Marc Pitzke

Trumps Niederlage in der TV-Debatte Video killed the Twitter-Star

84 Millionen Amerikaner sahen das erste TV-Duell zwischen Clinton und Trump - ein historischer Rekord. Die Debatte könnte wahlentscheidend gewesen sein. Und auch ein Sieg über die 140-Zeichen-Politkultur.
Donald Trump

Donald Trump

Foto: CARLOS BARRIA/ REUTERS

Alicia Machado weinte, als sie ihren Namen im Fernsehen hörte. Ganz zum Ende der ersten TV-Debatte von Donald Trump und Hillary Clinton war das, als die Kandidatin der Demokraten die frühere Miss Universe erwähnte: "Er nannte diese Frau 'Miss Piggy'. Er nannte sie 'Miss Haushalt', weil sie Latina war."

Es war der womöglich folgenschwerste Schlag, den Clinton Trump in jenen 95 Minuten versetzte: Um seine Frauenfeindlichkeit und Gefühlskälte zu illustrieren, kramte sie die Geschichte Machados aus der Mottenkiste. Die Ex-Schönheitskönigin war von Trump, dem damaligen Besitzer der Miss-Universe-Firma brutal niedergemacht worden.

"Du siehst fett aus", habe er sie kritisiert, erinnerte sich Machado am Tag nach der Debatte in einem vom Clinton-Team arrangierten Telefonat. "Du siehst hässlich aus." Gerade mal 18, habe sie Magersucht entwickelt. Der Wahlkampf habe die Narben nun neu aufgerissen: "Es ist wie ein Albtraum."

Ganz Amerika spricht über das TV-Duell - und über die für Trump verheerende Machado-Episode, die Clinton natürlich genau vorbereitet hatte. Trump trat später auf Fox News sogar nochmal selbst nach ("Sie legte massiv Gewicht zu!") - woraufhin Clintons Strategen Machado freudig für weitere Interviews vermittelten. Am Dienstagabend gab es kaum ein anderes Thema mehr.

Das ist die Macht des Mediums. Des alten Mediums: In Zeiten von Twitter, Snapchat und YouTube-Clips schafft es ein antiquiertes, 66 Jahre altes Vehikel, die politische Debatte zu erschüttern und die letzten Weichen der wichtigsten US-Wahl seit Generationen zu stellen - die urkonventionelle Fernsehdebatte.

Sonst schnell als substanzlose Soundbite-Show verhöhnt, gelang dem behäbigen Fernsehformat - steife Fragen, Ping-Pong-Antworten, keine Werbepausen - am Montag, was all den tollen Wahlspots, Parteitagen und Grundsatzreden bisher nicht gelungen war: Es demontierte Donald Trump.

Die quotenstärkste Fernsehdebatte in der US-Geschichte

Mehr als 84 Millionen TV-Zuschauer wohnten dieser Demontage in den USA live bei. Es war die quotenstärkste Fernsehdebatte in der US-Geschichte, also seit dem allerersten Duell zwischen John F. Kennedy und Richard Nixon im Jahr 1960. Zum Vergleich: "Nur" 2,7 Millionen aktive Twitter-Nutzer verfolgten das Spektakel mittels digitaler "Interaktionen", wie es das Marketing-Unternehmen Nielsen nennt, das die Rekordzahlen am Abend bekanntgab.

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Fotostrecke: Ein Handschlag - und los geht's

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Wir beklagen oft, dass die politische Bildung dank der Echokammern der sozialen Netzwerke verkümmere. Dass Wähler keine komplexen Informationen mehr speichern könnten. Dass die Aufmerksamkeit nach 140 Zeichen verfliege.

Das mag für Trump gelten, den König der Twitter-Tirade, und für seine vielen Fans. Doch auf der unerbittlichen Bühne der TV-Debatte gegen seine intellektuell gestählte, aseptische Rivalin verdorrte der großmäulige Mogul. Sein Hirn, ein propagandistischer Kurznachrichtendienst, spuckte am Ende nur noch zusammenhanglose Bruchstücke aus - Kurzschluss, buchstäblich.

Wir twittern und posten, wir teilen und liken, aber was erst richtig Schwung brachte in diesen digitalen Tsunami war ein traditioneller, analoger Schlagabtausch - ohne Entrinnen, ohne Teleprompter, ohne Pinkelpause.

Die Debatte demaskierte Trump als egomanischen Kaiser ohne Kleider, als rassistischen Rattenfänger, der nur ein müdes Lied im Pfeifenrepertoire hat.

Er konnte sich nicht länger hinter dem Smartphone verstecken, auf dem er seine Twitter-Pöbeleien komponiert. Oder hinter den Menschenmassen, die seine populistischen Parolen bejubeln. Oder im Schneideraum seiner gescripteten "Reality"-Shows, in dem aus ödem Alltagsmüll knackiges Entertainment wird und aus dem Pleitier ein erfolgreicher Geschäftsmann.

Das grelle Scheinwerferlicht schmolz all diese Schutzschilder weg. Übrig blieb, was Trump zum Verhängnis wurde - seine eigene, nackte, irre Person.

Und egal, wie diese wahnwitzige Wahl ausgeht: Allein die Anekdote von der gedemütigten Schönheitskönigin aus Venezuela sorgte dafür, dass Trump zwei der Wählergruppen, auf die er angewiesen ist, wohl doch verlieren dürfte - Frauen und Latinos. Auf Twitter und Fox News ist das immer noch etwas anderes als im Fernsehen, vor einem Drittel der US-Wahlbevölkerung.

"Sie ist inzwischen eine US-Bürgerin", vollendete Clinton die Verewigung Alicia Machados in Amerikas Wahlkampf-Annalen, über die Proteste Trumps hinweg. "Und du kannst Gift darauf nehmen, dass sie im November wählt."

Die Highlights des TV-Duells im Video:

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