Demokraten-Debatte in Atlanta "Wir haben einen Kriminellen im Weißen Haus"

Es war denkbar schlechtes Timing: Kurz nach der packenden Impeachment-Anhörung trafen sich die US-Demokraten zur TV-Debatte. Es ging viel um Donald Trump - doch dessen Hauptrivale Joe Biden ging völlig unter.
Im Schatten des Impeachment-Dramas: Die vier demokratischen Spitzenreiter

Im Schatten des Impeachment-Dramas: Die vier demokratischen Spitzenreiter

Foto: Brendan McDermid/ REUTERS

Als die US-Demokraten die Termine ihrer Vorwahldebatten vor fast einem Jahr festlegten, ahnten sie nicht, dass ihnen die Ukraineaffäre dazwischenfunken würde. Nun richtet sich der Blick auf die Anhörungen in Washington, die in ein Amtsenthebungsverfahren gegen Präsident Donald Trump münden könnten.

Kein Wunder also, dass die jüngste TV-Debatte der Demokraten von den Impeachment-Anhörungen überschattet wurde. Fast elf Stunden lang hatten am Mittwoch vier Zeugen im Kongress ausgesagt, allen voran EU-Botschafter Gordon Sondland, eine Schlüsselfigur des Skandals. Sondland belastete Trump schwer. Es war packendes "Must-See TV".

Dagegen kamen die zehn verbliebenen Demokraten-Kandidaten kaum an, als sie abends auf die Bühne eines Filmstudios bei Atlanta traten. Sie standen vor einer doppelten Herausforderung: Sie mussten sich als beste Alternative zu Trump profilieren - im Wissen, dass dieses Thema viele Amerikaner nur am Rande interessiert.

Für die vier Spitzenreiter - Ex-Vizepräsident Joe Biden, die Senatoren Elizabeth Warren und Bernie Sanders und Pete Buttigieg, der in einigen Umfragen überraschend aufsteigende Jung-Bürgermeister von South Bend in Indiana - ging es um die beste Ausgangsposition für die ersten Vorwahlen im Februar. Für die anderen ging es um viel mehr. Einige könnten nach dieser Nacht schon bald aus dem Rennen fliegen.

Wie lief es? Wer punktete, wer floppte? Die wichtigsten Erkenntnisse.

1. Wie schlug sich das Impeachment-Drama nieder?

Ein Impeachment würde fünf Kandidaten (Warren, Sanders, Kamala Harris, Amy Klobuchar, Cory Booker) vorübergehend aus dem Wahlkampf reißen, da sie dem Verfahren als Senatoren beiwohnen müssten. Sollte es scheitern, würde die Präsidentschaftswahl zum Referendum über Trump - und da wollen die Wähler lieber über anderes sprechen.

Die Demokraten reagierten denn auch nur mit vorsichtigen Worthülsen auf die Turbulenzen in Washington. "Keiner steht über dem Gesetz", sagte Warren. Sanders nannte Trump erneut "den korruptesten Präsidenten in der modernen US-Geschichte", Harris wiederholte ihre Applauszeile "Wir haben einen Kriminellen im Weißen Haus", Buttigieg vermied das Thema und Biden - der sich gerade unfreiwillig im Mittelpunkt der Ukraineaffäre findet - verhaspelte sich in einer unverständlichen Antwort.

2. Wer punktet, wer floppte?

Für die Schwarze Kamala Harris war es ihre bislang beste Debatte: Sie teilte gegen Trump aus - und gegen Buttigieg, der bei schwarzen Wählern eher schlecht abschneidet. Warren überzeugte wie immer mit Sachkenntnis, Sanders hielt lebhaft mit, Booker machte einen letzten, charmanten Versuch, aus dem Umfrageloch zu klettern: "Helft mir!"

Biden dagegen setzte seinen Absturz fort: Er wirkte unkonzentriert, blass, noch älter als sonst. Minutenlang stand er nur steif da, ins Leere starrend. Die anderen - die Abgeordnete Tulsi Gabbard, der Tech-Unternehmer Andrew Yang und der Milliardär Tom Steyer - gingen unter, trotz wackerer Versuche, das Gespräch an sich zu reißen.

Erstmals wurde die Debatte von vier Frauen moderiert - drei Journalistinnen von NBC News und eine von der "Washington Post". Dies war der wohl größte Sieg der Nacht.

Das demokratische Bewerberfeld: Cory Booker, Tulsi Gabbard, Amy Klobuchar, Pete Buttigieg, Elizabeth Warren, Joe Biden, Bernie Sanders, Kamala Harris, Andrew Yang, Tom Steyer (v.l.)

Das demokratische Bewerberfeld: Cory Booker, Tulsi Gabbard, Amy Klobuchar, Pete Buttigieg, Elizabeth Warren, Joe Biden, Bernie Sanders, Kamala Harris, Andrew Yang, Tom Steyer (v.l.)

Foto: John Bazemore/AP

3. Um welche Themen ging es sonst?

Die härteste Auseinandersetzung gab es darum, wer den besseren Draht zu schwarzen Wählern habe. Der beste Spruch, von Booker: "Ich habe lebenslange Erfahrung mit schwarzen Wählern - ich bin einer, seit ich 18 war." Ein von der Regie angezettelter Streit um die Gesundheitsreform versandete, obwohl für die Amerikaner gerade die jährliche Obamacare-Verlängerungsfrist läuft.

Nordkorea, der Handelskrieg, #MeToo und die Reichtumsdebatte wurden nur kurz abgehandelt. Der Klimakrise widmete man exakt sieben Minuten, mit nichtssagenden Antworten. Die Waffengewalt kam gar nicht vor, nur Tage nach den jüngsten Gewalttaten.

4. Was fiel außerdem auf?

Im Impeachment-Schatten bildeten die Demokraten eine betont geschlossene Front. Das meistzitierte Schlagwort: "Einheit." Man bemühte sich auffallend um Harmonie und Kollegialität und attackierte einander viel weniger als früher. Sanders half Biden sogar aus einem Stotterloch, indem er einen seiner Sackgassen-Sätze zu Ende führte.

An den Trends wird diese Debatte kaum etwas geändert haben. Buttigieg, der vor allem in Iowa zugelegt hat, wurde mysteriöserweise verschont vom Kreuzfeuer der Rivalen. Biden verpasste die Chance, Trumps Angriffe wegen der Ukraineaffäre für sich zu nutzen. Bei einigen "Viewing Parties", die die Demokraten in der Provinz veranstaltet hatten, gingen manche Zuschauer nach US-Berichten schon lange vor dem Ende der Debatte nach Hause.

5. Wie geht es weiter?

Die nächste und letzte Debatte dieses Jahres ist am 19. Dezember in Los Angeles. Wenige Wochen später folgen die ersten Vorwahlen in Iowa. Bis April 2020 soll es weitere Debatten geben. Mitte Juli wollen die Demokraten ihren Kandidaten küren - dann sind es noch rund vier Monate bis zur Präsidentschaftswahl am 3. November.

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