TV-Duell Scharfe Debatte in St. Louis

Vielleicht lag ihm die Art des Auftritts eher. Vielleicht half auch die Erkenntnis, dass ein weiterer verpatzter Auftritt die Wiederwahl kosten kann: US-Präsident Bush hat sich heute Nacht in der zweiten TV-Debatte mit seinem Herausforderer Kerry glänzend geschlagen. Aber der große Auftritt des einen war nicht gleich die Niederlage des anderen.

Von Georg Mascolo, Washington


Bush vs. Kerry: Beim zweiten Duell in St. Louis stellten Wechselwähler die Fragen
AFP

Bush vs. Kerry: Beim zweiten Duell in St. Louis stellten Wechselwähler die Fragen

Washington - 90 Minuten lang war der Präsident hochkonzentriert, präzise und verteidigte den Krieg im Irak ebenso emphatisch wie die ziemlich laue Wirtschaftslage. Kerry schlug sich indes nicht weniger gut. Keinem der beiden gelang trotz aller Versuche den Gegner schwer zu beschädigen.

Neue Argumente waren nicht zu hören. Bush versuchte Kerry wieder als wankelmütigen Liberalen darzustellen, dem man das Land nicht anvertrauen dürfe: "Er steht im Ruf seine Position ständig zu ändern, weil er es tut." Kerry keilte zurück: "Wir waren sicherer bevor Bush Präsident wurde." Wahrscheinlich kann keiner der beiden Bewerber aus der zweiten Fernsehdiskussion einen großen Vorteil erzielen. Angesichts der Umfragen, die Bush und Kerry fast alle mehr oder weniger gleichauf sehen, bleiben die letzten Wochen bis zur Wahl hoch spannend.

Ein Studio voller Gäste, die ihre Fragen selbst vorlesen durften - das war erkennbar eher nach Bushs Geschmack als das Zwiegespräch mit einem Moderator. Mit angespanntem Gesicht und konzentriertem Blick hatte der Präsident die Aula der Washington Universität in St-Louis betreten. Kerry dagegen, zunächst ganz Favorit, winkte, lachte und begrüßte Bush mit einem freundschaftlichen Klapps auf den Rücken.

Aber schnell wurde deutlich, dass Bush diesmal alles daran setzen würde, die Bühne nicht noch einmal als Verlierer zu verlassen. Der Präsident gab sich locker, wanderte bei seinen Antworten herum, verteidigte eindringlich seine Politik und begann schließlich sogar mit den Gästen zu scherzen. Die Menschen in den USA mochten Bush schon immer lieber als seine Politik. Bisweilen wirkte der Titelverteidiger so entspannt, als sei er bei einem seiner Wahlkampfauftritte.

Die Studiogäste waren vom Gallup-Umfrageinstitut ausgesucht worden und hatten für beide Kandidaten ein paar scharfe Fragen aufgeschrieben. Dass ihre Freunde ihn für "Wischi-Waschi" halten, musste sich der Demokrat gleich zu Anfang anhören. Kerry machte für diesen Eindruck eine Diffamierungskampagne der Republikaner verantwortlich: "Sie haben die Massenvernichtungswaffen im Irak nicht gefunden, deshalb haben sie eine Kampagne der Massentäuschung gestartet. Bush versucht ihnen einzureden, dass ich nicht Präsident sein kann." Seit ein Regierungsbericht diese Woche endgültig festgestellt hat, dass es im Irak keine verbotenen Waffen gab, ist die Nervosität im Weißen Haus groß. Bush verteidigte den Einmarsch vehement "Ich war auch nicht glücklich, als wir herausgefunden haben, dass da gar keine Waffen sind. Aber Saddam Hussein war eine große Gefahr und die Welt ist ohne ihn sicherer." Kerry konterte: "Sie können nicht sagen, in zehn Jahren wäre er vielleicht eine Gefahr geworden. Das ist keine Begründung, sondern eine Entschuldigung." Eine junge Frau erzählte wie schockiert ihre Mutter und ihre Schwester neulich von einer Auslandsreise zurückkamen. "Wie wollen Sie die Beziehungen zu anderen Staaten wieder reparieren?", fragte sie Bush. Der verglich sich mit Ronald Reagan, der damals in Europa auch ungeheuer unpopulär gewesen sei und doch im Recht. Bush: "Manchmal muss man in dieser Welt unpopuläre Entscheidungen treffen." Er dementierte, wegen der angespannten militärischen Lage die Einführung der Wehrpflicht zu planen: "Nicht solange ich Präsident bin."

Anders als in der ersten Debatte ging es in St. Louis auch um die Innenpolitik. Kerry versprach die Steuern nur für diejenigen zu erhöhen, die unter Bush stets verschont worden seien - die Großverdiener. In diesem Saal wären das nur er, der Präsident und der Moderator, scherzte Kerry. Bush versprach, in den nächsten vier Jahren das Rekorddefizit zu halbieren. Wie ihm das gelingen sollte, verriet er nicht.

Diesmal war er auch auf die Frage vorbereitet, welche Fehler er in den vergangenen vier Jahren gemacht hat. Darauf keine Antwort zu wissen, hatte ihn als arrogant und uneinsichtig erscheinen lassen, sagen seine Berater. Bushs Antwort jetzt: "Ich habe ein paar falsche Leute ernannt. Aber wenn ich ihre Namen hier nenne, würde dass ihre Gefühle verletzten."

Der nette Nachbar wird Kerry nicht mehr werden, aber seine gefürchteten hölzernen Auftritte mit den Bandwurmsätzen haben ihm seine Berater endgültig ausgetrieben. Hillary Clinton erklärte Kerry sofort nach Ende der Veranstaltung zum klaren Sieger. Aber so ist es in den USA nach jedem der Duelle gewesen: Die Parteifreunde sind rasch dabei, einen Sieg zu verkünden. Der Wähler braucht dafür gemeinhin ein bisschen länger. Erst die nächsten Tage werden zeigen, wer aus dieser Debatte einen Vorteil ziehen konnte.



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