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Demokraten-Debatte in Los Angeles Nach 14 Minuten war das Impeachment abgehakt

Zum letzten Mal in diesem Jahr debattierten die Präsidentschaftskandidaten der US-Demokraten. Im Fokus: Sachthemen. Zu Donald Trump und dem Impeachment-Verfahren gaben sie nur ausweichende Antworten.

Das Timing war pikant: Als sich die Kandidaten der US-Demokraten am Donnerstagabend (Ortszeit) zu ihrer jüngsten TV-Debatte trafen, waren nicht mal 24 Stunden vergangen, seit ihre Partei Anklage gegen Donald Trump erhoben hatte. Das historische Amtsenthebungsverfahren spaltet die USA. Doch würde es nun auch den Vorwahlkampf umkrempeln - und wie?

Eine berechtigte Frage. Schließlich scheint Trumps Impeachment ein vorbestimmtes Ende zu haben - den Freispruch durch die Republikaner im Senat. Was heißen würde, dass die wahre Entscheidung über die Zukunft des Präsidenten im November 2020 gefällt wird, von den US-Wählern.

Denen machen es die Demokraten aber weiter nicht leicht.

Sieben Alternativen zu Trump standen auf der Bühne der Loyola Marymount University in Los Angeles. Doch das Amtsenthebungsverfahren am anderen Ende des Landes, die bitteren Reden und bösen Drohungen der Parteikollegen, ignorierten sie fast völlig.

Stattdessen ereiferten sich sich in einer teils hitzigen Sachdiskussion darüber, wer Trump in der Wahlkabine in elf Monaten besser schlagen könnte.

Nicht ins Gedächtnis eingebrannt

Joe Biden, Elizabeth Warren, Bernie Sanders und die anderen: Beinahe hätte man sie in dem schrillen Impeachment-Drama vergessen, die Präsidentschaftsaspiranten der Demokraten. Zumal sich ihre bisherigen Debatten nicht unbedingt ins Gedächtnis eingebrannt hatten - zu viele Kandidaten, zu langatmig, niemand, der herausstach.

Das wollten - mussten - sie nun ändern bei dieser sechsten und letzten Debatte dieses Jahres. Nur eine weitere im Januar noch, dann geht es schon zu den ersten Vorwahlen in Iowa, die das Feld weiter lichten werden.

Gelichtet hat es sich so bereits: So wenige Demokratenkandidaten standen noch nie auf der Bühne.

Neben Biden, Warren und Sanders hatten sich nur vier weitere qualifiziert: Pete Buttigieg, Amy Klobuchar, Andrew Yang und Tom Steyer. Die anderen liegen in den Umfragen zu weit hinten (Cory Booker, Julián Castro), haben nicht genug Spender (Mike Bloomberg), sagten ab (Tulsi Gabbard) oder sind ganz ausgestiegen (Kamala Harris).

Was zur Folge hatte, dass Tech-Unternehmer Yang, der Sohn taiwanesischer Einwanderer, auf einmal der einzige nichtweiße Teilnehmer war. All die blassen Gesichter auf der Bühne: Es war eine traurige Reflektion der Diskrepanz zwischen dem Angebot und der viel diverseren Basis.

"Wir müssen aufhören, vom Impeachment besessen zu sein"

Die erste Frage zielte aufs Impeachment: Wie, fragte die Moderatorin Judy Woodruff vom TV-Sender PBS, könnten die Demokraten mehr Amerikaner als bisher für ihr Ziel begeistern, Trump vorzeitig aus dem Amt zu entfernen?

Die Antworten waren obligatorisch, nichtssagend und ausweichend. Biden, trotz vieler Patzer weiter Spitzenreiter, las etwas von der "Integrität der Präsidentschaft" vom Blatt. Warren und Sanders - die als Senatoren über Trump urteilen müssen - nannten diesen, wie aber schon oft zuvor, einen "pathologischen Lügner" und "den korruptesten Präsidenten der Geschichte".

Yang wies die Frage als einziger ganz zurück: "Wir müssen aufhören, vom Impeachment besessen zu sein, und endlich anfangen, die Probleme zu lösen, die Donald Trump den Wahlsieg gebracht haben." Damit sprach er aus, was vor allem in Washington viele übersehen: Zwar reden Politiker und Medien von wenig anderem als vom Impeachment - doch die Wähler im Lande interessiert das Thema nicht. "Noch kein einziger hat mich bisher darauf angesprochen", sagte Yang nach der Debatte bei CNN.

Nach 14 Minuten war das Impeachment abgehakt. Als wollten weder die Regie noch die Kandidaten mehr Zeit mit diesem explosiven Reizthema verbringen. Für den Rest der zweieinhalb Stunden hakten die Moderatoren Anliegen ab, die den Amerikanern viel näher am Herzen liegen, doch bei früheren Debatten selten zur Sprache kamen: Wirtschaft, Klimawandel, Nahost, China, Frauen in der Politik.

Ein richtiges Feuerwerk gab es aber erst zum Schluss. Da schossen sich die Topkandidaten auf Buttigieg ein, den Bürgermeister der Kleinstadt South Bend in Indiana, der mit 37 der Jüngste und Unerfahrenste unter ihnen ist, doch in einigen Vorwahlstaaten aufholt.

Vor allem Warren griff ihn an - wegen eines Fundraisingevents in einem Weinkeller: "Eine Weinhöhle voller Kristalllüster und 900-Dollar-Weinflaschen", sagte sie verächtlich. "Milliardäre in Weinhöhlen sollten nicht den nächsten Präsidenten bestimmen."

Trump prescht ungebremst voran

Es folgte ein längeres Hin und Her darüber, wie Demokraten ihre Wahlkämpfe finanzieren dürften. Mit den Reichen? Mit den Kleinspendern? Aus eigener Tasche, wie Bloomberg?

Der Streit offenbarte das größte Problem der Demokraten: Sie verordnen sich alle möglichen, im Ganzen unerfüllbare Reinheitstests - Herkunft, Finanzlage, Erfahrung, guter Draht zu Minderheiten. Unterdessen prescht Trump ungebremst voran.

So konnten sich Warren, Sanders und Klobuchar am Ende noch am meisten profilieren - doch da dürften viele Zuschauer längst abgeschaltet haben. Nur Biden zog sich immer mehr aus der Debatte zurück, je lauter sie wurde. Er war vorher der Spitzenreiter. Er wird es auch weiter sein.

Das Wort Impeachment fiel bis zum Schluss kein einziges Mal mehr.