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17. April 2008, 09:18 Uhr

TV-Duell in Philadelphia

Obama und Clinton machen Wahlkampf - für McCain

Aus Philadelphia berichtet

Nettigkeiten und Nadelstiche - Hillary Clinton und Barack Obama bemühten sich auch in der jüngsten TV-Debatte, die Balance zwischen Angriff und Anstand zu halten. Doch das Dauerduell zerstört zusehends die Wahlchancen der Demokraten.

Sie haben jetzt fast 15 Monate geredet, sie haben gelernt, in Sekundenbruchteilen das Wort zu ergreifen, sie haben für jede mögliche Frage eine Antwort eingeübt. Und jetzt sind sie glatt sprachlos. Hillary Clinton und Barack Obama stehen auf der Bühne des "National Constitution Center" in Philadelphia. Alles hier atmet Geschichte, in dieser Stadt wurde einst die amerikanische Verfassung unterzeichnet, das Center ist ein Schrein für die Gründungsväter der Republik. "We the people" prangt an der Wand hinter den Bewerbern, die ersten Worte der Verfassung. Der Raum atmet die Erinnerung an ernste Versprechen.

Clinton und Obama in Philadelphia: Um Inhalte ging es erst nach der Werbepause
AFP

Clinton und Obama in Philadelphia: Um Inhalte ging es erst nach der Werbepause

Der Moderator will wissen, ob auch die beiden zu einem Versprechen bereit seien. Ob sie nicht jetzt und hier geloben wollen, eine einfache Abmachung einzuhalten: Wer nach allen demokratischen Vorwahlen im Juni Erster ist, der wird Präsidentschaftskandidat. Wer Zweiter ist, der wird Vizepräsidentschaftskandidat.

Clinton schaut zu Obama, Obama schaut zu Clinton. Sie zögern, bis die Zuschauer zu lachen anfangen. Und dann, endlich, ringt sich Obama durch. Es sei doch noch zu früh, um darüber zu sprechen. Clinton ergänzt, man müsse sich vor allem auf den republikanischen Bewerber John McCain konzentrieren. "Egal was für Unterschiede wir haben, die verblassen alle im Vergleich zu McCain."

Es könnte ein versöhnlicher Moment sein. Aber der ist vielleicht gar nicht mehr denkbar zwischen diesen beiden Bewerbern. In den Minuten vor Sendebeginn würdigen sie sich keines Blickes, in den Pausen gehen sie zurück in verschiedene Ecken der Bühne wie zwei Boxer in Kampfpausen.

Zwei Monate sind sie nicht mehr im Fernsehen gegeneinander angetreten. Seither hat sich viel getan. Obama liegt jetzt deutlich vorn bei Delegierten, beim Geld, bei Vorwahlsiegen. Viele sehen die Vorwahl am 22. April hier in Pennsylvania als Clintons letzte Chance. Doch eigentlich hat sich gar nichts getan. Noch immer geht es zwischen Clinton und Obama nicht wirklich um unterschiedliche Politikentwürfe. Es geht nicht um das, was die Amerikaner "policy", die Inhalte, nennen. Alles dreht sich um "politics", die Darstellung. Die Verpackung.

Die Moderatoren helfen tatkräftig. Obama wird mit Fragen eingedeckt: Was er denn nun genau gemeint habe, als er diese Woche Wähler in Pennsylvania "verbittert" nannte, die sich an Religion und Waffen klammerten? Ob er sich wirklich ausreichend distanziert habe von seinem Pastor Jeremiah A. Wright, der die Attacken vom 11. September als gerechte Strafe für amerikanische Arroganz bezeichnet hatte? Wie halte er es denn mit dem Patriotismus, obwohl er doch keine Flagge am Revers trage? Und warum er eigentlich immer noch Kontakt habe zum Englischprofessor William Ayers, der in den sechziger Jahren als Mitglied einer radikalen Untergrundbewegung Bomben gelegt hat?

Obama redet und redet. Vieles hat er schon oft gesagt. Dass er seine Worte über "bittere" Wähler bedaure - aber viele Menschen in Pennsylvania durchaus frustriert seien, wenn ihre Lage sich nicht bessere und die Politiker weiterhin nicht zuhörten. Dass er Patriot durch und durch sei, auch ohne den Anstecker mit der US-Flagge. "Ich verehre die amerikanische Flagge. Ich würde mich nicht als Präsident bewerben, wenn ich nicht Amerika verehren würde." Und die Verbindung mit Ayres? Solle er etwa keinen Kontakt zu jemandem halten, der in seiner Nachbarschaft wohne und vor vierzig Jahren etwas Furchtbares getan habe? Wo doch Bill Clinton selbst zwei Mitglieder der Ayers-Bewegung begnadigt habe?

Wenn Obama könnte, würde er vielleicht schreien. So wimmert er nur leise. "Sie nehmen eine Bemerkung und reiten sie zu Tode." Das sei es, was Clinton und ihr Team in den letzten vier Tagen getan hätten. Das lenke doch ab von den wichtigen Themen dieses Wahlkampfes. Eigentlich endet jede seiner Antworten mit einer Hoffnung. "Ich vertraue dem amerikanischen Volk."

Diese Hoffnung mag sich in den Vorwahlen der Demokraten erfüllen. Aber stimmt es auch für den Kampf ums Weiße Haus gegen die Republikaner? Das ist die Frage, die Hillary Clinton nicht müde wird zu stellen. Sie kann nach Ansicht vieler Experten nur noch gewinnen, wenn Super-Delegierte - die Parteihierarchen beim Nominierungsparteitag mit freiem Stimmrecht - massiv zu ihr abwandern. Weil sie Obama nicht mehr für wählbar halten. Weil er zu jung, zu liberal, zu unerfahren ist?

Sie steht deshalb nach jeder einzelnen Moderatorenfrage bereit, um genau diese Zweifel zu säen. Zeigten seine Bemerkungen über "bittere" Wähler nicht genau die Abgehobenheit, die den Republikanern nütze? "Das ist ein totales Missverständnis von Religion, von Traditionen. Ich kann verstehen, dass die Leute beleidigt sind." Zu dem umstrittenen Pastor: "Man kann seine Familie nicht aussuchen, aber man kann seinen Pastor aussuchen." Und zu den Terroristen um Ayers? Hat er nicht zu dem noch weiter Kontakt gehalten, selbst nach dem 11. September - als Ayers sagte, er bedaure, damals nicht noch mehr Bomben gelegt zu haben?

Sie spricht es nicht direkt aus, aber sie schleudert die Frage immer wieder mit aller Macht in den Raum. Kann Obama wirklich die Demokraten anführen in der harten Schlacht ums Weiße Haus? "Die Republikaner werden mit aller Macht angreifen", warnt Clinton. "Ich habe das alles durchgemacht, ich kenne das." So geht das weiter und weiter, fast 50 Minuten lang. Dann gibt es endlich eine Werbepause. Danach stehen, man glaubt es kaum, Inhalte im Mittelpunkt: Irak, Iran, die Wirtschaftslage, das Recht auf Waffenbesitz, Steuersenkungen.

Es geht eigentlich um das, was ein möglicher demokratischer Präsident im Weißen Haus tun würde. Aber im Presseraum breitet sich sanftes Desinteresse aus. Wer will das noch hören? Die ersten Berichte trudeln schon ein. Alle drehen sich um "politics". Dass Obama müde wirkte. Dass seine Antworten zu gewunden seien. Dass man sich die Verbindung zu William Ayres noch einmal genau anschauen müsse.

Für Clinton trudeln auch Statistiken ein. Dass 60 Prozent der Vorwähler sie nicht für vertrauenswürdig halten. Ihre Beliebtheitswerte immer weiter zurückgehen. Aber vielleicht spielt das keine Rolle mehr für sie: Schon wird geraunt, es ginge ihr nur noch darum, Obama so zu beschädigen, dass er gegen John McCain unterliege. Weil sie dann vier Jahre später den zu diesem Zeitpunkt 75 Jahre alten McCain beerben könne.

Nach neunzig Minuten ist es vorbei. Ein kurzer Händedruck. Beide wirken froh, dass die Zeit um ist. Man muss das einst strahlende Duo nur anschauen, um zu wissen, dass dieser Vorwahlkampf zu lange dauert. Nur einen klaren Gewinner gibt es. Doch der ist gar nicht auf der Bühne: John McCain.

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