültig zum Präsidenten auf Lebenszeit ernennen.

Beobachter erwarteten nach dem Tod Nijasows chaotische Zustände in Turkmenistan.

jaf/dpa/AFP/AP/rtr



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