TV-Duell in Arizona Aggressiver Schlagabtausch zwischen Bush und Kerry

In der letzten Fernsehdebatte vor der US-Präsidentschaftswahl lieferten sich George W. Bush und John Kerry heftige Wortgefechte. Der republikanische Amtsinhaber warf dem Demokraten Unzuverlässigkeit vor. Kerry beschuldigte Bush, den Blick für elementare Bedürfnisse des Volkes verloren zu haben.


Kerry und Bush: Harter Schlagabtausch in der letzten Debatte
AFP

Kerry und Bush: Harter Schlagabtausch in der letzten Debatte

Tempe - Bereits die erste Frage nach der Sicherheit Amerikas nutzte Kerry an der Universität von Tempe in Arizona zu einer Attacke auf Bush. Der Präsident habe die USA überstürzt in einen Krieg geführt und dabei Bündnisse mit anderen Staaten aufs Spiel gesetzt. Bush habe auch "nicht die Wahrheit" über die Stärke des Bündnisses im jüngsten Golfkrieg gesagt.

Kerry fügte hinzu: "Wir können bessere Arbeit beim Heimatschutz leisten. Ich kann bessere Arbeit mit einem geschickteren und effektiveren Krieg gegen den Terror leisten." An Bush gewandt sagte er: "Er hat den Krieg nicht als letzte Möglichkeit gesehen, sondern als erste." Kerry versicherte auf entsprechende Anschuldigungen von Bush: "Ich werde unsere nationale Sicherheit nicht den Führern anderer Staaten überlassen." Er wies auch die Vorwürfe zurück, Entscheidungsbefugnisse an eine internationale Organisation abzutreten zu wollen.

Bush attackierte Kerry hingegen für Aussagen, die er in einer Zeitschrift gemacht hatte. Denen zufolge hofft Kerry, der Terrorismus könnte auf ein "Ärgernis" zurückgestutzt werden - wie illegales Glücksspiel und Prostitution. "Ich denke, dieser Standpunkt ist gefährlich", sagte Bush. Kerry konterte, die von Bush geführte Invasion des Irak habe die USA verletzbarer gemacht und keineswegs sicherer.

Bush habe auch nichts unternommen, damit Häfen und die Frachträume von Flugzeugen nach Waffen von Terroristen durchsucht werden. Es sei eine "dreiste Behauptung", dass die Grenzen des Landes nicht gesichert seien, sagte Bush. Es zeige, dass Kerry "keine Ahnung" habe. 4000 Menschen kämen pro Tag illegal über die Grenzen der Vereingten Staaten, beharrte hingegen Kerry auf seiner Position.

Kerry versprach, die Terroristen "zur Strecke zu bringen". Dafür werde er sich in der Tradition starker amerikanischer Präsidenten um starke Bündnisse mit anderen Staaten bemühen. "Bush ließ Osama Bin Laden entkommen", sagte Kerry. Der amtierende Präsident habe den Warlords in Afghanistan die Jagd nach dem Chef des Terrornetzwerkes al-Qaida überlassen.

Bush entgegnete, dass drei Viertel der Qaida-Führer bereits gefangen wurden. "Und wir setzen alles daran, Bin Laden zu fangen". Im Gegensatz zu Kerry habe er einen "umfassenden Plan" zur Bekämpfung des Terrorismus. Ein erster Erfolg sei die demokratischen Wahl in Afghanistan. Außerdem sei das "Terrorregime" von Saddam Hussein im Irak beseitigt worden.

Gesundheits- und Arbeitsmarktpolitik

Arizona State University in Tempe: Austragungsort des letzten TV-Duells
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Arizona State University in Tempe: Austragungsort des letzten TV-Duells

Die Kontrahenten stritten über Sicherheitsfragen hinaus auch über die Schaffung von Arbeitsplätzen und die Gestaltung des Gesundheitssystems. Nach jüngsten Umfragen liefern sich die beiden Kandidaten rund drei Wochen vor der Wahl am 2. November immer noch ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen. Der Republikaner porträtierte seinen Kontrahenten in dem 90-minütigen TV-Duell als einen äußerst liberalen Politiker, der der US-Regierung weitgehende Eingriffe in das Leben der Bürger erlauben wolle. Es gebe einen Mainstream in der amerikanischen Politik, hielt der Präsident seinem Gegenspieler vor - "und Sie sitzen weit links." Kerry seinerseits warf Bush vor, ein gigantisches Staatsdefizit aufgebaut und das Wohlergehen der Bevölkerung eklatant vernachlässigt zu haben.

In der Gesundheitspolitik warf Kerry Bush totales Versagen vor. "Fünf Millionen Amerikaner haben keine Gesundheitsversicherung", sagte Kerry. Selbst bei Kriegsveteranen habe der amtierende Präsident gekürzt. Eine Frage zum knappen Impfstoff gegen die Grippe drehte Kerry in eine ausführliche Anklage gegen Bushs Gesundheitspolitik um. "Dieser Präsident hat dem Wohlergehen der amerikanischen Bürger den Rücken zugewandt", sagte der Demokrat.

Bush konterte, dass eine "Litanei von Klagen" noch lange kein politisches Konzept sei. Sein Rivale habe in der Gesundheitspolitik nur leere Versprechungen zu bieten. Wiederholt versuchte Bush, die Darlegungen Kerrys als übertrieben hinzustellen. Der Kandidat der Demokraten sei ein Vertreter der Politik, der nichts anderes kenne als höhere Steuern und steigende Staatsausgaben. Stattdessen lobte Bush seine Politik, die auf privater Vorsorge beruhe: "Wir werden überall beneidet für unser Gesundheitssystem." Eine staatliche Gesundheitsversorgung sei zum Scheitern verurteilt. In allen Ländern, in denen ein staatliches System eingeführt wurde, sei die Gesundheitsversorgung marode.

Kerry verbat es sich im Gegenzug, sich von Bush über Steuer-Verantwortung belehren zu lassen. Dieser Präsident habe einen Billionen-Überschuss übernommen "und ihn in Defizite umgewandelt, soweit das Auge reicht." Kerry versprach zudem, "aufzustehen und für die amerikanischen Arbeiter zu kämpfen", indem er für Arbeitsplätze in der Industrie Kredite bereitstellen werde, um eine Gesetzeslücke zu schließen, die Unternehmen für die Einstellung von Mitarbeitern im Ausland Steuervorteile gewährt.

Bush warf Kerry auch bezüglich seiner Arbeitsmarktpolitik eine Täuschung der Wähler vor. Sein Stimmverhalten als Senator zeige, dass er seine Meinung ständig ändere. Kerry wies die ständigen Angriffe über sein Abstimmungsverhalten als Senator souverän zurück. Zur Arbeitsmarktpolitik sagte Kerry in Richtung Bush: Dieser Präsident sei der erste Präsident seit 72 Jahren, der Arbeitsplätze vernichtet habe - insgesamt seien es in Bushs Amtszeit 1,6 Millionen gewesen. Bush führte den Verlust von Arbeitsplätzen auf die Rezession zurück.

"Bob, wir sind doch alles Gottes Kinder"

Bush reagierte im Verlauf seiner Statements immer aggressiver auf Kerrys Angriffe. Geradezu verzweifelt schien der Präsident zu versuchen, die Wähler zu überzeugen, gegen Kerry zu stimmen. Der Präsident habe kaum eine andere Wahl gehabt, als den Blick von der eigenen Amtsführung auf Kerry zu lenken, sagte Tony Fabrizio, ein republikanischer Berater in Washington. Bush habe sich in der dritten Fernsehdebatte entschlossen verteidigt. Ein Berater aus dem Lager der Demokraten, Dane Strother, sprach nach dem Schlagabtausch von einem Unentschieden. In der gesamten Debatte war Bush zudem äußerst bemüht, sein Mienenspiel unter Kontrolle zu halten.

Die beiden diskutierten auch über Homosexualität und Abtreibung. Kerry sagte an den CBS-Moderator Bob Schieffer gewandt in einem väterlichen Tonfall: "Bob, wir sind doch alles Gottes Kinder". Bush versprach: "Wir werden homosexuellen Menschen mit Toleranz, Würde und Respekt begegnen." Zum Teil wurden die Fragen des Moderators sehr persönlich. Zur Frage seines Glaubens bekannte Bush mit feuchten Augen: "Ja, ich bete viel, ich bete für Weisheit, für die Sicherheit unserer Soldaten, die sich in Gefahr befinden, ich bete für meine Töchter." Sein Glaube vermittle ihm Ruhe "in den Stürmen meiner Präsidentschaft". Auch Kerry sagte, die Religion gebe ihm Kraft bei seinen Entscheidungen.

Wie beim ersten Fernsehduell am 30. September stellten sich die beiden Kandidaten mit einem Abstand von drei Metern am Rednerpult den Fragen des Moderators. Im zweiten Duell stellten sich Kerry und Bush am vergangenen Freitag einem Publikum. Aus der ersten Diskussion war Kerry als klarer Sieger hervorgegangen, die zweite Debatte endete nach allgemeiner Einschätzung mit einem Unentschieden. Auch diesmal sieht es nach Einschätzung von Beobachtern wieder nach einem Sieg von Kerry aus.

Bush verbuchte zum Schluss der Debatte einen Lacherfolg, als er sagte, seine Frau Laura könne sogar besser Englisch als er. Er sprach davon, wie er seine Gattin zum ersten Mal bei einem Grillfest traf: "Es war Liebe auf den ersten Blick." Kerry sagte, dass Bush, der Moderator und er selbst glückliche Ehen führen würden. Vielleicht habe er in finanzieller Hinsicht die beste Wahl getroffen, scherzte er. Dann drückte auch Kerry auf die Tränendrüse und erzählte davon, wie ihm seine Mutter auf dem Sterbebett um "Integrität" in seinem politischen und privaten Leben gebeten habe - eine Aufforderung, die zu seiner Lebensmaxime geworden sei.

Bush habe die USA durch Spaltung herausgefordert, sagte Kerry in seinem Schlusswort. Nun gehe es um Einigung und Zusammenführung. "Es ist mir egal, ob einen gute Idee von den Republikanern oder den Demokraten kommt." Er werde ein starker Führer sein, versprach der Demokrat. Er wolle "mit Glauben an Gott und mit dem Glauben an die Werte Amerikas" wieder ein Land repräsentieren, das "stark im Inland und geachtet in der Welt" sein werde.



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